Von Open Access zu Open Science: Zum Wandel digitaler Kulturen der wissenschaftlichen Kommunikation

Abstract

HINWEIS: KOMMENTARE SIND AUFGRUND DER PROMOTIONSORDNUNG NICHT ERLAUBT UND DEAKTIVERT! DIESE ARBEIT IST IN BEARBEITUNG UND WURDE IM AUGUST 2014 AUS ANDEREN DOKUMENTEN ZUSAMMEGESETZT. Diese Version der Arbeit wurde im Juni 2016 eingereicht. Weitere Informationen: http://offene-doktorarbeit.de

Einleitung

Die Kenntnis des gegenwärtigen Wissensstandes sowie uneingeschränkte und offene Kommunikation werden als wichtige Voraussetzungen für wissenschaftliche Forschung betrachtet (Gläser 2006) (Gibbons 1994). Offenheit und Transparenz werden zudem als wesentliche Bestandteile einer Ethik der Wissenschaft bezeichnet (Peters 2014) (Resnik 2005) und sind Grundlage für den gesellschaftlichen Auftrag des Wissenschaftssystems (:3 Hanekop 2014), neues überprüfbares Wissen zu produzieren und zu verbreiten (:551 Lüscher 2014) (:298 Luhmann 1998) (:100 Graefen 2007). In dieser Arbeit wird untersucht, welche Auswirkungen die Digitalisierung und die Forderungen nach Öffnung der Wissenschaft auf die wissenschaftliche Kommunikation von Universitäten, wissenschaftlichen Einrichtungen und von den einzelnen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen haben.

Die gestörten Gleichgewichte im aktuellen wissenschaftlichen Publikationssystem (Joseph 2006), die Mängel in den wissenschaftlichen Anreizsystemen (Osterloh 2008), der steigende Publikationsdruck, die finanzielle und ideelle Notlage von Bibliotheken (Russell 2008) (Sietmann 2007), Herausforderungen bei der Wahrung der Freiheit und Unabhängigkeit von Wissenschaft und Forschung (Götting 2015), fehlende Transparenz, der Anstieg an Wissenschaftsskandalen (Brembs 2015) und die zunehmende Ökonomisierung des Universitätsbetriebs (Bauer 2006) führen dabei zu der Frage, ob das wissenschaftliche Kommunikationssystem der theoretischen Aufgabe von Wissenschaft uneingeschränkt gerecht werden kann (Schekman 09.12.2013) oder jemals in vollem Umfang gerecht werden konnte.

Mit der zunehmenden Verbreitung und Etablierung des Internets als Kanal für die wissenschaftliche Kommunikation, für Forschungsaktivitäten und den Austausch von Informationen wurden neue Hoffnungen für die Verbesserung der “fatalen und unhaltbaren Situation” (:155 Brembs 2015) sowie für die Öffnung des Wissenstransfers (Schulze 2013) (Albert 2006) und des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses geweckt (Hanekop 2014) (European Commission 2006) (Goodrum 2001) (Lawrence 1999). Diese Erwartungen umfassen unter anderem den Wunsch nach “unbeschränktem Zugang zur gesamten wissenschaftlichen Zeitschriftenliteratur” (BOAI 2002), nach mehr Transparenz im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (The European Commission 2015), nach Möglichkeiten der Steigerung von Effizienz und Effektivität von Wissenschaft (Partha 1994) und “dass die alten Zugangs- und Nutzungsbeschränkungen sukzessive ausgeräumt werden” (BOAI 2002) können. Grundlage dafür ist die Annahme, dass die Folgen der technologischen Entwicklungen “zwangsläufig zu erheblichen Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizierens führen und einen Wandel der bestehenden Systeme wissenschaftlicher Qualitätssicherung einleiten” (Max Plank Society 2003) würden.

Im Zuge dieser technologischen Entwicklungen, politischer Forderungen und gesellschaftlicher Annahmen gab und gibt es auf der einen Seite ein großes Interesse an der offenen Kommunikation und Unterstützung für den Wunsch nach freiem Zugriff auf wissenschaftliche Informationen. Auf der anderen Seite hat die Medien- und Technikgeschichte gezeigt, dass es bei Einführung eines neuen Mediums mit größerer Reichweite immer wieder zu Irritationen (Näder 2010) und Irrelevanz- oder gar Verlustängsten kommt (Hagner 2015). So zeigten die ersten Erfahrungen des Experimentierens mit dem Internet als neuem Kommunikationskanal für den wissenschaftlichen Austausch schnell, dass es sehr viel schwieriger sein würde, das wissenschaftliche Kommunikationssystem zu öffnen, und dass die Hürden für einen Wandel des Systems größer sind, als ursprünglich angenommen (Björk 2004).

Somit bestehen trotz der zunehmenden Digitalisierung wissenschaftlicher Kommunikationssysteme und -prozesse weiterhin umfangreiche Barrieren beim Zugang zu wissenschaftlichen Informationen sowie bei den Möglichkeiten der (Weiter-)Verwendung dieser Informationen. Nur sehr langsam führen die ersten Modifikationen im System Wissenschaft zu Effekten bei der Verfügbarkeit von Wissen für die Gesamtgesellschaft. Auch rund 25 Jahre nach den ersten elektronischen Verfahren zum offenen Austausch wissenschaftlicher Publikationen (Albert 2006) und 350 Jahre nach dem Erscheinen der ersten wissenschaftlichen Fachzeitschrift (Moxham 2015) muss das “alte” System demnach noch immer als weitestgehend stabil bezeichnet werden (Brembs 2015) (Hanekop 2014) (Warnke 2012) und eine Veränderung der Tradition der wissenschaftlichen Praxis im Sinne einer “wissenschaftlichen Revolution” (Kuhn 2012) scheint bisher (noch) nicht absehbar. Die Gründe und Einflussfaktoren für diese Entwicklung in Wissenschaft und Forschung werden im Folgenden dargestellt, empirisch und experimentell überprüft sowie abschließend diskutiert und zusammengefasst.

Relevanz des Themas

Im Rahmen des postulierten Wandels stehen nicht nur die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sondern auch das ganze Universitätssystem sowie andere Bildungseinrichtungen und wissenschaftliche Bibliotheken vor bedeutenden Herausforderungen (Müller 2010) (Harter 2006) (Guédon 2004) (Osterloh 2008) (Beverungen 2014). Die wissenschaftliche Kommunikation hat sich dabei in den letzten Jahrhunderten nur marginal verändert. “Nach innen” (wissenschaftsintern) bietet sie zwar einen gewissen Grad an Offenheit, aber nach außen ist sie geschlossen (Kelty 2004).

Die Institution Universität sowie wissenschaftliche Einrichtungen laufen im Kontext dieser Entwicklungen Gefahr, ihre Bedeutung als Ort der Wissensproduktion und -evaluation (weiter) zu verlieren (:343 Krücken 2001). Denn spätestens mit der Privatisierung der Verarbeitung, Speicherung und Übertragung von Wissen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hörten Universitäten auf, selber Bücher zu verlegen (Joseph 2006). Darüber hinaus fordert die Wirtschaft (zunehmend) eine öffentliche Finanzierung der Wissensproduktion und erwartet gleichzeitig die privatwirtschaftliche Aneignung und Nutzung des produzierten Wissens (Weingart 2001). Dieses Prinzip der kollektiven Wissensproduktion, bei dem die Wirtschaft unentgeltlich an wissenschaftliche Informationen gelangt, wird vor allem von Verlagen für ihre Wertschöpfung genutzt. Neben dem entgeltlichen Vertrieb der wissenschaftlichen Informationen ermöglichen diese Verlage den Autoren und Autorinnen, durch den “Rückgriff auf informal konstituierte Reputationen” (:237 Soziologische Aufkl{\...) als Gegenleistung die Chance auf Anerkennung von der wissenschaftlichen Community und Reputation im wissenschaftlichen System (Bernius 2009).

Im Zusammenhang mit dem Wandel sind als besondere Herausforderung für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, und damit abgeleitet auch für die Institutionen, die Wahrung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung bei möglichst uneingeschränkter Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse (Hagner 2015) (Ash 2015) (Buss 2001) auf der einen sowie die Forderung nach besseren (Selbst-)Steuerungs- und Leistungsprozessen (Adler 2009) (Gibbons 1994) auf der anderen Seite zu nennen. Ebenfalls von besonderer Bedeutung sind auch die Auswirkungen des Wandels auf das Kommunikations- und Reputationssystem der Wissenschaft.

Das in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnende Auseinanderdriften der Interessen zwischen der privatwirtschaftlichen Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der ursprünglichen Aufgabe von Wissenschaft, neues überprüfbares Wissen zu produzieren und zu verbreiten, führten zu einer wissenschaftlichen Publikations- und Kommunikationskrise. Sie ist durch den wachsenden Kostendruck, Preissteigerungen (Lewis 2011), Publikations- (Egger 1997) (Fanelli 2012) (Beverungen 2012) (Brembs 2013) und Reportbias (Chan 2008) (Dickersin 2011), Cargo Cult Science (Feynman 1974) und die Einschränkung des Zugriffs auf wissenschaftliche Informationen (Hess 2006) gekennzeichnet. Das aktuelle System mit den genannten Problemen steht dem Bestreben, dass es der Wissenschaft im Kern um Erkenntnisse und die uneingeschränkte Zurverfügungstellung dieser geht (Hanekop 2006), entgegen (Offhaus 2012).

Infolgedessen entstand unter den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen auch die Befürchtung, dass es durch Publikationsdruck und den Druck anwendungsorientierter zu forschen, wahrscheinlicher wird, dass viele der veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind (Ioannidis 2005). Die genannten Entwicklungen befördern die Geschlossenheit des wissenschaftlichen Kommunikationssystems, erschweren nachhaltig den Zugang zu Wissen, beeinträchtigen die Erstellung von neuem Wissen (Willinsky 2006) (Feyerabend 1986) (Luhmann 1998) und führen zu einem zunehmend unhaltbaren Zustand bei der wissenschaftlichen Kommunikation (Schekman 09.12.2013).

Sucht man nach Gründen für die Beibehaltung des bisherigen Modells durch die Wissenschaftsgemeinschaft, wird deutlich, dass vor allem Unwissen über die wirtschaftlichen Entwicklungen, rechtliche Bedenken und das etablierte wissenschaftliche Reputationssystem zentrale extrinsische Motivationsfaktoren für die Unterstützung des bisherigen Systems durch die wissenschaftliche Gemeinschaft darstellen (Herb 2015). Als weiterer Grund wird die komfortable Situation der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen genannt, diese müssen nur selten auf den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen verzichten und sind von der Auseinandersetzung um die mit den finanziellen Aspekten wissenschaftlicher Kommunikation weitestgehend befreit (Sietmann 2007) (Hanekop 2006) und den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen davon abgeraten wird, die vorherrschenden Paradigmen der wissenschaftlichen Praxis zu hinterfragen (Siegfried 2013) (Loeb 2013). Dennoch tragen die Verschärfung der Krise und die langsam spürbaren Auswirkungen auf die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu bei, dass die Forderung nach Veränderung des Systems zunehmende Unterstützung erfährt.

Die Suche nach einem Ausweg aus dieser Kommunikations- und Publikationskrise führte zu der anhaltenden Forderung nach der besseren öffentlichen Verfügbarkeit von Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung und Arbeit und nach Alternativen für das geschlossene wissenschaftliche Publikations- und Kommunikationssystem. Ergänzend zu den erstmals artikulierten Forderungen nach der Öffnung dieser geschlossenen Form der Kommunikation in Wissenschaft und Forschung befinden wir uns infolge der neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung und Globalisierung inmitten eines “radikalen Wandels” (Poynder 2011) des tradierten wissenschaftlichen Kommunikationssystems. Dieser Wandel bietet nicht nur die Chance für die Lösung der Herausforderungen im aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystem, sondern ermöglicht auch eine umfassende “Beschleunigung des Wissensumschlages” (:540 Giesecke 1991) und führt potenziell dazu, dass offene Innovation und offene wissenschaftliche Kommunikation den privaten und staatlichen Forschungsbereich effizienter machen (Chesbrough 2006) sowie den gesamtgesellschaftlichen Fortschritt in bisher unbekannter Weise beschleunigen (Chesbrough 2003).

Ungeachtet dieser Entwicklungen ist unübersehbar, dass das System der wissenschaftlichen Kommunikation noch immer “weitgehend stabil” (:2 Hanekop 2014) geblieben ist und im aktuellen Steuerungssystem der Wissenschaft weiterhin anhand der tradierten wissenschaftlichen Bewertungssysteme Reputation, Mittel und Stellen verteilt werden (Hollricher 2009) (de Vries 2001). Die analog gedruckten und bewährten Journale sowie andere Publikationsformen der großen wissenschaftlichen Verlage werden bisher einfach nur mit nahezu unverändertem Geschäftsmodell zusätzlich digital verbreitet (Hanekop 2014) (BOAI 2012).

Trotz umfangreicher Literatur liegen bisher nur wenige Untersuchungen und Experimente zur Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation, vor allem aus den Geisteswissenschaften (Näder 2010), vor. Daraus ergibt sich die Relevanz und Notwendigkeit, die bisherigen Entwicklungen im Bereich der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation aus geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive genauer zu untersuchen, den Erkenntnissen über die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation aus der Literatur empirisch erhobenen Daten gegenüberzustellen, die Erkenntnisse praktisch-experimentell zu überprüfen und das Ergebnis zu diskutieren und einen Ausblick für die weitere Entwicklung zu wagen.

Zielsetzung der Arbeit

In dieser Arbeit werden die möglichen Auswirkungen der Digitalisierung und der Forderung nach Öffnung der Wissenschaft beziehungsweise der wissenschaftlichen Kommunikation auf Universitäten, wissenschaftliche Einrichtungen, aber auch auf den einzelnen Wissenschaftler und die einzelne Wissenschaftlerin genauer untersucht. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Unterschiede zwischen dem reinen Zugang zu publiziertem Wissen auf der einen und dem kompletten Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess auf der anderen Seite sowie das Zusammenspiel unterschiedlicher Formen der Wissensverbreitung vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung.

Es wird dabei betrachtet, inwieweit es sich bei der Öffnung von Wissenschaft im Rahmen von Open Access und Open Science tatsächlich um einen grundlegenden Wandel in der wissenschaftlichen Kommunikation handelt. Im weiteren Fokus der Untersuchung stehen der Umstand, dass die meisten wissenschaftlichen Informationen der Allgemeinheit bisher nicht zugänglich sind und welche Herausforderungen, das Wissen frei(er) zugänglich zu machen, daraus resultieren sowie welche Konsequenzen für das Wissenschaftssystem daraus zu erwarten sind.

Das Thema wird auch in einen historischen Kontext gestellt und es werden Argumente für und wider die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation aus Sicht der am wissenschaftlichen Kommunikationssystem beteiligten Akteure durch eine Befragung erhoben, um Gründe für die bisherigen Entwicklungen zu erarbeiten und zu einem vertieften Verständnis der unterschiedlichen Definitionen von Open Access und Open Science im Kontext wissenschaftlicher Kommunikation zu gelangen. Die wissenschaftliche, disziplinübergreifende Debatte um die Öffnung von Wissenschaft und Forschung wird dabei dargestellt, auf den deutschsprachigen Raum begrenzt sowie Katalysatoren und Hindernisse für die Etablierung der Forderung nach Öffnung bei den wissenschaftlichen Akteuren identifiziert und abgefragt.

Ziel ist eine aktuelle Verhandlung der theoretischen Annahmen und unterschiedlichen Definitionsversuche rund um die Etablierung und Praktizierung offener wissenschaftlicher Kommunikation mit den praktischen Gegebenheiten im wissenschaftlichen Alltag. In diesem Zusammenhang wird insbesondere die Diskrepanz zwischen der Idee der Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation und der wissenschaftlichen Realität (Scheliga 2014) erörtert sowie die Gründe für die schleppende Umsetzung der Konzepte rund um die Öffnung von Wissenschaft erarbeitet. Die Erfahrungen und Meinungen der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen werden dabei den Erfahrungen aus einem Selbstversuch gegenübergestellt und abschließend Handlungsempfehlungen für das offene Bearbeiten wissenschaftlicher Fragestellungen gegeben.

Die forschungsleitende Hypothese dieser Arbeit ist, dass sich die Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen für die Gesamtgesellschaft (Open Access) in einer andauernden Übergangsphase zur Öffnung des Zugriffs auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (Open Science) befindet. Die sich daraus ableitenden Fragestellungen umfassen zum einen die theoretische Bedeutung und Historie von Offenheit im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation, zum anderen die empirische Frage nach den Motiven und Beweggründen für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der unterschiedlichen Disziplinen, entweder das aktuelle wissenschaftliche Kommunikationssystem oder die Forderung hin zu Offenheit zu unterstützen. Anschließend wird durch die Dokumentation des offenen Verfassens dieser Arbeit in einem Selbstexperiment erarbeitet, welche Hürden, Grenzen und welcher Aufwand durch die Öffnung der formellen Kommunikation für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen tatsächlich entstehen. “Offenes Verfassen” bedeutet in diesem Zusammenhang, dass diese Arbeit direkt und unmittelbar bei der Erstellung in den Jahren 2013, 2014 und 2015 für jede Person, jederzeit frei zugänglich im Internet unter einer offenen und freien Lizenz (CC-BY-SA) veröffentlicht wurde und die Arbeit jederzeit öffentlich nachvollziehbar ist.

Es wird erörtert, welche möglichen Auswirkungen durch diesen Prozess der Öffnung auf das Selbstverständnis der Wissenschaft und auf die wissenschaftliche Reputation in den unterschiedlichen Disziplinen zu erwarten sind. Dafür werden relevante Wege des Wissenstransfers ermittelt, Probleme und Hemmnisse bei der offenen Durchführung von wissenschaftlicher Arbeit herausgearbeitet und Handlungsmöglichkeiten am Beispiel der Erstellung einer Dissertation erschlossen.

Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist in acht Kapitel unterteilt. Nach der Einführung in die Thematik, in die Relevanz des Themas sowie die Beweggründe und Positionen des Autors werden im Kapitel “Grundlagen” die Chronologie, Begriffsbestimmungen und Debatten des Themenbereiches genauer betrachtet. Es wird zunächst die Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation chronologisch dargestellt, auf die Forderung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und auf Veränderungen durch die Digitalisierung eingegangen und diese in den Kontext der wissenschaftlichen Reputation, des wissenschaftlichen Ethos und Diskurses gestellt.

Im Kapitel “Herausforderungen in der wissenschaftlichen Kommunikation” werden die aus den Debatten in der Literatur ausgearbeiteten Herausforderungen dargestellt sowie Anknüpfungspunkte für die empirische Untersuchung abgeleitet.

Im dritten Kapitel werden Vorüberlegungen zur Methodenwahl angestellt und die Forschungsfragen ausformuliert sowie der zur Beantwortung der Forschungsfragen angewandte Methodenmix beschrieben, begründet und kritisch betrachtet.

Im darauffolgenden Kapitel wird eine empirische Untersuchung zur Prüfung der identifizierten Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung von Wissenschaft und Forschung, die mittels einer Online-Befragung im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt wurde, dokumentiert und ausgewertet. Dabei wird auf die Defizite und die aktuellen Debatten um die Begriffe “Open Access” und “Open Science” auf Grundlage der Erkenntnisse aus den vorhergehenden Kapiteln zurückgegriffen.

Der offene Erstellungsprozess im Sinne eines prospektiven Realexperimentes und die Dokumentation des Experiments im siebten Kapitel erweitern den empirischen Ansatz der Befragung im sechsten Kapitel um praktisch gewonne Erkenntnisse. Diese Herangehensweise ermöglicht es, einen primär verstehenden Zugang zu den Forschungsfragen und den Zielen der Arbeit zu erhalten und diesen in Form einer Selbstbeobachtung zu dokumentieren. Im Ergebnis werden Vorteile und Nachteile der offenen Anfertigung der Arbeit dargestellt, die Praxistauglichkeit überprüft, der Aufwand dokumentiert und Handlungsempfehlungen für das offene Verfassen wissenschaftlicher (Qualifikations-)Arbeiten abgeleitet.

In den letzten beiden Kapiteln werden die gewonnenen Ergebnisse und die Vorgehensweise sowie die Fragestellungen dieser Arbeit kritisch diskutiert sowie abschließend zusammengefasst. Auf Grundlage der Forschungsergebnisse und der eigenen Erfahrungen werden Empfehlungen zum Schreiben offener wissenschaftlicher Arbeiten sowie ergänzend ein Ausblick auf die weitere Entwicklung offener Strukturen im Rahmen wissenschaftlicher Tätigkeit formuliert.

Alle Teile der Arbeit folgen der forschungsleitenden Hypothese, dass sich Open Access in einer Übergangsphase befindet, die derzeit noch überwiegend durch die reine offene Bereitstellung wissenschaftlicher Publikationen geprägt wird, langfristig aber zur Öffnung weiterer Teile der wissenschaftlichen Kommunikation als wesentliche Grundlage für den Wissenszuwachs in der Gesamtgesellschaft (Open Science) führen wird. Ausgehend von den Fragestellungen wird dazu ein interdisziplinärer Zugang zur wissenschaftlichen Bearbeitung gewählt, der translational von den Kulturwissenschaften über die Politikwissenschaften und die Wirtschaftswissenschaften bis hin zu den Medienwissenschaften reicht, an die Wissenschafts- und Technikforschung angelehnt ist und sich empirischer, analytischer sowie auch experimenteller Methoden bedient.

Beweggründe und eigene Position

Die Beweggründe für die Erstellung der vorliegenden Arbeit sind die Folge der langjährigen Beschäftigung des Autors mit dem Konzept von “Offenheit” als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hybrid Publishing Lab der Leuphana Universität und als Vereinsvorstand der Open Knowledge Foundation Deutschland. Die hier angestrebte Auseinandersetzung mit den Konzepten rund um Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationssystem zielt somit auch auf die kritische Auseinandersetzung und das Hinterfragen der eigenen Positionen.

Die eigene Position zum Beginn des Erstellungsprozesses der Arbeit muss als klar befürwortend gegenüber den Forderungen nach Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikations- und Erkenntnisprozesses bezeichnet werden. Sie fußt auf den Erfahrungen des beruflichen und ehrenamtlichen Engagements in der Förderung, Forderung und Ausgestaltung offener und transparenter Kommunikation in den gesellschaftlichen Teilbereichen Wissenschaft, Politik und Verwaltung. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Konzept von Offenheit bildet auch die differenzierte Betrachtung der eigenen Auffassung einen Schwerpunkt dieser Arbeit und wird im Zusammenhang mit den jeweiligen Betrachtungen immer wieder eine Rolle spielen.

Ziel dieser Auseinandersetzung ist es, die anhaltenden Forderungen nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation unter dem Einsatz von Technik als soziales und kulturelles Phänomen besser zu verstehen und diese Entwicklung einer differenzierten und kritischen Analyse zu unterziehen. Die Wandlungsprozesse des wissenschaftlichen Kommunikationssystems sollen auf soziotechnische Grundlagen hin untersucht werden, trotzdem soll eine kritische Distanz gewahrt bleiben. In dieser Arbeit wird abschließend auch die eigene Position und die Praxistauglichkeit der Forderungen an das wissenschaftliche Kommunikationssystem im Rahmen der offenen Anfertigung dieser Arbeit geprüft und kritisch hinterfragt.

Die Auseinandersetzung mit den Fragestellungen folgt dem Ansatz der Science and Technology Studies (STS) beziehungsweise der Wissenschafts- und Technikforschung. Sie bezeichnet ein transdisziplinäres Forschungsfeld, das Ende der späten 1970er Jahre angetreten ist, um “Wissenschaft und Politik neu zu denken” (:92 Potthast 2010). Die “empirische Untersuchung der vielfältigen Rollen von Wissen und Technologie in modernen Gesellschaften” (:11 Beck 2014) ist dabei vorrangiges Ziel der STS. Diese Herangehensweise beschäftigt sich mit den soziotechnischen Entwicklungen, den sozialen, kulturellen und politischen Dynamiken, die Wissenschaft und Technik formen, sowie der Frage, wie diese Dynamiken zukünftig Gesellschaft, Politik und Kultur beeinflussen (Potthast 2010) (Brown 2014).

Dieser Zusammenhang ermöglicht es, das Forschungsthema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und die Beobachtungen unterschiedlichen Disziplinen zuzuordnen (Beck 2014) (Potthast 2010). Wissenschaft wird demnach nicht mehr nur “als Ergebnis rein intellektueller kontemplativer Tätigkeit, sondern als Ergebnis praktischen Tuns und sozialen Handelns” (:13 Beck 2014) verstanden. In den STS sehen sich die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht als Entdecker, sondern als aktive Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Dialogs um die Entwicklung (MacKenzie 1999). Sie streben danach, die empirischen Realitäten von Technologie und Medien zu verstehen (Kelty 2014), ohne immer zwangsläufig auf bereits bestehende Konzepte und Theorien zurückzugreifen (:8 Brown 2014) und folgen den Akteuren, anstatt Urteile im Voraus abzugeben (:584 Irwin 2008).

Es ist unter anderem die Aufgabe von STS, die “Verschränkung von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft im Alltag zu untersuchen und damit auch die Rolle von Wissen und Technologie in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen näher zu bestimmen” (:9 Beck 2014). Die STS haben sich bei der Erforschung von Wissenschafts- und Technologiekultur zu einer etablierten Herangehensweise entwickelt, um darzustellen, inwiefern Technologien politisch sind (Kelty 2014).

Dieser Ansatz scheint gut geeignet, um die Beobachtungen im Rahmen dieser Forschungsarbeit wissenschaftlich zugänglich zu machen. Die Einordnung basiert unter anderem auf der Annahme, dass die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation in engem Zusammenhang mit der technologischen und politischen Entwicklung steht (Weingart 2005). Dieser Zusammenhang wird in der vorliegenden Arbeit empirisch im Alltag durch eine Befragung der wissenschaftlichen Akteure und das eigene offene wissenschaftliche Kommunizieren bei der Erstellung erforscht. Die Herangehensweise ermöglicht eine als Realexperiment konzipierte ethnographische Untersuchung des eigenen Forschungsalltags, bei der die teilnehmende Beobachtung des offenen Verfassens der Arbeit sowie die Online-Befragung die Grundlage für den Methodenmix einer ethnographischen Betrachtung darstellen (Bachmann 2011). Dieser Mix ermöglicht es, die Auswirkungen auf die Kommunikation von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen möglichst vollumfänglich zu beschreiben.

Durch die Betrachtung der Rolle von offenem Wissen und Technologie für wissenschaftliche Kommunikationsprozesse sowie durch die empirische Erforschung der Wissensproduktion und -verbreitung, seinen epistemologischen Voraussetzungen und den daraus resultierenden Konsequenzen (:12 Beck 2014) soll mit dieser Arbeit ein Beitrag zum Fortschritt für die Wissenschafts- und Technikforschung geliefert werden. Auch wenn die Kombination von akademischer Arbeit mit Aktivismus nicht einfach ist, da in der akademischen Welt ein gewisser Druck herrscht, die Arbeit von sozialem Engagement zu trennen, kann sie lohnend für die Sache sein (:25 Flood 2013).

Grundlagen: Chronologie, Begriffsbestimmungen und Debatten

Das System der wissenschaftlichen Kommunikation, das in der derzeitigen Form seit mehreren hundert Jahren besteht, basiert auf der Forschung, der Begutachtung, dem Druck, der Kommunikation der Ergebnisse in wissenschaftlichen Publikationen, der Verbreitung sowie dem Verkauf an Bibliotheken und andere wissenschaftliche Institutionen und dem anschließenden Diskurs in der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit (Ash 2015). Der Fortschritt in diesem System ist demnach maßgeblich durch den offenen und freien Austausch sowie durch die Verbreitung von Informationen bedingt (Yiotis 2005).

Die Grundlagen, Annäherungsversuche an Definitionen und Debatten um die Öffnung von Kommunikation in Wissenschaft und Forschung sind in der gängigen Literatur weder einheitlich dargestellt und abgegrenzt noch unumstritten (Müller 2010) (Schulze 2013). Von hervorzuhebendem Interesse sind im Rahmen dieser Arbeit die chronologische Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation, die Darstellung der Ökonomie des Kommunikationssystems, die Herausforderungen im aktuellen Kommunikationssystem, die Debatte und Anknüpfungspunkte zur Öffnung von Wissenschaft, die Katalysatoren und Hindernisse dieser Entwicklung und der damit einhergehende Wandel mit Fokus auf den Bereich wissenschaftlicher Reputation, Ethos und Diskurs.

Im Folgenden werden wesentliche Anknüpfungspunkte an die Open-Access- und Open-Science-Bewegung in Wissenschaft und Forschung dargestellt und erläutert. Die Auswahl der berücksichtigten Werke bezieht sich auf die für die Fragestellungen relevanten Beiträge und wird um die Betrachtung der Debatten von Open Access und Open Science ergänzt. Dabei gibt es nicht die eine Debatte um die Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation, es sind vielmehr zahlreiche Auseinandersetzungen bezüglich unterschiedlicher Bedenken und Interessen von einer fluktuierenden Gruppe von Akteuren (Beals 2013) mit nicht selten polemisch geführten Diskussionen (Lossau 2007) (Näder 2010).

Die Forderung nach Öffnung von Wissenschaft und Forschung wird in dieser Arbeit im Kontext wissenschaftlicher Reputation in Bezug auf ihre technischen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Aspekte beschrieben und die Betrachtung wird auf die kulturellen Auswirkungen der Medienbrüche im Rahmen wissenschaftlichen Publizierens erweitert. Der historische und gesellschaftliche Kontext dieser Forderung wird dargestellt und mittels der Analyse wissenschaftlicher Literatur abgegrenzt. Es wird erläutert, welche Bedeutung sie in der Forschung, der Gesellschaft und der Politik haben. Die Entstehung und Entwicklung der Begriffe wird im Verlauf der Arbeit dargestellt. Um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten, wird “Entwicklung” hier in den drei folgenden Dimensionen erfasst: erstens als “analytische Kategorie”, zweitens als “Forschungsgegenstand” und drittens als “politische Praxis in der moralischen Auseinandersetzung über die Wünschbarkeit von Zuständen” (Bierschenk 2014).

Die Betrachtungen in dieser Arbeit werden aus der Perspektive des Produzenten (Wissenschaftler als Autoren) sowie aus der, damit nicht immer harmonisierenden, Perspektive des Rezipienten beziehungsweise Medienkonsumenten (Wissenschaftler als Leser) stattfinden. Es wird auch angesprochen, inwiefern Macht, regulierende Prinzipien wie die Verknappung sowie die Ein- und Ausgrenzung im Rahmen wissenschaftlicher Diskurse mit den Modellen Open Access, Open Science und wissenschaftlicher Reputation in der Kommunikation vereinbar sind oder diesen entgegenstehen.

Ziel ist es, existierende Erkenntnisse über die Begriffe und deren Entwicklung darzulegen sowie aufzuzeigen, in welchen Bereichen weitere Forschung angestrebt werden sollte (Webster 2002). Für die Analyse wurden zahlreiche Quellen mit thematischem Bezug zur Öffnung von Wissenschaft und Forschung ausgewählt und analysiert. Ziel dieses Kapitels ist es, die Debatten rund um die Begriffe und Forschungsfragen darzustellen, um zu einer ausgewogenen Basis für deren Betrachtung sowie zur Beantwortung der vorab definierten Forschungsfragen zu gelangen. Dafür werden die chronologische Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation sowie die Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation dargestellt.

Folgenden Fragestellungen soll mithilfe dieses Kapitels nachgegangen werden:

  • Welche historischen Entwicklungen haben die Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikation und die Forderung nach Öffnung beeinflusst?

  • Wie funktioniert die Ökonomie der wissenschaftlichen Kommunikation?

  • Was bedeutet die Digitalisierung für das wissenschaftliche Kommunikationssystem?

  • Welche Rolle spielen die wissenschaftliche Reputation, das wissenschaftliche Ethos und der wissenschaftliche Diskurs im Rahmen des Kommunikationssystems?

  • Welche Indikatoren für Reputationsverteilung im wissenschaftlichen Kommunikationssystem werden in der Literatur genannt?

Zur Auswertung der vorliegenden Literatur werden aus einem Konvolut von ausgewählten Texten die Entwicklungen, unterschiedlichen Definitionen und Debatten rund um den Themenkomplex der Öffnung von Wissenschaft und Forschung extrahiert und mit dem Ziel zusammengefasst, weitere wissenschaftliche Fragestellungen für die Befragung publizierender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Fachbereiche zu entwickeln.

Dieser theoretische Betrachtungsrahmen wissenschaftlich gesicherter Modelle, Theorien und Ansätze macht es im weiteren Verlauf der Arbeit möglich, Herausforderungen, Erklärungen und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Er trägt dazu bei, den in der Literatur dokumentierten Erkenntnisstand zu erschließen, die Fragestellungen in einen Zusammenhang zu stellen, legitimiert die Erforschung dieser Fragen und bildet den Rahmen für die Aufarbeitung der gesammelten Erkenntnisse (:109 Kornmeier 2007). Ziel dieses Kapitels ist es, die theoretischen Grundlagen für die im späteren Verlauf der Arbeit folgenden empirischen und experimentellen Untersuchungen zu erarbeiten sowie die Begriffe, die Definitions- und die Konzeptvielfalt, die für das Thema der vorliegenden Arbeit grundlegend sind, einzuführen.

Wissenschaftliche Kommunikation

Bevor die Grundlagen für Offenheit in Wissenschaft und Forschung dargestellt werden, wird eine grundlegende Einordnung von wissenschaftlicher Kommunikation vorgenommen, die Entwicklung chronologisch dargestellt und deren Wandel im Rahmen der Digitalisierung beschrieben. Darauf folgt eine Beschreibung der Ökonomie der Kommunikation in der Wissenschaft, Ausführungen zum Verhältnis wissenschaftlicher Reputation, Ethos und wissenschaftlichem Diskurs sowie die Darstellung der Herausforderungen im aktuellen Kommunikationssystem und Anknüpfungspunkte zu der Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation.

Diese Kommunikation stellt einen wesentlichen Bestandteil des wissenschaftlichen Systems und der wissenschaftlichen Arbeit dar (Garvey 2014) (:63 Luhmann 1998). Sie basiert auf dem Austausch zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die auf einem “gemeinsamen Wissensbestand” zugreifen, “den sie testen, verändern und erweitern” (:438 Gläser 2007), und ist eng mit dem “Prozess des Veröffentlichens wissenschaftlicher Publikationen” (Twitter for scientifi...) verknüpft. Sinn und Zweck der Kommunikation beruht auf dem bestmöglichen Austausch zwischen den Mitgliedern der Wissenschaftsgemeinschaft. Er dient der Überprüfung der Zuverlässigkeit von Informationen und ermöglicht die kritische Auseinandersetzung innerhalb der Gemeinschaft (Fox 1983). Jede kommunizierte Erkenntnis trägt dabei theoretisch zur Produktion von Wissen bei (Kaden 2009). Grundvoraussetzung dafür ist, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen den Willen zur optimalen Kommunikation untereinander haben.

Bisher fehlt in der Literatur eine allgemein verbindliche Definition für “wissenschaftliche Kommunikation” oder dieser Begriff wird von den Autoren und Autorinnen einfach verwendet und nicht definiert (:2 Seidenfaden 2005). Um den Begriff hier dennoch zu präzisieren, folgt diese Arbeit der häufig zitierten, breitgefassten Definition der australischen Wissenschaftler Burns, Connor und Stocklmayer aus dem Jahr 2003. Demnach kann wissenschaftliche Kommunikation oder Wissenschaftskommunikation “als Einsatz von angemessenen Fähigkeiten, Medien, Aktivitäten und des Dialogs beschrieben werden, um eine oder mehrere der folgenden persönlichen Reaktionen in der Auseinandersetzung mit Wissenschaft zu bewirken: Erkenntnis, Vergnügen oder andere affektive Reaktionen, Interesse, Meinungsbildung und Verständnis” (:191 Burns 2003). Diese Kommunikation kann “praktizierende Wissenschaftler, Mediatoren und die Öffentlichkeit involvieren, entweder unmittelbar oder zwischen Gruppen” (:191 Burns 2003).

In der Theorie existieren ebenfalls verschiedene Arten der Organisation wissenschaftlicher Kommunikation und “vielfältige Erscheinungsformen” (:9 Graefen 2007), die sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert haben (Konneker 2013) (Hagner 2015). Grundsätzlich ist dabei eine Unterscheidung in formelle und informelle sowie die interne und externe wissenschaftliche Kommunikation etabliert und verbreitet (Seidenfaden 2005), aber nicht unumstritten.

Was nach dieser Betrachtung genau als formell oder informell gilt, hängt unter anderem von der jeweiligen Fachdisziplin ab, “ist historisch gewachsen und damit durchaus unterschiedlich” (:5 Hanekop 2014). Eine wesentliche Plattform für die wissenschaftliche Kommunikation, für Fortschritt und Forschungsförderung bilden Publikationen in Journalen und Monografien (Cope 2014) (Fox 1983). Das wissenschaftliche Journal sowie die Monografie sind (in den meisten wissenschaftlichen Disziplinen) wichtige Kanäle für die formelle wissenschaftliche Kommunikation und essenziell für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, um auf dem Laufenden zu bleiben (Cope 2014).

Traditionelle Trennung von informeller und formeller wissenschaftlicher Kommunikation

Traditionelle Trennung von informeller und formeller wissenschaftlicher Kommunikation

Die formelle Kommunikation wird an bestimmte Bedingungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft geknüpft und hat einen direkten Einfluss auf die Reputation der einzelnen Mitglieder der wissenschaftlichen Community. Diese Art der Kommunikation beinhaltet die Einbeziehung Dritter, die die Funktion der Einordnung und Bewertung der Kommunikation übernehmen. Der bisherige Outputkanal für diese Kommunikation ist die gedruckte Publikation (Winkler-Nees 2011), denn “es wird für den Druck geforscht” (Luhmann 1997). Durch sie “wird festgeschrieben, was nach den Kriterien des jeweiligen Fachs als geprüftes Wissen gelten kann” (:11 Ash 2015). Ziel dieser Art der Kommunikation ist die Sicherung des Verbleibs und die Positionierung des einzelnen Wissenschaftlers innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Diese Formalisierung der Kommunikation ist wichtig, um das Wissenschaftssystem und das Wissen strukturell sowie nachhaltig zu sichern, und sie macht Erkenntnisprozesse nachweisbar (Kaden 2009). Erst mit einer formell begutachteten Publikation wird eine wissenschaftliche Entdeckung als solche erkennbar (Brembs 2015).

Formelle wissenschaftliche Kommunikation beruht nach dem Bibliothekswissenschaftler Ben Kaden auf folgenden drei abstrakten Faktoren (Kaden 2009):

  1. Publizität meint die Veröffentlichung der Erkenntnisse in einem wissenschaftlichen Fachmedium. Eine Erkenntnis wird durch die Veröffentlichung bekannt gegeben und so für die Community “registriert” (Kaden 2009) (:5 Seidenfaden 2005). Sie muss dabei “zeitnah” in einer “wahrnehmbaren” Form vorliegen (Schimank 2012), damit sie intersubjektiv vermittelbar ist.

  2. Vertrauenswürdigkeit meint das Vertrauen auf die Einhaltung der Regeln und die Möglichkeit der Zertifizierung (:6 Seidenfaden 2005) im wissenschaftlichen Kommunikationssystem durch alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Systems. Das Vertrauen wird bei einer Publikation durch die Überprüfung (Peer Review) bestätigt und durch Bezugnahme (Zitationen) anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf die Publikation zur Reputation. Eine Zitation ist – aus Sicht der zitierten Arbeit – eine formelle Erwähnung der Arbeit innerhalb einer anderen wissenschaftlichen Publikation (Twitter for scientifi...).

  3. Zugänglichkeit bezieht sich auf die dauerhafte Sicherung, Archivierung (:6 Seidenfaden 2005) und Zugänglichkeit in einer allgemein verfügbaren Form für die (Fach-)Öffentlichkeit (Näder 2010), um anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zu ermöglichen, die Erkenntnisse, die für ihre eigene Tätigkeit von Relevanz sind, für die eigene Forschung zu nutzen (:6 Seidenfaden 2005).

Die Möglichkeiten der informellen Wissenschaftskommunikation sind höchst vielfältig und reichen “vom persönlichen Gespräch über Vorträge, Konferenzen, Zwischen- oder Abschlussberichte aus Projekten, Working Papers und vieles andere mehr” (Hanekop 2014). Informelle Kommunikation umfasst alle Arten der Kommunikation, die dem individuellen Wissenschaftler oder der individuellen Wissenschaftlerin einen schnellen und direkten Austausch mit Kollegen ermöglichen und die keinen direkten Einfluss auf die wissenschaftliche Reputation des einzelnen Wissenschaftlers oder Wissenschaftlerin haben.

Die informelle Kommunikation findet üblicherweise zu Beginn und nach Abschluss des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses statt. Sie umfasst zum Beispiel die Ideenfindung, die Entwicklung von Fragestellungen oder Konkretisierung des Forschungsvorhabens und hilft Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen dabei, relevante Ideen für die formelle Kommunikation “herauszukristallisieren” (Hanekop 2014). Informelle Kommunikation ist aufgrund ihrer Heterogenität und impliziten Verankerung weniger präzise differenzierbar und erfassbar (Kaden 2009). Die Abgrenzung informeller Kommunikation zu “nicht-wissenschaftlicher Kommunikation” resultiert daraus, dass diese meist auf “die Erzeugung formeller Kommunikation hinarbeitet” (Kaden 2009).

Im Gegensatz zur Segmentierung von formeller und informeller Kommunikation zielt die Unterscheidung zwischen interner und externer Kommunikation auf die jeweilige Zielgruppe des Austauschs ab. Interne Kommunikation beschreibt alle Prozesse, die der Kommunikation innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft dienen. Externe Kommunikation beschreibt die Kommunikation, die an Akteure außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft gerichtet ist (Konneker 2013).

Zielgruppen, Ziele und Kommunikationsmedien der Wissenschaftskommunikation nach <a class='au-cite-link' href='#Seidenfaden_2005'>(Seidenfaden 2005)</a>

Zielgruppen, Ziele und Kommunikationsmedien der Wissenschaftskommunikation nach (Seidenfaden 2005)

In der vorliegenden Arbeit bezieht sich der Begriff “wissenschaftliche Kommunikation” vornehmlich auf jene Kommunikation, die in der Theorie sowohl formelle und interne organisatorische Bezugspunkte aufweist als auch einen Einfluss auf die wissenschaftliche Reputation des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin hat. Im Rahmen des Öffnungs- und Digitalisierungsprozesses der wissenschaftlichen Kommunikation wird allerdings von einem Aufbrechen dieser Trennung ausgegangen, deshalb wird diese tradierte Klassifizierung der wissenschaftlichen Kommunikation auch im Sinne der Herangehensweise der Wissenschafts- und Technikforschung im Laufe der Arbeit immer wieder hinterfragt (:326 Bowker 2000).

Chronologie der Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation

Für ein erweitertes Verständnis für die Prozesse, die zu der Öffnung von Wissenschaft und Forschung führen, sowie für die Darstellung der Beziehung neuer digitaler Kommunikationssysteme zu ihren analogen Vorläufern ist eine historische Betrachtung der Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation sowie der Forderung nach Offenheit in Wissenschaft und Forschung unabdingbar. Diese stellt zum einen die Grundlagen für die Analyse von Offenheit dar und ebnet zum anderen die weitere Grundlage für die Darstellung des “Forschungsgegenstands” (Bierschenk 2014). Diese historische Darstellung bietet einen ersten Ansatzpunkt für die Erforschung der unterschiedlichen Definitionen und Debatten um Open Access und Open Science (Scheliga 2014), ], da diese historischen Übergänge bisher immer nur unzureichend dargestellt wurden (Frosio 2014).

Angelehnt an die Arbeiten des kanadischen Philosophen McLuhan und des Germanisten Wenzel können dabei drei bedeutende Umbrüche der Medienentwicklung im Rahmen der Kommunikation von Wissen genannt werden (Wunderlich 2008) (Wenzel 2007):

  1. der Übergang vom Körpergedächtnis oder geistigem Gedächtnis (brain memory) zum Schriftgedächtnis (script memory)

  2. der Übergang von der Handschriftenkultur zur Druckkultur (print memory)

  3. und der Übergang vom Buch zum Bildschirm (electronic memory)

Wissenschaft und wissenschaftliche Kommunikation in prä-modernen Zivilisationen

In der Antike stellten der orale Dialog und Disput, der Vortrag und die Lehrstunde die Formen “wissenschaftlicher Kommunikation” dar (Hollricher 2009). Dabei bezog sich “Wissenschaft” in prä-modernen Zivilisationen unmittelbar auf die täglichen Bedürfnissen. Wissen und Informationen wurden als nicht besitzbare Ware angesehen (May 2006) (Steiner 1998) und im Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten war in den vormodernen Zivilisationen der Wissensaustausch stark beschränkt (Hollricher 2009). Es gab keine “scharfe Grenze zwischen dem vorhandenen und dem aktuell benutzten Wissen” (:161 Luhmann 1998). Die Produktion von Literatur beschränkte sich in den vorwissenschaftlichen Gesellschaften vornehmlich auf “die Überlieferung und Kommentierung des althergebrachten Wissens, insbesondere des theologischen” Wissens (Steiner 1998). Was die Gelehrten “zu sagen und zu schreiben hatten, war nicht als Beitrag zum Fortschritt von Wissenschaft als einem kollektiven Unternehmen zu verstehen, sondern eher als Dokumentation ihrer persönlichen Erkenntnisfortschritte” (:51 Graefen 2007). Sie hatten vor allem die Aufgabe, das Wissen “zu erhalten und zu tradieren” (:148 Luhmann 1998). Eine Textart, die dem heutigen wissenschaftlichen Artikel entspricht oder mit ihm vergleichbar ist, existierte bis zum Mittelalter nicht. “Noch im 15. und 16. Jahrhundert sind nur wenige Texte fachinterner Kommunikation, also schriftlicher Kommunikation unter Vertretern eines Faches über fachliche Inhalte, nachgewiesen” (:51 Graefen 2007). Texte, die wir heute als wissenschaftlich bezeichnen würden, wurden im Mittelalter nur dann akzeptiert, wenn sie den Namen eines (anderen) Autors trugen (Foucault 2000).

Die Sprachwissenschaftlerin Graefen hat exemplarisch die Entwicklung zum wissenschaftlichen Text wie folgt zusammengefasst: “Erst wenn ein gesamtgesellschaftlicher Bedarf an Wissen und an ständiger Wissenserweiterung allgemein erkennbar wird und entsprechende Leistungen von Individuen auch persönliche Vorteile versprechen, findet eine Umorientierung von sporadischer individueller wissenschaftlicher Betätigung hin zu gesellschaftlich anerkannter und zur Kenntnis genommener, kollektiv bzw. arbeitsteilig betriebener Wissenschaft statt” (:56 Graefen 2007).

Einführung des Buchdrucks als Grundlage der modernen Wissenschaft

Die Geschichte der modernen Wissenschaft ist eng mit der Geschichte des Buchdrucks verbunden. Diese beginnt maßgeblich mit Johannes Gensfleischs, auch Gutenberg genannt, Beiträgen zur Buchdruckerkunst in der Mitte des 15. Jahrhunderts (Wittmann 1999). Gutenberg führte um 1460 die Druckerpresse ein, “die er von den Weinpressen der rheinischen Winzer abgeschaut und dann verbessert haben dürfte” (:22 Stöber 2014). Die Einführung des Buchdrucks führte nicht nur zu neuen Möglichkeiten der Kommunikation, sondern zu einer Veränderung der generellen Aufgabe der Wissenschaft, insbesondere ihrer Orientierung auf den täglichen Bedarf (:148 Luhmann 1998). Durch die neuen Möglichkeiten der Vervielfältigung und Massenverbreitung hat sich das Selbstverständnis der europäischen Kultur in bis dahin unbekannter (Giesecke 1991) und revolutionärer Weise verändert (Wunderlich 2008) (Stöber 2014) (:211 Porter 1964).

Der Buchdruck stellte somit die “Grundlagen und Meilenstein sowohl für die Kommunikation der Menschheit insgesamt als auch für den wissenschaftlichen Gedankenaustausch im Besonderen dar” (:7 Schirmbacher 2009), er war ein “Bestandteil des Übergangs vom Mittelalter in die frühe Neuzeit” (:32 Lange 2008) und die Druckerpresse nahm die “entscheidende Schwelle für das Entstehen der neuzeitlichen Wissenschaften” (:602 Luhmann 1997).

Diese neue Technologie führte zu einem bis dahin unbekannten, explodierenden Informationsangebot. Infolgedessen entwickelte sich eine neue Denkstruktur (Eisenstein 1997), bei der das “mittelalterliche Denken in Bildern und Metaphern” von der “wissenschaftlich-systematischen Methodik” abgelöst wurde (:16 Wunderlich 2008). Sie führte zur Befreiung des jeweiligen Autors aus der weitgehenden Anonymität mittelalterlicher Manuskriptkultur und zur Entkoppelung der “Herstellung und Verbreitung vom singulären Interesse eines Autors, Kopisten oder Auftraggebers” (:15 Wunderlich 2008).

Mit der Entwicklung der Buchdrucktechnologie folgte im 16. Jahrhundert die Verbreitung eines “freien Marktes als Vertriebsnetz für typographische Informationen” (:27 Giesecke 1991) und die “Kapitalisierung der Buchproduktion” (:40 Steiner 1998). Das gedruckte Wort führte somit zu einem Verlust an “Macht und Herrschaft über das geschriebene Wort” (:16 Wunderlich 2008). Anfangs handelte es sich bei der Technologie nur um ein “elitäres und teures Medium für die gebildete Klasse” (:14 Hartmann 2008), Bücher waren “Luxusgegenstände” und die Gewinnspannen der Buchdrucker und -händler waren “enorm” (:27 Stöber 2014). Die Technologie führte weder von Beginn an zum zeitlich unmittelbaren Zugang zu Wissen noch war sie sofort für die Allgemeinheit zugänglich (Hartmann 2008). Die wissenschaftliche Elite der damaligen Zeit forderte deshalb, dass Werke ohne Rücksicht auf Profitgier und “Geiz” (Luther 1876) erscheinen sollten, und appellierte an eine “obrigkeitliche Lenkung”, damit der Buchhandel “seiner Aufgabe der Verbreitung von nützlichem Wissen gerecht würde” (:102 Wittmann 1999). Gutenbergs Druckinnovation sollte als sogenannte “Schlüsseltechnologie” (:189 Jäger 1993) eine neue Dimension der Informations- und Wissensverbreitung für die Gesamtgesellschaft ermöglichen.

In der Übergangszeit von der primären Kommunikation zwischen den Gelehrten anhand von Briefen und der Verbreitung des Buchdrucks kam es zu einer Vielzahl sogenannter Prioritätsstreits (Schirmbacher 2009), denn die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse waren zuvor zwar im direkten Briefwechsel, aber noch nicht öffentlich verbreitet worden. Deshalb konnte zu dieser Zeit selten ein für alle nachvollziehbarer Bezug zum jeweiligen Entdecker hergestellt werden. Als beispielhaft für einen solchen Prioritätsstreit kann die Auseinandersetzung zwischen Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz um eine Veröffentlichung zur Fluxionsrechnung im 17. Jahrhundert genannt werden. Leibniz rezensierte eine von Newton verfasste Veröffentlichung anonym und stellte sich selbst namentlich als Erfinder dieser dar (de Padova 2013) (:252 Rommel 2011), ohne auf eine öffentliche Publikation seiner deutlich länger vorhandenen Erkenntnisse hinweisen zu können (Schirmbacher 2009). Aufgrund des fehlenden öffentlichen Nachweises wurde Leibniz infolgedessen durch die Royal Society, einer der ersten Gelehrtenvereinigungen, des Plagiats für schuldig befunden und die Entdeckung Newton zugesprochen. Doch selbst wenn Newton seine Fluxionsrechnung “früher entwickelt hat, geht die algorithmische Eleganz von Differentialen und Integralen doch auf Leibniz zurück” (Kittler 1996).

Der Buchdruck, wie auch die ersten wissenschaftlichen Zeitungen, wurden für die wissenschaftlichen Autoren somit nicht nur zu einem neuen Kommunikationsinstrument, einem Instrument zur “Erlangung von Reputation” oder zu einem Instrument “zur Generierung finanzieller Erträge”, sondern auch zu einem “Nachweisinstrument” (:8 Schirmbacher 2009) für die Vermeidung solcher Prioritätskonflikte. Darüber hinaus waren “gedruckte Meinungen schwerer zu widerrufen oder umzuinterpretieren als nur mündlich geäußerte oder nur wenigen zugängliche (etwa Briefe)” (:603 Luhmann 1997).

Die Verbreitung des Buchdrucks fand aber nicht ungebremst und nicht ohne umfassende Kritik in der damaligen Gesellschaft statt. Vor allem kirchliche Instanzen waren über eine “wachsende theologische Begriffsverwirrung” und die Verbreitung der Schriften in Volkssprachen besorgt (:175 Giesecke 1991). Sie stellten die größte Gruppe an Kritikern des Buchdrucks dar und versuchten, die neue “Bücherflut” zu unterbinden (:175 Giesecke 1991). Additiv führte die Einführung des Buchdrucks zu einer neuen Bedeutung der Zensur, als “prohibitives Instrument für die Überwachung der Lektüren” (:16 Wunderlich 2008) und als Mittel gegen zu viel Wissen und unerwünschte Literatur (:178 Giesecke 1991). Beispielhaft für diese Art der Zensur zitiert der Kommunikations- und Medientheoretiker Michael Giesecke aus einem Gutachten dieser Zeit: “In den Anfängen muß man Widerstand leisten (gegen das Übel des Drucks von Büchern, die aus den heiligen Schriften in die Volkssprache übersetzt sind), damit nicht durch die Vermehrung der deutschsprachigen Bücher der Funke des Irrtums endlich sich zu einem großen Feuer entwickle” (:180 Giesecke 1991).

Zusammenfassend nennt Giesecke vor allem folgende grundlegende Einwände gegen den Buchdruck als unregulierte, “freie” Kunst (Giesecke 1991) für die Verbreitung von Wissen und Informationen:

  • Die Einführung des Buchdrucks wurde von vielen Warnungen vor Missbrauch der Technologie begleitet (Lange 2008). Im Mittelpunkt der Warnungen standen der anti-religiöse Missbrauch durch die Verbreitung gefährlichen Gedankenguts (Multimedia mobil: Die...), die bewusste Falschinformation und Verfälschung von Inhalten (Sprachgeschichte: Ein...), die willkürliche Informationsverbreitung über Bücher, ohne Zustimmung der geistlichen und weltlichen Regenten (Rother 2002) sowie die Angst der Traditionalisten, die ihre Herrschaft durch das Monopol auf die Interpretation der Bibel gefährdet sahen (Lange 2008).

  • Ein weiterer Einwand drückte die Befürchtung aus, dass die Qualität und Reinhaltung der besten Texterzeugnisse beim Buchdruck nicht sichergestellt werden können (Giesecke 1991).

  • Auch die Nachlässigkeit und Unachtsamkeit von Buchdruckern und Setzern wurde früh kritisiert. Sie spielten im Buchdruckprozess eine entscheidende Rolle, da sie großen Einfluss auf die Qualität der Nachdrucke hatten. Nachlässigkeit oder ungenaues Arbeiten führten zu erheblichen strukturellen und inhaltlichen Qualitätsverlusten, was von Autoren wie Martin Luther schon früh beklagt worden war (Sprachgeschichte: Ein...) (Stöber 2014) (Luther 1876).

  • Die Multiplikation von Fehlern, da in den gedruckten Exemplaren auch die Fehler völlig übereinstimmen und nicht behoben werden können, schließt an die Kritik der Qualität der gedruckten Bücher an. Die Befürchtung gründete auf der Irreversibilität der Verbreitung fehlerhafter Inhalte beim Buchdruck, die bei der geringeren Anzahl handschriftlichen Kopien bisher weniger Einfluss hatte (Kittler 2004).

  • Die staatlichen und geistlichen Obrigkeiten befürchteten durch die Demokratisierung der Vervielfältigung und Verbreitung von Wissen die Verwirrung der “Laien” (der Glaubensgemeinschaft) und damit einen Kontrollverlust über die bestehende gesellschaftliche Ordnung (Giesecke 1991).

  • Demzufolge befürchtete die Obrigkeit die Auflösung der ständischen Ordnung, da der “Zugang zu den Speichern des Wissens nicht länger bestimmten Schichten vorbehalten bleibt”, das “Schreiben und Lesen wird von einer ständischen zu einer gemeinen Tätigkeit”. Heute mag diese Sicht aufgrund der damals sehr geringen Alphabetisierungsrate und der noch immer sehr geringen Anzahl an Büchern Ende des 15. Jahrhunderts als unbegründet erscheinen, dennoch wurden die sozialen Umwälzungen durch den Buchdruck beschleunigt und unumkehrbar gemacht (Giesecke 1991).

  • Die Auflösung des “Amts” des Bücherschreibers als eigenes Handwerk.

  • Die Angst vor dem Überfluss an Büchern und Wissen stellte einen weiteren Einwand dar. Die Kritiker der Buchdrucktechnologie befürchteten durch die massenhafte Verbreitung ein Chaos an Informationen (Giesecke 1991).

  • Sogar physische Konsequenzen wurden befürchtet: “Augen schmerzen vom Lesen, unsere Finger vom Blättern” (Giesecke 1991)

  • Auch “psychische Bedenken” wurden eingebracht. So gab es im 15. Jahrhundert bei den Menschen die Angst vor dem Anhäufen von Informationen. Sie galt im Mittelalter als “gefährliches und verwirrendes Unterfangen” und führte zu Annahmen wie “je gelehrter, je verkehrter” (Giesecke 1991).

Die genannten Einwände fußten allesamt auf den Ängsten oder Befürchtungen vor den Veränderungen und deren Auswirkungen auf die etablierten Machtstrukturen, die ihrerseits die Informationsverbreitung bis Ende des Mittelalters beeinflusst hatten, und weisen punktuell Parallelen zu den Debatten der heutigen Veränderungsprozesse auf (Hagner 2015). Vor der Einführung des Buchdrucks wurde vorab entschieden, was veröffentlicht und verbreitet wurde, und es gab klare Instanzen, die die Weitergabe von Wissen (meist Auftragsarbeiten) organisierten. Der Buchdruck kehrte dieses System um, da nun Texte erstmals verbreitet wurden und man es dem “Markt und dem nachträglichen Meinungsstreit überließ, welche Information zum Gemeingut wurden” (Giesecke 1991). Niklas Luhmann fasste diese Veränderung wie folgt zusammen: “Wer für den Druck schreibt, gibt die Situationskontrolle auf” und “produziert für das Gedächtnis des Systems”, bei dem weder “Kommunikationsvorgang” noch der “Wissenszuwachs” abgeschlossen sind (:57 Luhmann 1998).

Die Etablierung und schnelle Verbreitung (Stöber 2014) des Drucks führte, zunächst “unbemerkt und naturwüchsig”, zu einer Veränderung der Sozialisierung von Informationen (Giesecke 1991). Das Medium der Schrift wurde demnach unter den Buchdruckbedingungen als eine Verbreitungstechnologie für Informationen genutzt, die zwar die unmittelbare Interaktion zwischen Sender und Empfänger (weiterhin) ausschloss, aber mittelbar nur mithilfe von Empfängern zu Wissen werden konnte (Luhmann 1998).

Die Einführung des Buchdrucks stellte somit einen Bestandteil des “Übergangs vom Mittelalter in die frühe Neuzeit dar” (:32 Lange 2008), da zwischen Buchdruck und demokratischen Freiheiten “sowohl faktisch als auch ideologisch” (Giesecke 1991) ein Zusammenhang hergestellt werden kann. Dieser Zusammenhang wird darin deutlich, dass im Gegensatz zum Mittelalter, in dem jede breitere Sozialisierung und Verbreitung privater Gedanken “legitimationsbedürftig” war, nun jeder Eingriff in die “Freiheit, Meinungen oder Informationen” zu drucken einer politischen Legitimation bedurfte (Giesecke 1991). Der Buchdruck kann als “Katalysator des kulturellen Wandels” (Giesecke 1991) im Rahmen der “fundamentalen Umbrüche in Politik und Verwaltung, Ökonomie und Handel, Religion, Bildung und nicht zuletzt in den Prozessen der kognitiven Welterkenntnis” (:132 Pscheida 2010) verstanden werden.

Um den Arbeitsaufwand der Drucker zu honorieren und die verlegerische Leistung zu würdigen (Szilagyi 2011), wurden mit der Entstehung des Druckerwesens auch erste Privilegien vergeben (Gieseke 1995), die es den Druckern erlaubten, die Buchdruckkunst für einen bestimmten Zeitraum allein oder in einem bestimmten Gebiet auszuüben (Martin 2008) (Kohler 1980). Diese Privilegien ermöglichten den Begünstigten Sonderberechtigungen oder -rechte gegenüber den damals üblichen allgemeinen Rechtsregeln (Jänich 2002). Im Zuge der Verbreitung der Drucktechnologie und des steigenden Wettbewerbs kam es auch zu ersten Privilegien für Urheber, die bereits im 15. Jahrhundert damit begannen, ihre Manuskripte zu verkaufen (Hesse 2002), ebenso für Erstverleger, die damit versuchten, sich gegen das Nachdrucken und gegen Raubdrucke zu wehren. Die erfolgreiche Einforderung dieser Privilegien führte schon früh zu einer Art Monopolstellung bestimmter Druckereien und zu einem generellen Nachdruckverbot für bestimmte Werke in einem bestimmten Gebiet oder für einen bestimmten Zeitraum (Szilagyi 2011) (Hesse 2002). Später wurden auch erste Autorenprivilegien gewährt, welche als die ersten Ursprünge für das heutige Verwertungs- und Urheberrecht im Publikationssystem gelten (Kohler 1980).

Wissenschaftliche Journale als Medium der wissenschaftlichen Kommunikation

Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts stellte das Schreiben von Briefen oder Büchern die häufigste Form des wissenschaftlichen Austauschs dar (:212 Porter 1964). Der Brief, als besonders exklusive Form der Kommunikation, stand dem Buch als sehr zeitaufwendige Form gegenüber (Fecher 01.01.2014).

Erst die “drucktechnische Möglichkeit der schnellen Produktion, Vervielfältigung und Verbreitung von Texten” und “die Loslösung der Wissenschaft(en) von Religion und schöner Literatur” machten eine “Umorientierung von sporadischer individueller wissenschaftlicher Betätigung hin zu gesellschaftlich anerkannter und zur Kenntnis genommener, kollektiv bzw. arbeitsteilig betriebener Wissenschaft” möglich (:56 Graefen 2007). Die Gründung von Akademien als einer Art von nationalen Gelehrtengesellschaften im 17. und 18. Jahrhundert führte zu Veränderungen der wissenschaftlichen Literatur (:53 Graefen 2007) und Verschiebung der Darstellung wissenschaftlicher Praxis in separater Experimentierräume (Weingart 2005). Die Akademien fungierten als Vereinigungen einzelner Gelehrter und “durch sie fand eine Konzentration vereinzelter wissenschaftlicher Anstrengungen und Leistungen statt” (:53 Graefen 2007). Die “Einführung von Präzisionsmessungen als Teil der experimentellen Praxis”, sowie “die Einrichtung separater Experimentierräume, um der Sensibilität der Präzisionsinstrumente gerecht zu werden”, ging mit einer “Veränderung der Umgangsformen in der Akademie einher”. Damit verlagerte sich “das Problem, andere zu überzeugen, von der unmittelbaren Demonstration von Evidenz auf die mittelbare Darstellung in Texten” (Weingart 2005).

Mitte des 17. Jahrhunderts kam es infolge der Gründung der “Royal Society” als eine Akademie zur Förderung naturwissenschaftlicher Experimente zu einer wissenschaftlichen Diskussion über die Etablierung einer “neuen Philosophie für die Förderung von Wissen” (Frize 2013) (Hall 1965). Die Mitglieder der Royal Society hegten den Wunsch nach einer Verbesserung bei der Verbreitung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse und einer “wissenschaftlichen Revolution” mithilfe der Drucktechnologie (Dear 1985). Als ein Ergebnis der 1660 gegründeten Akademie erschienen 1662 die ersten beiden Bücher, John Evelyn’s “Sylva” und “Micrographia” von Robert Hooke (Hall 1992). Am 6. März 1665 wurde mit “Philosophical Transactions” eine der ersten wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht (Peters 2014), “die bis ins 20. Jahrhundert hinein eine der angesehensten Fachzeitschriften blieb” (:53 Graefen 2007). Im gleichen Jahr, bereits am 5. Januar 1665, erschien das “Journal des sçavans” in Frankreich (Ball 2011), (Hollricher 2009), das zu Beginn über aktuelle Entdeckungen berichtete (Weiner 2001). Bis zum 17. Jahrhundert folgten circa 30 weitere Journalgründungen. Die Journale unterschieden sich in ihrer Struktur stark von den heutigen und wiesen bis Ende des 18. Jahrhunderts kaum eine fachliche Spezialisierung auf. Sie beinhalteten “auch anwendungs- und praxisbezogene Beiträge” (Graefen 2007). Sie enthielten im Vergleich zu den heutigen Fachzeitschriften jeweils eine nur sehr geringe Anzahl an Beiträgen und waren an wissenschaftlichen Briefe (meist in der Ich-Form) angelehnt, die Wissenschaftler vor der Entwicklung der Journale noch direkt aneinander verschickt hatten (Weiner 2001). “Oft handelte es sich gar nicht um Originalbeiträge, sondern die Herausgeber teilten der gelehrten und gebildeten Menschheit mit, was sie aus ihren Briefwechseln mit Gelehrten Interessantes entnahmen” (Graefen 2007).

Mit dieser Veränderung änderte sich auch die Rolle des Autors und es wurden, im Gegensatz zum Mittelalter, auch solche Texte als wissenschaftliche Texte akzeptiert, deren “Garantie” in der Zugehörigkeit zu einem systematischen Ganzen – der Wissenschaft – bestand und nicht mehr nur aus dem Verweis auf das Individuum (Autor) (Foucault 2000). Infolgedessen wurden Entdeckungen manchmal in Form eines Anagramms veröffentlicht, so etwa Galileis Entdeckungen der Jupitermonde (Miner 2007) und Hookes Elastizitätsgesetz (Szabo 2013). Auf diese Weise konnten Prioritätsrechte gesichert werden, ohne dass die Entdeckung selbst veröffentlicht werden musste (Miner 2007), Geheimnisse vor Diebstahl geschützt und religiöse Verfolgung vermieden werden (Resnik 2005). Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts “verlagerte sich die Produktion immer mehr auf das Hier und Jetzt” (:28 Hagner 2015).

Noch bis in das 19. Jahrhundert hinein waren Publikationen mit zwei oder mehr Autoren ausgeschlossen und Bücher wurden unter dem Eindruck einer “Unsterblichkeitsnorm geschrieben, die darauf baute, dass erst die Nachwelt das eigentliche Anliegen eines Buches verstehen würde” (:28 Hagner 2015).

Die wissenschaftliche Fachzeitschrift oder das wissenschaftliche Journal, wie wir es heute kennen, geht strukturell auf das 19. Jahrhundert zurück, in Zusammenhang mit der Konstruktion der modernen deutschen Universität (Paletschek 2002), als die Forschungsaktivitäten und das öffentliche Interesse an der Wissenschaft generell anstiegen. In dieser Zeit kam es zu den meisten Gründungen der heutigen großen Fachzeitschriften (:212 Porter 1964). Bis zur Etablierung des Peer-Review-Verfahrens als Qualitätssicherungsverfahren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es sehr unterschiedliche oder keine Verfahren zur Sicherung der Qualität von Inhalten in den Journalen. Im 20. Jahrhundert folgte auf die weltweite Intensivierung wissenschaftlicher Aktivitäten ein weiterer rasanter Anstieg der wissenschaftlichen Journale (:23 Haustein 2012). Im Jahr 1961 wurde die erste quantitative Studie anhand der Anzahl von wissenschaftlichen Journalen durchgeführt. Im Rahmen dieser Erhebung wurde von 50.000 wissenschaftlichen Zeitschriften und von einer Verdoppelung der Anzahl aller wissenschaftlichen Journale alle 15 Jahre ausgegangen (de Solla Price, Derek J. 1982).

Rolle der Verlage und die Publikationskrise

Ursprünglich wurde Wissen an Universitäten gespeichert, übertragen, verarbeitet, aufgezeichnet und später in wissenschaftlichen Journalen und Büchern gedruckt (Kittler 2004). Dieses Wissen wurde in gleicher Weise verbreitet und war Eigentum derer, die dafür schrieben oder es lasen (Weiner 2001). Journale wurden durch die wissenschaftlichen Akademien oder akademischen Fachgesellschaften, die die inhaltliche Ausrichtung verantworteten und die finanzielle Trägerschaft übernahmen (Weiner 2001), als Kommunikationsmedium organsiert. Erst im 20. Jahrhundert kam es zu einem Unterschied bei der Verbreitung verschiedener Veröffentlichungsformate innerhalb und zwischen den Fachdisziplinen (Hagner 2015).

Mit dem weltweiten Anstieg der wissenschaftlichen Forschung in der Mitte des 20. Jahrhunderts und der stetig steigenden Anzahl wissenschaftlicher Publikationen nach dem zweiten Weltkrieg stieß das universitätseigene Journalsystem an seine Grenzen und es entwickelte sich zu einem “Flaschenhals” (Weiner 2001) im Kommunikationssystem der Wissenschaft. Dem Anstieg an wissenschaftlicher Forschung und dem zunehmenden Publikationsdruck der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen konnte das System nicht mehr gerecht werden. Kommerzielle Verlage entdeckten diese Lücke und begannen den Markt mit Unterstützung der überforderten Universitäten zu absorbieren (Hirschi 2015).

Nachdem die Privatisierung und Kommerzialisierung des Systems anfangs gut funktionierte, kam es zunehmend zu einem Bruch. Die Anforderungen des Marktes entsprachen nicht mehr denen der akademischen Gemeinschaft (Weiner 2001). Dennoch verharrte die wissenschaftliche Gemeinschaft in einem “weltfremden” Zustand, in dem der Druck zu veröffentlichen dazu führte, dass sie ein System unterstützten, das sie ausnutzte (Weiner 2001). Sie sahen sprachlos mit an, wie die “Zeitschriften immer größere Anteile der Bibliotheksetats verschlangen” (Hagner 2015). Auch in Deutschland nahmen Anfang der 1990er Jahre die wissenschaftlichen Verlage eine marktbeherrschende Stellung ein und agierten als exklusive Distributoren bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Informationen (Schlögl 2005) (Offhaus 2012).

Diese Entwicklung basiert auf dem in der Welt des geistigen Eigentums ungewöhnlichen Umstand, dass seit dem Beginn des wissenschaftlichen Journals im Jahr 1665 wissenschaftliche Autoren nicht vordergründig von finanzieller Belohnung profitierten, sondern maßgeblich von der weiten Verbreitung und den Hinweisen auf ihre Arbeit sowie von den wissenschaftlichen Erkenntnissen ihrer Forschung (Albert 2006). Darüber hinaus ist es eine Besonderheit des Systems, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowohl Produzenten als auch Konsumenten der Wissenschaftskommunikation sind und damit ihre eigene Zielgruppe darstellen (Hess 2006). Die kommerziellen Verlage haben sich dieses System zu nutze gemacht.

Zunehmend erlangten die Verlage eine Vormachtstellung im wissenschaftlichen Publikations- und Distributionssystem. Diese stützt sich bis heute auf drei Säulen (Offhaus 2012) (:177 Bargheer 2006):

  1. “Urheberrecht, wonach Verlage [...] weitgehende Ansprüche an dem veröffentlichten Werk erwerben”

  2. “redaktionelle Themenbündelung (bundling)”

  3. Organisation der “Qualitätssicherung durch Begutachtung (Peer Review)”

Die marktbeherrschende Stellung der Verlage führte zu einer Situation, in der die Verlage vorerst im englischsprachigen Raum die Preise für wissenschaftliche Publikationen weitgehend diktieren und Preiserhöhungen unlimitiert durchsetzen konnten. Als Folge der ungebremsten Ausnutzung dieser Marktmacht kam es kurz vor der Jahrtausendwende zur sogenannten “Zeitschriftenkrise” (Eve 2013) (Müller 2010) (Schirmbacher 2009) (Parks 2002). Die Zeitschriftenkrise, “die richtigerweise Zeitschriftenpreiskrise oder Zeitschriftenpreisexplosion genannt werden müsste” (Brintzinger 2010), kam als Begriff das erste Mal in den 1990er Jahren auf (Bonim 2010). Diese Krise war das Ergebnis folgender Entwicklungen auf der Angebots- und Nachfrageseite (Brintzinger 2010): Auf der Angebotsseite wurden durch einen “Konzentrationsprozess” “innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt im Bereich der Zeitschriften mittelständische Verlage nahezu vollkommen durch internationale Kapitalgesellschaften substituiert” (Brintzinger 2010). Unterstützt von der Nachfrageseite resultierte daraus eine “monopolistische Preispolitik” der Verlage (Brintzinger 2010). Ein zeitgleicher Anstieg der Titelvielfalt, bei der aus “einer mehr generalistischen Zeitschrift drei oder vier Spezialzeitschriften” entstanden, “die dann allesamt wieder von Bibliotheken abonniert werden mussten” (Brintzinger 2010), verschärfte das Problem. Eine weitere Ursache für die krisenhafte Zuspitzung der Situation besteht in der institutionellen Organisation der Literaturbeschaffung an den Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Bei der Arbeitsteilung von Bibliothekaren und Wissenschaftlern war und ist es für das Ansehen des einzelnen Faches durchaus rational, mit einem möglichst hohen Anteil am Gesamtetat der Literaturbeschaffung zu partizipieren. Es gibt für individuelle Einsparungen von allen Seiten nur wenig Anlass, da beide Systeme unabhängig voneinander funktionieren (Brintzinger 2010).

Die Preisexplosion konnte auch durch die Bildung von Bibliothekskonsortien, “deren Aufgabe es war, für Bibliotheken kostengünstige Rahmenbedingungen auszuhandeln”, nicht gebändigt werden (Fladung 2003) (Brintzinger 2010). Gleichzeitig standen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unter einem starken Publikationszwang, der mit “Publish or Perish” (Clapham 2005) beziehungsweise “impact factor fever” (Cherubini 2008) und “impact factor race” (Brischoux 2009) beschrieben wurde (Offhaus 2012). “Publish or Perish” beschreibt das Problem, dass im Rahmen der “wachsenden Konkurrenz um Forschungsförderung und akademische Positionen (...) kombiniert mit dem zunehmenden Einsatz bibliometrischer Parameter für Evaluation” (Fanelli 2010) junge Akademiker viel und vornehmlich mit positiven wissenschaftlichen Ergebnissen publizieren müssen, um Anerkennung und gegebenenfalls eine Anstellung im Wissenschaftsbetrieb zu erreichen (Pscheida 2010) (Beasley 2005) (Hamilton 1990). Das führte zu einer “beinahe explosionsartigen Entwicklung der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen” (Bortz 2006) und zu der damit einhergehenden Vermutung von viel “nutzloser Forschung und Artikel” (Smith 1990), einem „leeren Größenwachstum“ (:34 Ash 2015) und vielen wissenschaftlichen Arbeiten mit ”vernachlässigbaren Beiträgen zum Wissen“ (Hamilton 1990). Inwieweit diese Entwicklungen allein zu einer ”Lawine von niedriger Qualität der Forschung" (Bauerlein, M., Gad-el-Hak M., Grody W., McKelvey B., Trimble SW. 2010) in dem beschriebenen Umfang geführt haben oder ob die neuen (digitalen) Möglichkeiten die schon immer bestehenden Qualitätsunterschiede wissenschaftlicher Publikationen einfach nur sichtbar gemacht haben, ist umstritten (Rekdal 2014).

Die genannten Entwicklungen machten dennoch mehrere der problematischen Effekte im Publikationssystem sichtbar: Erstens führte die vermehrte Einreichung von Manuskripten bei begutachteten Publikationsmedien zu einer “schädlichen und vermeidbaren zusätzlichen Belastung der Begutachtung”, zweitens erhöhen das “Größenwachstum” auf Seiten des Lesers “den Aufwand für Auswahl, Beschaffung und Lektüre von Publikationen” und drittens “steigen (...) die Kosten für das Publikationssystem insgesamt” (:34 Ash 2015).

Computer und Internet als neue Medien wissenschaftlicher Kommunikation

Mit dem Aufkommen des Computers in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Begriff “Medien” zu einem Sammelbegriff, der in der älteren Medientheorie entweder als neutrale technische Infrastrukturen oder als Kommunikations-, Wahrnehmungs- oder kulturdeterminierende Techniken betrachtet wurde (:12 Beck 2005). Bei genauerer Betrachtung des Begriffs in den unterschiedlichen Disziplinen, die sich mit Medien beschäftigen, “sind die Gebrauchsweisen und Bestimmungen des Begriffs Medium äußerst heterogen” und “es hat den Anschein, als könnte die Frage, was Medien sind, zu keiner befriedigenden Antwort führen” (:33 Burkhardt 2015).

Der Begriff “digitale Medien” hat in dieser Zeit das Denken über Medien nachhaltig beeinflusst (:30 Burkhardt 2015). Digitale Medien können als Medientechnologien bezeichnet werden, die durch Computer verarbeitet werden (Methoden der literatu...). Durch die zunehmende Verbreitung des Computers und des Internets Ende der 1980er Jahre wurde dem Medienbegriff eine weitere Unbekannte hinzugefügt (Burkhardt 2015). Das Internet gilt dennoch als Paradigma für digitale Medien, da hier unterschiedliche Medien mehrfach vernetzt werden: Zum einen werden miteinander vernetzte Computer lokal und global über Telekommunikationskanäle miteinander verbunden, zum anderen konvergieren in diesem globalen Netz Schrift, Bild und Ton (Methoden der literatu...).

Der Bestand der Rechenkapazitäten an Universitäten hat sich seit den 1989 konstant weiter verdichtet (Rutenfranz 1997). Ende des letzten Jahrtausends eröffnete das Internet “neue Nutzungsmöglichkeiten, durch welche die Schrift als ein Medium einsetzbar wird, das den permanenten Wechsel zwischen Sender- und Empfängerposition ähnlich flexibel zu gestalten erlaubt, wie es im gesprochenen Gespräch der Fall ist” (Sandbothe 2000). Die Vernetzung schaffte auch in der Wissenschaft eine mediale Schnittstelle zwischen Autoren und Rezipienten, die keiner menschlichen Vermittlung durch Dritte (wie zum Beispiel Verlage) mehr bedarf (Näder 2010). Mit der Etablierung eines globalen Kommunikationsnetzes ging auch die Vermutung einher, “dass im Internet als einem frei zugänglichen Medium mit geringen Zugangsbarrieren andere (...) Zugang zur Öffentlichkeit erhalten können, der ihnen bei den alten Medien verwehrt bleibt” und “Verbreitung von und der Zugang zu Informationen dezentralisiert wird” (Gerhards 2007). Auch wenn sich im Internet bisher keine direkte demokratischere Kommunikation finden lässt, herrscht weiterhin große Euphorie bezüglich der verminderten Zugangsbarrieren, der umfassenden Möglichkeiten für die Verbreitung und Vermittlung von Inhalten sowie für die Transformation klassischer Kommunikationsmedien und -kanäle (Gerhards 2007).

Digitale Souveränität und die Nutzung des Internets wird in Deutschland strukturell durch das Bildungsniveau und die erworbene Medienkompetenz bestimmt. Bei einer repräsentativen Befragung gaben 2014 92 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit abgeschlossenem Hochschulstudium an “Online” zu sein (Initiative D21 2014). Ganz pragmatisch ausgedrückt, gehören zum Einsatz digitaler Medien in den Geisteswissenschaften “die Nutzung von Textverarbeitungssoftware genauso wie die Recherche im Bibliothekskatalog mittels OPAC und die Informationsbeschaffung und Kommunikation mittels World Wide Web und E-Mail” (Näder 2010).

Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verbreitung von Computer und Internet entwickelte sich der Webbrowser zu einer Kreuzung aus Buch und Fernseher, bei dem das multimediale Dokument von der Buchkultur als zentrales Wahrnehmungsobjekt übernommen wurde, zugleich aber darüber hinaus greift (Warnke 2011).Als weitere Veränderung in Abgrenzung zur Technologie des Buchdrucks revidierte das Internet “die Vorstellung von einem geschlossenen Sinngehalt” (Sandbothe 2000) mit einem Anfang und Ende wie zum Beispiel in einem Buch.

Die Buchkultur wird von einer Dialogkultur abgelöst, aber nicht vollständig verdrängt. Das Gedruckte kommt demnach als eine Art Rückzugs- oder Entlastungsmedium zum Einsatz (Hagner 2015). Dabei sind “wechselseitige Steigerungen, funktionale Kopplungen und vielfältige Kombinationen” zu erwarten und der damit einhergehende Medienwandel verändert vor allem “die bereits verbreiteten Medien und damit die medialen Verhältnisse einer Gesellschaft” (Koenen 1997), er verdrängt sie aber nicht zwangsläufig.

Die Entwicklung des Internets Ende des 20. Jahrhunderts war eng mit der Idee verbunden, dass sie “Freiheit” sichert, bietet, verbessert oder verstärkt. Der Computer, als Zugangsgerät zu digitalen Informationen, ermöglicht eine neue Form der Zusammenarbeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Richtungen an einer gemeinsamen Arbeitsstation, eröffnet die Perspektive einer methodischen Integration unterschiedlicher wissenschaftlicher Betrachtungen und bietet die Chance der Vereinigung von bisher getrennten Notationssystemen von Alphabeten und mathematischen Symbolen (Kittler 2004). Doch auch nach 25 Jahren kann nicht abschließend evaluiert werden, inwieweit die Freiheit diesen Technologien innewohnt – und mit “free” nicht nur der Preis gemeint ist (Stallman 2002) – und wie sie gestaltet werden kann (Kelty 2014).

Erste Experimente mit offenem Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen

Die Zeitschriftenkrise und der gestiegene Publikationsdruck stellen zwei fundamentale Gründe für das Aufkommen der Forderungen nach Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlicher Literatur dar (Brintzinger 2010) (Wein 2010). Als Reaktion auf die Herausforderungen und auf Basis der Digitalisierung gründete Anfang der 1990er Jahre der Physiker Paul Ginsparg mit der Internetseite arXiv.org den ersten wissenschaftlichen Pre-Print-Dienst des Internets (Willinsky 2006) (Björk 2004), der es Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ermöglichen sollte, Ideen vor der gedruckten Veröffentlichung zu teilen.

Ein Ausgangspunkt dafür waren die ersten Experimente mit offenem Zugang und freien Lizenzen für Publikationen in der Wissenschaft aus den 1960er Jahren und somit schon vor der Zeit der Erfindung des Internets. Noch bevor die digitalen Nutzungsmöglichkeiten verfügbar waren und bevor an das “globale Dorf” (McLuhan 1962) zu denken war, wurde vor allem in den Technik- und Naturwissenschaften eine “Pre-Print-Kultur” entwickelt, bei der die Autoren und Autorinnen ihre zur Begutachtung eingereichten Artikel zeitgleich oder bevor diese veröffentlicht wurden unter Kollegen über den Postweg zirkulieren ließen, um den Kommunikationsprozess zu beschleunigen (:6 Hofmann 2016). Darüber hinaus gab und gibt es “informelle Wege des Zugangs” zu wissenschaftlichen Publikationen: zum Beispiel durch Kollegen an Institutionen, die auf die Publikation zugreifen können, oder durch die direkte Anfrage einer Kopie beim Autor oder bei der Autorin (Davis 2011).

Mitte der 1990er Jahre forderte Steven Harnad die wissenschaftliche Community dazu auf, sofort mit der digitalen Selbstarchivierung und öffentlichen Zurverfügungstellung ihrer Beiträge zu beginnen (Albert 2006), um “den Barrieren, die zwischen ihrer Arbeit und ihrer (kleinen) Leserschaft aufgestellt werden, zu entkommen” (Harnad 1995).

Durch die zunehmende Verbreitung und Nutzung dieser digitalen Pre-Print-Dienste gründete sich im Oktober 1999 im Rahmen der “Santa Fe Convention” die “Open Archives Initiative”, die sich maßgeblich mit den technischen und organisatorischen Aspekten der Transformation der wissenschaftlichen Kommunikation beschäftigte (van de Sompel 2000).

2001 wurde der europäische Ableger von der Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition (SPARC), einer der späteren “major player” der Open-Access-Bewegung, (Russell 2008) (Herb 2012) gegründet. Als Konsequenz aus der Zeitschriftenkrise sollte diese 1998 in den USA gegründete Allianz zwischen Universitäten und wissenschaftlichen Bibliotheken dafür Sorge tragen, dass die Kosten für wissenschaftliche Publikationen reduziert werden und durch die Bereitstellung kostengünstiger oder freier, nicht-kommerzieller, Peer-Review-Fachzeitschriften zu ersetzen sind. Durch Weiterbildung, politische Arbeit und die Förderung alternativer Geschäftsmodelle war es das Ziel von SPARC, Initiativen für offenes wissenschaftliches Publizieren zu stimulieren (SPARC 2015).

Die Manifestierung der Forderung nach offenem Zugang

In 2001 erschien Open Access erstmals im wissenschaftlichen Diskurs als öffentlichkeitswirksames Thema (Science 2001) (Roberts 2001). Die Public Library of Science (PLoS), gegründet im Oktober 2000, forderte die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft in einem offenen Brief im Mai 2001 dazu auf, ab September 2001 nur noch in Zeitschriften zu veröffentlichen, nur noch die Zeitschriften zu begutachten, zu editieren und zu abonnieren, deren Beiträge spätestens sechs Monate nach ihrer Erstveröffentlichung für jedermann im Internet kostenlos und unentgeltlich einsehbar sind (Varmus 2000). Nach 2 Jahren unterzeichneten nach eigenen Angaben rund 33.000 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus über 180 Nationen das Schreiben (Varmus 2003). Auf diesen Brief folgte eine 20-monatige, sehr aktive und öffentlichkeitswirksame Phase der Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation. In diesen 20 Monaten wird neben PLoS der britische Verlag Biomed Central als weiterer “Wegbereiter” für Open Access (:8 Hofmann 2016) gegründet und es entstehen drei der bis heute wichtigsten Erklärungen im Bereich der Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlicher Kommunikation (Frosio 2014):

  1. Erklärung der Budapest Open Access Initiative (Dezember 2002 und 2012)

    Im gleichen Jahr, in dem der PLoS-Brief erschienen war, wurden im Rahmen einer Konferenz des Open Society Institutes in Budapest mit der “Budapest Open Access Initiative” (BOAI) (BOAI 2002) erstmals die Bemühungen um Open Access in einer eigenen Erklärung zusammengefasst (Yiotis 2005) (Garcia de Figuerola 2010) (Bernius 2009). Im Fokus dieser Erklärung steht die Forderung nach freiem Zugang (ausschließlich) zu wissenschaftlichen Zeitschriftenpublikationen, “die zuvor einen Peer-Review-Prozess durchlaufen haben und anschließend, parallel zur Veröffentlichung in der Zeitschrift, im Netz frei zur Verfügung gestellt werden sollten” (Schirmbacher 2007).In der BOAI wird erstmals manifestiert, dass wissenschaftliche Peer-Review-Fachliteratur “kostenfrei und öffentlich im Internet zugänglich sein sollte, so dass Interessenten die Volltexte lesen, herunterladen, kopieren, verteilen, drucken, in ihnen suchen, auf die Volltexte verweisen, sie indexieren, sie als Daten weiterverarbeiten und sie auch sonst auf jede denkbare legale Weise benutzen können, ohne finanzielle, gesetzliche oder technische Barrieren jenseits von denen, die mit dem Internet-Zugang selbst verbunden sind” (BOAI 2002). Die Erklärung manifestiert auch: in “allen Fragen des Wiederabdrucks und der Verteilung und in allen Fragen des Copyrights überhaupt, sollte die einzige Einschränkung darin bestehen, den Autoren Kontrolle über ihre Arbeit zu belassen und deren Recht zu sichern, dass ihre Arbeit angemessen anerkannt und zitiert wird” (BOAI 2002).

    Die Erklärung manifestierte erstmals ein Bild davon, was eine Open-Access-Publikation von einer Veröffentlichung in einer herkömmlichen Fachzeitschrift und von einer kostenlosen, aber nur sehr eingeschränkt nutzbaren Digitalversion eines Artikels unterscheidet, und eignet sich demnach als Anknüpfungspunkt für die Open-Access-Bewegung (Näder 2010). Sie bezog sich dabei explizit erst einmal nur auf wissenschaftliche Zeitschriftenliteratur (BOAI 2002).

    Anlässlich des zehnten Jahrestages der BOAI wurde von der Open Society Foundation mit der BOAI 10 (2012) die ursprüngliche Erklärung um weitere Richtlinien und Empfehlungen für die Entwicklungen und Herausforderungen bei der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation ergänzt. Die Initiatoren kommen unverändert zu dem Schluss, dass “noch immer Zugangsbeschränkungen zu Peer-Review-Forschungsliteratur, meist eher zugunsten der Verlage, als zugunsten der Autoren, Reviewer oder Redakteure und damit auch auf Kosten der Forschung, Forscher und Forschungseinrichtungen” (BOAI 2012) bestehen. Dazu heißt es in der überarbeiteten Erklärung: “Nichts aus den letzten zehn Jahren lässt darauf schließen, dass das ursprüngliche Ziel von Open Access weniger sinnvoll oder erstrebenswert erscheint. Im Gegenteil, die Notwendigkeit, dass Wissen für jeden, der es nutzen, anwenden oder darauf aufbauen kann, offen verfügbar sein sollte, ist dringlicher als je zuvor” (BOAI 2012). Darüber hinaus erfolgte auch eine Adaption der weiterführenden Aspekte der Stellungnahme von Bethesda und der Berliner Erklärung.

  2. Die Bethesda Stellungnahme (Juni 2003)

    Ein Jahre nach Veröffentlichung der initialen Version der BOAI-Erklärung, im Juni 2003, verabschiedete eine Gruppe von Forschungsförderern, wissenschaftlicher Gesellschaften, Verlegern, Bibliothekaren, Forschungseinrichtungen und einzelner Wissenschaftler im US-Bundesstaat Maryland das “Bethesda Statement on Open Access Publishing” (Suber 2003). Ziel der Erklärung war die Stimulation der Diskussion in der biomedizinischen Forschung, “wie man schnellstmöglich den offenen Zugang zu der primären wissenschaftlichen Literatur in der Biomedizin erreichen könnte” (Suber 2003). Ähnlich wie in der BOAI benannten die Autoren und Autorinnen des “Bethesda Statements on Open Access Publishing” die Bedingungen für den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen (Suber 2003):

    Erstens werden Autor(en) und Urheberrechts-Inhaber aufgefordert, für alle Benutzer ein freies, unwiderrufliches, weltweites und unbefristetes Recht auf den Zugang zu genehmigen sowie eine Lizenz zu verwenden, die das Kopieren, Nutzen, Verbreiten, Übertragen und öffentliches Darstellen der Publikation ermöglicht. Darüber hinaus soll es erlaubt sein, abgeleitete Werke zu verteilen und in jedem digitalen Medium für jeden Zweck zu veröffentlichen, vorbehaltlich einer angemessenen Zuordnung der Urheberschaft. Das beinhaltet auch das Recht auf eine kleine Anzahl gedruckter Kopien für den persönlichen Gebrauch.

    Zweitens muss eine vollständige Version der Arbeit und aller ergänzender Materialien, einschließlich einer Kopie der Genehmigung, wie oben erwähnt, in einem geeigneten elektronischen Standardformat unmittelbar bei der ersten Veröffentlichung in mindestens einem Online-Repositorium, das von einer wissenschaftlichen Einrichtung unterstützt wird, hinterlegt werden. Dieses Repositorium muss von einer wissenschaftlichen Gesellschaft, Regierungsbehörde oder einer anderen etablierten Organisation akzeptiert sein. Diese muss sich für einen offenen Zugang, uneingeschränkte Verbreitung sowie Interoperabilität und Langzeitarchivierung (für die biomedizinischen Wissenschaften ist PubMed Central ein solches Repository) verpflichtend einsetzen.

    Die Bethesda Stellungnahme ist in einigen Punkten präziser als die Budapester Erklärung, öffnet aber ihren Wirkungsraum auch auf Monografien und nicht-wissenschaftliche Publikationen. So enthält die Stellungnahme und der damit einhergehende Definitionsversuch Erweiterungen, die später in der Berliner Erklärung ebenfalls aufgegriffen werden, adressiert die Zugänglichkeit von im Rahmen der Publikationen erarbeiteten Zusatzmaterialien wie Mess- und statistische Daten, fordert das “Recht zur Erstellung und Publikation abgeleiteter Werke” (Derivate), “bindet Open Access unmittelbar an digitale Medien”, schreibt sofort nach der Erstveröffentlichung die frei zugängliche Veröffentlichung vor und rückt Open Access in die Nähe offener und freier Inhalte im weiteren Sinne (Näder 2010).

  3. Die Berliner Erklärung (Oktober 2003)

    Einen weiteren Meilenstein für die Verbreitung der Idee von Open Access auf dem europäischen Kontinent stellten die “Berlin Konferenzen” (Frosio 2014) dar. Die erste Tagung wurde 2003 von der Max-Planck-Gesellschaft und dem Projekt European Cultural Heritage Online (ECHO) organisiert, um über “Zugangsmöglichkeiten zu Forschungsergebnissen” zu diskutieren. In diesem Rahmen entstand 2003 auch die “Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen” (Max Plank Society 2003), in der die Verfasser über die Budapester und die Bethesda Erklärung hinausgehen und neben dem kostenlosen und freien Zugang zu wissenschaftlichen Endergebnissen in Form von Publikationen auch den freien und offenen Zugang zu wissenschaftlichen Daten fordern. “Open Access-Veröffentlichungen umfassen originäre wissenschaftliche Forschungsergebnisse ebenso wie Ursprungsdaten, Metadaten, Quellenmaterial, digitale Darstellungen von Bild- und Graphik-Material und wissenschaftliches Material in multimedialer Form” (Max Plank Society 2003).

    Mit dieser Ausweitung der Erklärung auf die Daten hinter den Publikationen formiert sich erstmals ein klares erweitertes Verständnis von Open Access. Damit entsteht auch die erste Grundlage für erste Ansatzpunkte zur Eingrenzung des Open-Science-Begriffs, da hier der offene Zugang als eine “umfassende Quelle menschlichen Wissens und kulturellen Erbes, die von der Wissensgemeinschaft bestätigt wurde” (Max Plank Society 2003) verstanden wird. Die Erklärung schließt damit jegliche wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Arbeiten ein, “unabhängig von Disziplin und Art der Publikation” und “jedweder Herkunft” (Näder 2010). Die Diskussionen um die Berliner Konferenzen konzentrieren sich in diesem Stadium aber dennoch hauptsächlich auf den bereits abgeschlossenen wissenschaftlichen Prozess und die finale wissenschaftliche Publikation.

    Die Autoren und Autorinnen der Berliner Erklärung erahnten die Bedeutung und möglichen Konsequenzen ihrer umfassenden Forderungen sowie die Herausforderungen bei der Umsetzung. Nur so erklärt sich die “Diskrepanz zwischen der kompromisslosen Proklamation der Prinzipien und der durch vorsichtige Wortwahl geprägten ”Unterstützung des Übergangs zum ‚Prinzip des offenen Zugangs’“ in der Praxis” (Lossau 2007).

Alle drei Erklärungen, auch die “three B’s” genannt (Suber 2004), gelten als die anerkanntesten Erklärungen zu Open Access und stimmen in den wesentlichsten Merkmalen überein (Albert 2006), divergieren aber in Detailfragen (Näder 2010). Sie alle eint vor allem die Kernforderung nach der Beseitigung der preislichen und partiell der rechtlichen Barrieren bezüglich des freien Zugangs zu den wissenschaftlichen Publikationen. Sie alle haben zwar keine rechtlich bindenden Interventionen und keine Sanktionsmechanismen, nutzen aber Anreizelemente für die Durchsetzung der definierten Forderungen. Weiterhin eint sie, dass alle drei Erklärungen ihre Ursprünge in den naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fächern haben und vornehmlich auf den Erfahrungen mit der Zeitschriftenkrise in diesen Fächern basieren (Näder 2010). Trotz der Unterschiede im Detail ähneln sich die Erklärungen auch bei der geforderten Beseitigung der Barrieren für die kommerzielle Nutzung und der Erstellung von Derivaten (Frosio 2014). Die drei Erklärungen wurden darüber hinaus “von unterschiedlicher Seite vielfach präzisiert, interpretiert, eingeschränkt und erweitert” (Näder 2010), woraufhin sich eine “BBB- Definition (Budapest-Bethesda-Berlin) von Open Access etabliert hat” (Schirmbacher 2007). Diese wird in dieser Arbeit jedoch nur als ein weiterer grundsätzlicher Bezugsrahmen für die Annäherung an die Begrifflichkeiten von Open Access und Open Science betrachtet.

Schon ein Jahr vor der ersten Open-Access-Erklärung, in 2001, folgte die Entwicklung und 2002 die Veröffentlichung der ersten Creative Commons Lizenzen (Garcia de Figuerola 2010). Diese Lizenzen waren inspiriert von den Lizenzen der freien Softwarebewegung und wurden kostenlos zur Verfügung gestellt (Minjeong 2007). Sie ermöglichten das freie Lizenzieren von Werken für bestimmte Verwendungen unter bestimmten Bedingungen oder ermöglichten die gemeinfreie Nutzung ohne Einschränkungen. Die Creative-Commons-Lizenzen bilden bis heute die urheberrechtliche Grundlage für eine Vielzahl der Open-Access-Publikationen weltweit (Hofmann 2014). Ende 2004 waren 4,7 Millionen Werke unter einer CC-Lizenz verfügbar (Creative Commons 2015). Nach eigenen Angaben von Creative Commons (Creative Commons 2015a) stieg die Anzahl der unter CC-lizenzierten Werke auf 50 Millionen im Jahr 2006, 400 Millionen in 2010 und 882 Millionen in 2014. Seit 2010 ist auch ein Wechsel hin zu offenen Lizenzmodellen innerhalb der CC-Lizenzen ersichtlich. Waren 2010 noch 60 Prozent der 400 Millionen Werke unter den restriktiven CC-Lizenzen veröffentlicht, sank der Anteil in 2014 auf 44 Prozent. Die modularen Lizenzen sind im Kontext von Open Access besonders wichtig, “um (Nach-)Nutzungsmöglichkeiten für Texte, Daten und andere wissenschaftliche Erzeugnisse festlegen zu können” (:163 Hofmann 2014).

Weitere Etablierung von Offenheit

Im Jahr 2003 entstand das Portal Directory of Open Access Journals (DOAJ), das bis zum Jahr 2013 von der schwedischen Universität Lund betrieben wurde (DOAJ 2015). Das Portal ist eine zentrale Anlaufstelle für Open-Access-Journale (Suber 2015) und “zielt darauf ab, Ausgangspunkt für qualitative und peer-reviewte open access Materialien zu sein” (DOAJ 2015). 2012 folgte dem DOAJ-Modell mit dem Directory of Open Access Books (DOAB) ein Portal für qualitätsgeprüfte Open-Access-Bücher und -Monografien (Adema 2013).

Anfang 2006 reagierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) auf die Entwicklungen und verabschiedete eine Richtlinie (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2006), nach der sie zwar nicht voraussetzt, aber “erwartet”, dass Publikationen aus DFG-geförderten Projekten “möglichst” als Open Access veröffentlicht werden (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2014). Eine ähnliche Erklärung verabschiedete auch die größte amerikanische Förderinstitution National Institutes of Health (NIH) und “stellte mit PubMed Central (PMC) eine entsprechende Plattform bereit (Müller 2010). Anfangs wurde die ”offene“ Veröffentlichung der Publikationen unter den Kriterien und Bedingungen der Erklärungen aufgrund eines Aufschreis der Verlage nur ”empfohlen". Die Verlage sahen in der Richtlinie einen Untergang der wissenschaftlichen Qualitätssicherungsprozesse (Baggs 2006). In 2008 wurde die Veröffentlichung NIH-geförderter Publikationen nach einer Embargozeit dennoch verpflichtend (Hanekop 2014). Aktuell gibt es in Deutschland keine zentrale Plattform wie PMC und die Veröffentlichung der geförderten Ergebnisse als Open Access ist weiterhin nicht bindend.

Auf die Entwicklungen folgten viele weitere “anerkennende” weiche Erklärungen unterschiedlicher Gruppen, mit “Bekenntnissen”, “Empfehlungen” und “Einladungen” das Ziel der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation zu fördern. Hier eine Auswahl der Dokumente:

  • 2004 erschien die “Declaration on Access to Research Data” (Organisation for Economic Cooperation Development 2004) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Regierungen “erkennen in dieser Erklärung die Forderung zum Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen aus steuerfinanzierter Forschung an” und “bekennen sich” zu der Notwendigkeit eines Zugangs zu wissenschaftlichen Daten. In der Erklärung bekennen sich die OECD-Staaten (darunter auch Deutschland) darüber hinaus, gemeinsame Regelungen für den Zugang zu digitalen Forschungsdaten aus öffentlichen Mitteln unter Berücksichtigung sozialer, wissenschaftlicher und ökonomischer Interessen zu schaffen.

  • 2007 Die “Kronberg Declaration on the Future of Knowledge Acquisition and Sharing” (UNESCO 2007) der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) aus dem Jahr 2007 thematisiert generell das Thema Wissen, dessen Zukunft und sieht es als Schlüssel zu sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung. Zudem beschreibt sie Veränderungen bei der Erstellung, Aneignung und Verbreitung des Wissens im Rahmen neuer Informationstechnologien. Sie entstand im Rahmen eines Treffens einer Expertengruppe am 22. und 23. Juni 2007. Wie die vorherigen Erklärungen beinhaltet sie zwar weder konkrete Ziele noch Anreiz- oder Zwangsmechanismen, setzt aber konkrete Anknüpfungspunkte und kommuniziert “Empfehlungen” an die Weltgemeinschaft für den Umgang mit Wissen in den nächsten 25 Jahren. Im Gegensatz zu den “three B’s” fokussiert sie dabei nicht nur wissenschaftliche Kommunikation, sondern fordert die weitere Unterstützung für Open Access und ebenfalls die Öffnung von Daten. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Arbeitsgruppe hatten mehrheitlich einen wissenschaftlichen Hintergrund (UNESCO 2007a).

  • 2007 veröffentlicht der Rat der Europäischen Union die “Council Conclusions on scientific information in the digital age: access, dissemination and preservation” (Council of the European Union 2007) und “lädt” die Mitgliedsländer und die europäischen Institutionen ein, neue Strategien und Strukturen für die Verbesserung des Zugangs zu und die Sicherung und Verbreitung von wissenschaftlichen Informationen zu entwickeln.

  • 2012 setzt sich das “The Cost of Knowledge Manifesto” (Gowers 2012) ] im Gegensatz zu den bisher genannten Erklärungen nicht direkt für die Verbesserung des Zugangs zu wissenschaftlichen Informationen ein, sondern gegen die Praxis eines konkreten Wissenschaftsverlages: Elsevier. Dazu startete der Mathematiker Gowers einen Boykottaufruf gegen die überhöhten Subskriptionspreise des Verlages, die Form der Bündelung von wissenschaftlichen Inhalten sowie gegen die politische Arbeit von Elsevier gegen die Verbreitung von Open Access. Über 15.000 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (Stand: August 2015) haben das Manifest bisher unterzeichnet und öffentlich auf der Webseite angegeben, in welcher Weise sie in Zukunft die Zusammenarbeit mit dem Verlag einstellen wollen. Elsevier antwortete im Februar 2012 auf den Boykott (Elsevier B.V. 2012), konnte aber die Vorwürfe nicht restlos ausräumen.

Von Open Access zu Open Science

Die zunehmende Verbreitung des Internets, die zunehmende Digitalisierung wissenschaftlicher Abläufe und die Möglichkeiten des kollaborativen Arbeitens über digitale Infrastrukturen haben die “praktischen und wirtschaftlichen Bedingungen für die Verbreitung von wissenschaftlichem Wissen und kulturellem Erbe grundlegend verändert” (Max Plank Society 2003). “Publikationen” erstrecken sich bei dem Konzept der offenen Wissenschaft (Open Science) auf möglichst sämtliche Prozesse, die zum wissenschaftlichen Erkenntnisprozess beitragen.

Die 2010 veröffentlichten Panton Principles (Murray-Rust 2010) greifen einen Teil dieser Erweiterung des offenen Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen auf und ergänzen diesen um den offenen Zugang zu den (Roh-)Daten der jeweiligen Publikation. Sie folgen unter anderem der Annahme, dass andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie die Gesamtgesellschaft nur dann vollumfänglich von wissenschaftlicher Forschung profitieren können, wenn auch der Kern der Forschung, die Daten auf der sie basiert, unter den Kriterien der “Open-Definition” (Open Knowledge 2014) zur Verfügung stehen.

Die Mehrzahl der bis dahin veröffentlichten Open-Access-Erklärungen bezogen sich auf die Öffnung der finalen wissenschaftlichen Publikationen (mit Ausnahme der Berliner Erklärung, die auch auf die Öffnung von Daten eingeht), mit maximal geringfügiger Änderung des Kommunikationssystems. Open Science wiederum zielt auf eine Transformation des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Die Europäische Kommission sieht in diesem Transformationsprozess vor allem in Hinblick auf die Demokratisierung von Forschung neue Disziplinen und Forschungsthemen, die Symbiose aus Wissenschaft, Gesellschaft und Leitlinien sowie transparenter, reproduzierbarer Forschung (The European Commission 2015).

Im Jahr 2013 konsultierte die Europäische Kommission in diesem Zusammenhang über 130 Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung, Industrie, Forschungsförderung, Bibliotheken, Verlagen und Anbietern von Forschungsinfrastrukturen, um die Implikationen aus diesem raschen technologischen Wandel zusammenzufassen sowie Grundlagen für das kommende europäische Forschungsförderungsprogramm (Horizon 2020) zu definieren. Dabei stehen vor allem Forschungsdaten und die Digitalisierung wissenschaftlicher Kommunikation im Vordergrund. Aus Sicht der Forscher und Forscherinnen umfassen Forschungsdaten alle Daten aus einem Experiment, Analyse oder Messung, einschließlich Metadaten und Details über die Verarbeitung der Daten (The European Commission 2013). Für Verlage handelt es sich dabei ausschließlich um Daten, die mit der finalen Publikation verknüpft sind (The European Commission 2013).

Soziale Medien und die technologischen (Weiter-)Entwicklungen im letzten Jahrzehnt in Bezug auf Geschwindigkeit der Verbreitung von Informationen und Speicherkapazität für Daten ermöglichen erstmals die digitale Bereitstellung sämtlicher Erkenntnisse und Informationen, die in der Wissenschaft gewonnen werden. Die Berliner Erklärung (siehe Abschnitt 2.1.a.vii.) nimmt diese Gedanken schon 2003 auf und ergänzt die Forderung nach offenem Zugang zu originären wissenschaftlichen Forschungsergebnissen um “Ursprungsdaten, Metadaten, Quellenmaterial, digitale Darstellungen von Bild- und Graphik-Material und wissenschaftliches Material in multimedialer Form” (Max Plank Society 2003).

Im April 2012 wurde die Erklärung “Open Science for the 21st century” vom Zusammenschluss der Europäischen Akademien (ALLEA) verabschiedet (ALLEA 2012). Sie war nur eine von mehreren Erklärungen und Positionspapieren für die Öffnung von Wissenschaft durch international angesehene Einrichtungen, durch die verdeutlich wurde, dass die Forderung nach offenem Umgang mit Wissen und Information im wissenschaftlichen Bereich zunehmend an Relevanz gewinnt (Schulze 2013).

2013 folgte mit der “San Francisco Declaration on Research Assessment” (DORA) (American Society for Cell Biology 2013) der öffentliche Aufruf, nicht länger auf journal-basierte Metriken als Maß für die Messung der Qualität einzelner Forschungsartikel oder bei der Einstellung, Beförderung oder bei Forschungsförderungsentscheidungen zu setzen. Die Erklärung fordert zudem Forschungsförderer auf, die gesamte Forschungsleistung und die Wirkung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zu berücksichtigen. Dazu gehören neben der Publikation auch die Datensätze und die Software sowie der Quellcode.

Beide Erklärungen beschreiben auf unterschiedliche Art und Weise eindrücklich die Notwendigkeit der Öffnung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses weit über den reinen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen hinaus. Nur durch eine Öffnung des gesamten Prozesses wissenschaftlicher Forschung, so die Annahme, könne die Wissenschaft dem gesellschaftlichen Auftrag des Wissenschaftssystems im digitalen Zeitalter vollumfänglich gerecht werden und die Herausforderungen an das wissenschaftliche Kommunikationssystem gelöst werden.

Ökonomie der wissenschaftlichen Kommunikation

Die klassische Ökonomie der wissenschaftlichen Kommunikation beruht auf der Durchsetzung von Urheberrechten. Diese beschränken den Zugang und Zugriff auf urheberrechtlich geschützte Inhalte sowie auf deren Wieder- und Weiterverwendung. Leser und Leserinnen können nur gegen die Zahlung einer Gebühr Zugang zu der Veröffentlichung erhalten (Frosio 2014). Das gilt vor allem für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Das wissenschaftliche Publizieren kann dabei als “gesellschaftlich bedingter Kreislauf” (Schirmbacher 2009) betrachtet werden. Eine Besonderheit der Ökonomie wissenschaftlicher Kommunikation, die von spezifischen Akteuren und Prozessen geprägt wird, ist die Organisation des Marktes (Hess 2006). Im Rahmen der formellen wissenschaftlichen Kommunikation und des wissenschaftlichen Verlagsgeschäfts, “ist es der Staat, der diesen Markt schafft” (:7 Hirschi 2015). Die Ökonomie der wissenschaftlichen Kommunikation, ihre Akteure und Prozesse können wie folgt unterteilt werden (Hess 2006):

  1. Erstellung von Inhalten durch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (Erstellung): Der Kreislauf beginnt mit der Anfertigung der geistigen Werke durch die Autoren und Autorinnen (Schirmbacher 2009). Nach der Entwicklung eines konkreten Forschungsvorhabens sowie einer wissenschaftlichen Fragestellung entstehen im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung oder der jeweiligen Untersuchung Daten, die im Forschungsprozess gesammelt, analysiert, ausgewertet, aufbereitet und verschriftlicht werden. Die Ergebnisse werden abschließend strukturiert zusammengefasst und niedergeschrieben (Hess 2006).

  2. Qualitätskontrolle und die Bewertung von Inhalten (Bewertung): Die Qualitätskontrolle ist wesentlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Kommunikation. Sie sichert die gewonnenen Erkenntnisse und stellt einen klaren Abgrenzungsaspekt zu nicht-wissenschaftlichen Informationen und Erkenntnissen dar (Luhmann 1998). Sie findet im Kommunikationsprozess an zwei Stellen des Prozesses statt (siehe auch abschließende Aufnahme von Wissen). Bei der initialen Bewertung wird die Publikation der Erkenntnisse vom Verlag organisiert (Schirmbacher 2009) und von anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen überprüft und gesichert (Peer Review) (Hess 2006).

  3. Auswahl der Inhalte durch Verlage (Bündelung):Die Verlage kuratieren in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die wissenschaftlichen Inhalte für die Publikation. Bei wissenschaftlichen Journalen werden zum Beispiel die eingereichten Beiträge gebündelt und in einer Ausgabe mit anderen Beiträgen zusammengefasst.

  4. Publikation der Inhalte durch Verlage (Druck): Nach Erstellung und Erkenntnissicherung findet die “eigentliche Publikation” (Schirmbacher 2009) der Informationen statt. Bis zur Digitalisierung bestand dieser Schritt ausschließlich aus dem Druck der Inhalte auf Papier. Im Rahmen der Digitalisierung besteht der Prozess in der Aufbereitung der Beiträge für die digitale Verbreitung.

  5. Distribution der Inhalte durch die Verlage (Verbreitung): Der Vertrieb und die Verbreitung von Forschungsergebnissen an die wissenschaftliche Community ermöglicht den Zugriff auf die Informationen durch andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Dieser Schritt stellt einen essentiellen Tei der Zirkulation und Kommunikation des neu gewonnenen Wissens dar. Er sichert die Verfügbarkeit sowie die Möglichkeit des Zugriffs auf die Informationen und ist Teil des Selektionsprozesses für die Erschaffung neuen Wissens (Nosek 2015).

  6. Support und Archivierung (Archivierung): Erschließung, Aufbewahrung und Bereitstellung der Publikation durch Bibliotheken (Schirmbacher 2009). Die Bibliotheken unterstützen Wissenschaftler und Institutionen bei der Bewahrung und der Archivierung von Wissen (Kölbel 2002).

  7. Konsum und Rezeption der Inhalte (Aufnahme von Wissen): In diesem Schritt wird durch den Vergleich neuer Ergebnisse mit bereits publizierten Inhalten sowie durch die Diskussion der Ergebnisse in der Gemeinschaft erneut die wissenschaftliche Qualität gesichert (Umstätter 2007). Die Rezeption der veröffentlichten Inhalte durch die wissenschaftliche (Fach-)Gemeinschaft ist damit der letzte Schritt des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses. Aus der Mitte der wissenschaftlichen Gemeinschaft heraus entsteht durch diese Verschriftlichung der wissenschaftlichen Kommunikation und das Aufgreifen durch die Gemeinschaft neues Wissen (Schirmbacher 2009) und der Kommunikationsprozess beginnt von vorn.

An dem System der Wissenschaftskommunikation und dem Prozess des wissenschaftlichen Publizierens sind neben Fachgesellschaften, dem Buchhandel, Zeitschriftenagenturen und der Öffentlichkeit (:6 Seidenfaden 2005) vor allem drei Gruppen beteiligt: erstens die Wissenschaftler als Produzenten und Konsumenten der Informationen, zweitens die kommerziellen Verleger, die als Intermediäre wissenschaftliche Informationen sammeln, bündeln und verkaufen, sowie drittens die Bibliotheken, die die Informationen wieder den Wissenschaftlern zur Verfügung stellen (Odlyzko 1997).

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stehen dabei an einer komfortablen Stelle des wissenschaftlichen Produktions- und Distributionssystems (Herb 2010), da sie ausschließlich mit der Verarbeitung und Neuerstellung von Wissen beschäftigt sind. Den Erwerb der Publikationen übernehmen die Bibliotheken und mit der Distribution sind die Verlage befasst. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verfügen häufig über sehr gute Zugangsmöglichkeiten zu wissenschaftlichen Informationen durch ihre Forschungsinstitutionen (Cope 2014). In dieser Position als Autoren und als Leser sind sie mit den finanziellen Herausforderungen beim Vertrieb von Wissen nicht konfrontiert. Sie werden an staatlichen, wissenschaftlichen Institutionen größtenteils durch öffentliche Gelder finanziert und erhalten durch die Bibliotheken ihrer Institution Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen. Sie schreiben Texte für die Publikation in wissenschaftlichen Verlagen und werden im Rahmen der Veröffentlichung mit Reputation “belohnt”. In diesem Publikationskreislauf sind die Verlage die einzige voll-privatwirtschaftliche Gruppe, die Ressourcen aus dem System herauszieht, ohne dass diese Ressourcen vollständig dem Kreislauf der Wissenschaftskommunikation wieder zugeführt werden (Kiley 2006).

Wissenschaftliche Inhalte werden bisher vor allem über drei grundlegende Vertriebsarten zur Verfügung gestellt (Cope 2014):

  1. Wissen als Inhalt zum Verkauf: Der größte Anteil wissenschaftlicher Publikationen wird über den Verkauf vertrieben. Allein für die STM-Fächer (Science, Technology, Medicine) wird von einem Markt von 10 Milliarden Dollar für wissenschaftliche, englischsprachige Zeitschriften und weiteren 5 Milliarden Dollar für Bücher ausgegangen (:6 Ware 2015).

  2. Wissen als vollkommen “kostenlose” Ressource: Diese Art des Vertriebs folgt der Maxime, dass die Wissenschaft theoretisch die Verantwortung mit sich trägt, die größtmögliche Verbreitung zu erreichen. Damit sind in der Masse (bis auf einige Ausnahmen) meist noch gering verbreitete Vertriebsmodelle gemeint, bei denen der Leser oder die Leserin kostenlos auf Inhalte zugreifen kann und auch dem Autor oder der Autorin keine Kosten entstehen. Notwendige Erlöse für die Bereitstellung der Plattformen können hier über Werbung oder Zusatzdienste erzielt werden.

  3. Wissen als bei der Produktion bezahlte Ressource: Ein wachsendes Modell für die kostenlose und offene Bereitstellung wissenschaftlicher Inhalte, bei dem der Autor oder die Autorin (oder die Förderinstitution) die Kosten für die Veröffentlichung und Verbreitung übernimmt.

Für die Betrachtung der ökonomischen Prozesse im Rahmen dieser Arbeit steht das Dilemma im Vordergrund, dass “in der Regel wissenschaftliche Arbeiten zwar mit öffentlichen Mitteln finanziert, aber von privaten Verlagen in Fachzeitschriften herausgegeben” (:9 Cloes 2009) werden sowie die Rolle der wissenschaftlichen Akteure in diesem System. Kritisch betrachtet basiert dieses System demnach auf einer “sozial ineffizienten” Grundlage (:47 Müller-Langer 2010), bei der durch öffentliche Gelder geförderte wissenschaftliche Arbeiten exklusiv von privatwirtschaftlichen Verlagen vertrieben werden. Diese Ökonomie der Wissenschaftsverlage ist zwar nicht neu und hat sich im Laufe der Zeit, spätestens seit den 1960er Jahren weiter ausdifferenziert, die Wahrnehmung einer Unverhältnismäßigkeit in diesem System, insbesondere bei der Preisgestaltung für wissenschaftliche Publikationen (King 2008), findet allerdings erst seit Kurzem statt (Frosio 2014) und wird als ein Grund für die Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation erachtet (Yiotis 2005) (Herb 2010).

Digitalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation

Als Digitalisierung werden folgend Fortschritte im Kommunikationssystem bezeichnet, die durch die Entwicklung elektronischer Informations- und Kommunikationstechnologien angestoßen wurden (Ash 2015). Diese Fortschritte lassen das wissenschaftliche Publikationswesen und die wissenschaftliche Kommunikation nicht unberührt (Näder 2010). Wie bereits in der Einleitung dieser Arbeit dargestellt, üben die Digitalisierung und die dahinterstehenden Technologien einen tiefgreifenden Einfluss auf die wissenschaftlichen Prozesse in allen Fachdisziplinen aus, die im Verlauf dieser Arbeit genauer untersucht werden.

Dieser Einfluss ergibt sich aus einer der wichtigsten Unterschiede der digitalen Kommunikation im Vergleich zur analogen Kommunikation. Digital kommunizierte Inhalte sind im Vergleich zu analogen Inhalten weder endgültig noch endlich und weder im Kern noch in der Form fixiert, denn sie können leicht geändert werden und das ohne Spur von Löschung oder Korrektur (Smith 1999). Aus digitalen Informationen kann eine endlose Anzahl identischer Kopien erstellt werden, ohne dass ein Zerfallsprozess eintritt (Smith 1999). Ergänzt durch die Möglichkeit, diese Informationen in einem weltumspannenden Netzwerk in nahezu Echtzeit unabhängig von Ort und Zeit zu transportieren, haben diese fundamentalen Veränderungen für die Informationsspeicherung, -kommunikation und -verbreitung auch einen direkten Einfluss auf die wissenschaftliche Kommunikation, die bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich auf dem Austausch analoger Medien und Kommunikation basierte (Seidenfaden 2005). Die weitgehende Verlagerung des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses in die digitale Welt führt dazu, dass mittlerweile über 90 Prozent der englischsprachigen Journale online verfügbar sind und es einen anhaltend ansteigenden Trend zu Journalen gibt, die nur digital abrufbar sind (Cope 2014) (:233 Gould 2009) (Willinsky 2006).

Mit diesem digitalen Wandel in der wissenschaftlichen Kommunikation ist die Chance für eine umfassende “Beschleunigung des Wissensumschlages” (Wenzel 2003) und die Möglichkeit einer im Prinzip unbegrenzten Verbreitung aller wissenschaftlichen Publikationen (:11 Ash 2015) (Yiotis 2005) auch an nicht-wissenschaftliche Zielgruppen (Konneker 2013) verbunden. Durch die Digitalisierung und die neuen Möglichkeiten der Dissemination befindet sich bisher vor allem die externe und informelle Kommunikation im Wandel. Als Konsequenz dieses Wandels sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen heute in der Lage, ihre Arbeiten öffentlich auf diversen digitalen Plattformen darzustellen, sich so von der Kommunikation über professionelle wissenschaftliche Fachmedien zu “befreien” und direkt mit Teilen innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu interagieren (Konneker 2013).

Diese ersten Veränderungen sind mit der Hoffnung verknüpft, dass offene Innovation und offene wissenschaftliche Kommunikation, wie auch veränderte Zugriffsmöglichkeiten auf wissenschaftliches Wissen (:109 Näder 2010) den privaten und staatlichen Forschungsbereich offener, integrativer und effizienter machen können (Harmon 2012). Für die formelle wissenschaftliche Kommunikation und das Publikationssystem fasst Johannes Näder das weitere Potenzial der Digitalisierung in folgenden vier Punkten zusammen (:66-76 Näder 2010):

  1. Ökonomische Effizienzsteigerung und Kostenersparnis: Platzersparnis und, abgesehen von der initialen Digitalisierung analoger Bestände, fallende Kosten für die Bestandserhaltung; verbesserte Verfügbarkeit

  2. “Paradigmenwechsel bei der Archivierung”: Effizienzsteigerung bei der Bestandserhaltung inklusive besserer Nutzung von Skaleneffekten und Dezentralisierung; identische Kopierbarkeit; Aufhebung der Nutzbestände und der Archivbestände; Trennung der Information von ihrem Trägermedium: nicht mehr die Langzeithaltbarkeit eines physischen Trägermediums ist ausschlaggebend, sondern die Erstellung identischer Kopien

  3. Veränderte und verbesserte Produktions- und Publikationsabläufe: neue Möglichkeiten der Textproduktion, -verarbeitung-, -überarbeitung und -transmission; Anreicherung von Inhalten; Autor und Autorin zunehmend mit Gestaltung und Schriftsatz beschäftigt

  4. Stabilisierung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems: Kosteneinsparungen bei Produktion, Distribution, Zugänglichmachung und Archivierung; Funktionsverschiebungen vom Verlag hin zum Autor und Rezipienten lockern starre Publikations- und Erkenntnisketten

Die Vernetzung im Rahmen der Digitalisierung ermöglicht erstmals eine direkte Schnittstelle zwischen Autoren und Rezipienten, die grundsätzlich keiner Vermittlung durch Dritte mehr bedarf. Als Konsequenz dieser Veränderungen obliegt es mehr denn je dem Leser und der Leserin, aus einer größeren Menge an theoretisch verfügbaren Werken die für ihn wichtigen Informationen zu identifizieren (Hagner 2015), denn “verlagliche Mittler- und Selektionsinstanzen werden dadurch aus ihrer medialen Bindung gelöst und stehen zumindest in ihrer traditionellen Rolle zur Disposition” (:109 Näder 2010).

Als ganz konkrete Veränderung erfolgte bisher mit der Etablierung der digitalen Kommunikation eine Veränderung der Kategorisierung wissenschaftlicher Kommunikation. Während im Druckzeitalter die formelle und interne wissenschaftliche Kommunikation eng an die bibliometrischen Indikatoren geknüpft war und eindeutig von der informelle und externen Kommunikation abgegrenzt werden konnte, scheinen diese klaren Grenzen im Rahmen der Digitalisierung zu verschwimmen, auch wenn das “jedoch nur vermittelt und mit zeitlicher Verzögerung Wirkungen auf das formelle Publikationssystem zeigt” (Hanekop 2014). Hanekop definiert diesbezüglich den folgenden Zusammenhang: “Je größer die Abkopplung zwischen informellen und formellen Aspekten der wissenschaftlichen Kommunikation in einem disziplinären, thematischen oder nationalen Wissenschaftsbereich, umso geringer, vermittelter oder langwieriger kann auch die Wirkung des Internets auf diesen Teilbereich des Publikationssystems sein” (Hanekop 2014). Ben Kaden fasst diese Veränderungen im Kommunikationssystem als kanalerweiterte Wissenschaftskommunikation zusammen und erklärt diese als “Form der Wissenschaftskommunikation, die die informelle und formelle ergänzt” und die “individuell affirmativ” als “eine Art informelles offenes Post Review” verstanden werden kann (Kaden 2009).

Diese neuen Formen und Kulturen der Kommunikation führen jedoch auch zu neuen Fragen in Bezug auf mögliche Ungleichgewichte und Verzerrungen innerhalb des Wissenschaftssystems und erhöhen damit auch die Herausforderung, die Auswirkungen wissenschaftlicher Kommunikation zu standardisieren und zu messen (Gerber 2014). Mit dem Aufkommen der neuen Informationsinfrastrukturen sind diese klassischen Klassifizierungssysteme immer dicht miteinander verknüpft (:326 Bowker 2000). Die daraus resultierenden Chancen und Herausforderungen werden im weiteren Verlauf der Arbeit weiter ausgeführt und vertieft betrachtet.

Bleibt man allerdings bei der starren Einordnung, bezieht sich digitaler Wandel folglich vor allem auf die folgenden drei Bereiche der formellen, internen wissenschaftlichen Kommunikation: die digitale Erstellung von Beiträgen und Texten, das Trägermedium der wissenschaftlichen Information und die Verbreitung, Vermittlung und Rezeption des Wissens (:19 Ash 2015).

Wissenschaftliche Reputation, das Ethos und der Diskurs

Wissenschaftliche Reputation, wissenschaftliches Kapital, das wissenschaftliche Ethos und der Diskurs sind sich bedingende Pfeiler des wissenschaftlichen Kommunikationssystems. Sie vereinen strukturelle Grundlagen, Verhaltensrichtlinien und Anreizmechanismen für die Produktion von Wissen. Die genauere Betrachtung dieser Aspekte ist eine Voraussetzung für das Verständnis von Veränderungsprozessen sowie deren Treiber und Bremser.

Wissenschaftliche Reputation

Wissenschaftliche Reputation kann als eine “Art von Kredit” (Soziologische Aufkl{\...) verstanden werden, mit dessen Hilfe “Status und Ressourcen verteilt werden” (Hanekop 2006). Diese Währung basiert auf der “gegenseitigen Beurteilung und Anerkennung der jeweils neuen Ergebnisse der Fachkollegen (Peers) durch die Wissenschaftler selbst” (Hanekop 2014) (Neidhardt 2006), teils auf der “Generalisierung von Einzelleistungen”, auf “gegenseitiger Ansteckung” und teils “auf der bloßen Häufigkeit der Publikationen oder der Anwesenheit an renommierten Plätzen” (Soziologische Aufkl{\...). Dabei gesteht auch Luhmann die Existenz von “Nebencodes der Reputation” zu (Schmoch 2003).

Die Reputation erfordert eine Konzentration von wissenschaftlicher Aufmerksamkeit und steuert die Verteilung motivierender Effekte, die sich durch das alleinige Streben nach Erkenntnis nicht erzeugen lassen (Luhmann 1998). Die Ergebnisse aus wissenschaftlicher Forschung werden dabei als Publikationen vor allen Mitgliedern der Wissenschaft präsentiert, um diese intern von der Wissenschaftsgemeinde als wissenschaftlich beziehungsweise unwissenschaftlich zertifizieren zu lassen (:47 Rutenfranz 1997) und durch einen kontinuierlichen Prozess der Selbstprüfung wird die Korrektheit der wissenschaftlichen Erkenntnisse sichergestellt (Edsall 1976). Das Reputationssystem ist infolgedessen gleichzeitig ein ausschlaggebender Treiber und Bremser für die Verhaltensweisen der Akteure im wissenschaftlichen System.

Wissenschaftliche Reputation verteilt sich nicht nur auf einzelne Personen sondern auch auf Einrichtungen, die wissenschaftlich tätig sind (:13 Buss 2001). Die Evaluation wissenschaftlicher Einrichtungen findet dabei über “Beobachtungen und Gespräche mit den Wissenschaftlern vor Ort sowie über den Austausch über die Eindrücke innerhalb der Begehungsgruppe und die gemeinsame Verständigung” (Barlösius 2008) statt.

Publikationen bilden im Hinblick auf die Funktion der Reputationsverteilung “eine Art Telos wissenschaftlicher Kommunikation” (Hirschauer 2004). In Bezug auf die Erlangung von Reputation ist wissenschaftliche Arbeit besonders auf ein funktionierendes Peer-Review-System angewiesen (Lüscher 2014). Das Verfahren hat zwei Funktionen: erstens die Selektionsfunktion, in deren Rahmen die Auswahl von Personen, Projekten und Texten stattfindet, und zweitens eine Konstruktionsfunktion, in der Gutachter “produktiv in den Wissenschaftsprozess eingreifen” (Neidhardt 2010), um die eigenen Fachstandards durchzusetzen. Der Peer-Review-Prozess sichert aber nicht nur “Vertrauen” und die Grundlage für die “Anschlusskommunikation” innerhalb der wissenschaftlichen Community, sondern “wirkt überdies auch nach außen und gewährleistet die gesellschaftliche Legitimation des wissenschaftlichen Wissens” (:141 Pscheida 2010).

Als “guter akademischer Forscher” oder gute wissenschaftliche Institution gilt nur, “wer viel und in möglichst angesehenen Journalen” (Frey 2005) oder wissenschaftlichen Buchverlagen veröffentlicht. Dabei spielt der Peer-Review-Prozess eine zentrale Rolle im wissenschaftlichen Prozess (Smith 1999a) und ist Kernelement der Selbststeuerung von Wissenschaft (:5 Neidhardt 2010). In dem Peer-Review-Prozess “werden eingereichte Beiträge von fachlich versierten Wissenschaftlern (...) beurteilt und gemäß der qualitativen Anforderungen der Forschungs-Community zur Veröffentlichung angenommen oder abgelehnt” (Hess 2006).

Die Geschichte des Peer-Review-Verfahrens geht auf das 17. Jahrhundert zurück (Kronick 1978), etablierte sich aber erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Royal Society of London ein “Committee of Papers” gründete, das die Bewertung von Artikeln in seiner Zeitschrift Philosophical Transactions beaufsichtigen sollte (Kronick 1990). Das Verfahren unterschied sich damals grundlegend von dem, was heute im Einzelfall unter “Peer Review” verstanden wird, und auch heute unterscheiden sich die Verfahren und deren Verbreitung in Abhängigkeit vom jeweiligen Fachgebiet. Drei gängige Verfahren der Peer Reviews sind heute besonders stark verbreitet (Müller 01.01.2009):

  1. Bei der Double Blind Peer Review (DBPR) kennen sich Autoren und Gutachter eines eingereichten Manuskripts nicht.

  2. Bei der Single Blind Peer Review (SBPR) kennen die Gutachter die Autoren, die Autoren wissen jedoch nicht, wer ihr Manuskript bewertet.

  3. Beim Open Peer Commentary (OPC) wird einer vergleichsweise großen Anzahl von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Möglichkeit eingeräumt, an der Bewertung wissenschaftlicher Arbeiten teilzuhaben.

Die Verfahren unterscheiden darüber hinaus auch bei den Betrachtungsgegenständen, im Zeitraum der Betrachtung, bei den beteiligten Akteuren, der Anzahl der Peers, im Ergebnis sowie bei der öffentlichen Verfügbarkeit der Kommentare (siehe Tabelle 3).

Vergleich von Peer Review und Open Peer Commentary

Vergleich von Peer Review und Open Peer Commentary

Obwohl die meisten Gutachter für ihre Tätigkeit nicht bezahlt werden (Yiotis 2005), steckt hinter dem Prozess ein komplexes System bestehend aus Redakteuren, Redaktionen, und der Verwaltung des Peer-Review-Prozesses, der meist von Verlagen gesteuert und bezahlt wird (Bargheer 2015) (Müller 01.01.2009) (Baggs 2006). Als “Herzstück einer autonomen, selbstverwalteten Wissenschaft” (:5 Neidhardt 2006) beschränkt er sich nicht nur auf den Prozess der Publikation von Texten (Müller 01.01.2009), sondern deckt ein breites Spektrum von Aktivitäten über die Fachdisziplinen hinaus ab (Lee 2012):

  • die Beobachtung der klinischen Praxis (z.B. in der Medizin)

  • Beurteilung des Lehrenden oder der Fähigkeiten der Kollegen

  • Bewertung bei der Forschungsförderung und von Stipendien bei Einreichung von Anträgen an staatliche und andere Förderorganisationen

  • Begutachtung bei Artikeleinreichungen für wissenschaftliche Zeitschriften

  • Bewertung von Papieren und Plakaten für Konferenzen

  • Bewertung von Buchvorschlägen für Universitätsverlage oder andere Verlage

  • Einschätzung der Qualität von wissenschaftlichen Organisationen sowie der Anwendbarkeit und Interpretierbarkeit von wissenschaftlichen Datensätzen

Das Peer-Review-Verfahren ist zwar innerhalb der Wissenschaft weit verbreitet, bleibt aber der Öffentlichkeit weitgehend verborgen (Konneker 2013). Obwohl dieses Verfahren den Kern der wissenschaftlichen Qualitätssicherung darstellt, werden den qualitativen Peer-Review-Systemen und quantitativen bibliometrischen Qualitätssicherungsverfahren zunehmend Mängel zugeschrieben (Peters 2014) (Lee 2012) (Bär 2009) (Osterloh 2008) (Ware 2008) (Smith 2006) (Jansen 2007) (Smith 1999a). Die Mängel lassen sich laut Osterloh und Frey wie folgt zusammenfassen: erstens die “geringe Reliabilität der Gutachter-Urteile”, zweitens die “geringe prognostische Qualität von Gutachten” und drittens das “opportunistische Verhalten der Gutachter und Editoren”, sowie das “opportunistische Verhalten der Autoren”. Zusammenfassend kommen die Autoren und Autorinnen zu dem Schluss, dass “die Annahme eines Manuskriptes einem Zufallsprozess gleicht” und das “System der qualitativen Peer Reviews (...) auf einer erstaunlich fragwürdigen wissenschaftlichen Grundlage” beruht (Osterloh 2008). Viele der Kritikpunkte am Peer-Review-Verfahren erscheinen berechtigt und lassen sich zum Teil auch empirisch bestätigen (Müller 01.01.2009). Ein genereller Verzicht auf dieses Verfahren zur Qualitätssicherung stellt jedoch keine ernsthafte Alternative dar (Smith 2006).

Kritik am Peer-Review-Verfahren und mögliche Lösungen im Rahmen der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

Kritik am Peer-Review-Verfahren und mögliche Lösungen im Rahmen der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

Das Belohnungssystem für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bietet in der Theorie folglich Anreize für die, die als erstes neues Wissen entdecken und veröffentlichen. Das System der wissenschaftlichen Reputation baut demnach auf der Verbreitung dieser Ergebnisse in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf (Fabrizio 2008). Die Reputation einzelner Wissenschaftler befindet sich damit in enger Abhängigkeit vom bestehenden wissenschaftlichen Kommunikationssystem. Anstatt finanzieller Entlohnung wird in der Wissenschaft primär mit Aufmerksamkeit bezahlt. Vereinfacht lässt sich das System der Wechselbeziehungen der Reputationsverteilung im Rahmen von Publikationen wie folgt darstellen (Bernius 2009):

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Vereinfachte Illustration der Akteure und zentralen Koordinierungsmechanismen im traditionellen wissenschaftlichen Publikationsmarkt nach (Bernius 2009)

Bernius et al. unterscheiden drei aufeinandertreffende koordinierende Marktmechanismen: die Reputation, die Nutzung wissenschaftlicher Publikationen und den Preis für den Erwerb der Publikation (Bernius 2009). Während die Reputation ein non-monetärer Aushandlungsmechanismus zwischen wissenschaftlichen Verlagen und wissenschaftlichen Autoren ist, findet die monetäre Preisdefinition direkt zwischen Bibliotheken und Verlagen statt (European Commission 2006). Der monetäre Aushandlungsprozess zwischen Wissenschaftlern und Bibliotheken wird durch die Bedeutung und Nutzung der jeweiligen Publikation bestimmt (Bernius 2009). Nicht jede Publikation hat diesbezüglich die gleiche Wertigkeit (Humboldt-Foundation 2009) und damit den gleichen Einfluss auf die Reputation eines Autors beziehungsweise einer Autorin.

Zusammenfassend lassen die neuen Möglichkeiten der Verbreitung von Informationen einen vergleichbaren Veränderungsprozess der wissenschaftlichen Reputation und damit auch Anerkennung vermuten, wie er durch die Entwicklung des Buchdrucks ausgelöst worden war (Hanekop 2006).

Messbarkeit wissenschaftlicher Qualität und Publikationsquantität

Wissenschaft ist ein Prozess, bei dem aus "unterschiedlichen Inputfaktoren, mittels verschiedener Transformationen Beiträge zur Schaffung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse als Output entstehen” (:125 Jansen 2007). Die Messung und Bewertung des jeweiligen Outputs führt zur Aussage über die Performanz des jeweiligen Forschungsprozesses. Neben den Indikatoren für den Output wissenschaftlicher Performanz müssen aber auch intermediäre Aspekte berücksichtigt werden (:38 Schmoch 2009).

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in der Wissenschaftsforschung Indikatoren überwiegend zur Beschreibung der exponentiellen Wachstumsverläufe von Wissenschaft entwickelt und eingesetzt (:182 Hornbostel 1997) (Rescher 1978). In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten sich erstmals Indikatoren für die Effizienzmessung wissenschaftlicher Wissensproduktion und -verbreitung, die aber “ebenso wie Sozial- und Wirtschaftsindikatoren keine neutralen Realitätsbeschreibungen” (:181 Hornbostel 1997) darstellten. Spätestens seit den 1970er Jahren werden diese Messungen, die die Forschungsleistung quantifizieren sollen, flächendeckend durchgeführt (Hornbostel 1997), um Forschungsqualität und Quantität quantifizierbar zu machen.

Seit den 1990er Jahren ist diese Bewertung von Wissenschaft in Gestalt von Zahlen als unkontrolliertes Nebenprodukt digitaler Wissenskommunikation erweitert worden (:175 Angermüller 2010). Heute zählen in der Wissenschaft vor allem die wissenschaftliche Reputation und die als “Impact” bezeichnete Wirkung wissenschaftlicher Publikationen (Herb 2013) (Hornbostel 1997). Die Wirkung der wissenschaftlichen Kommunikation wird, wie im Kapitel “Wissenschaftliche Kommunikation” ausgeführt, anhand der quantitativen Betrachtung der Zitationen der jeweiligen Publikation ermittelt (Brembs 2013) (:16 Haustein 2012) (Twitter for scientifi...). Diese rein quantitative Betrachtung muss allerdings auch als Proxy für die Bewertung von Wirkung in der “publish or perish” community verstanden werden (Peters 2015).

Diese Art der Betrachtung basiert auf der Grundannahme, dass Kommunikation die “Essenz der Wissenschaft” (Bonitz 1998) ist und “Zitierungen in ihrer Gesamtheit so etwas, wie die Grundelemente eines weltweiten Expertensystems” (Bonitz 1990) sind. Nach dieser Sichtweise stellt eine häufige Zitation einen wesentlichen Indikator für die Wirkung der wissenschaftlichen Arbeit dar (Hamilton 1990). Ein generalisierter und überzeitlicher Begriff von Qualität wissenschaftlicher Arbeit scheint schwer möglich, weil für die Bewertung als Datengrundlage “Handlungen von Wissenschaftlern” dienen, die zwar “als Urteile interpretiert werden” und “auf die Abbildung eines Konstruktes” abzielen, allerdings “ohne daß eine derartige Bewertung intendiert gewesen sein muß” (:186 Hornbostel 1997).

In den letzten Jahren haben sich neue Möglichkeiten für die Qualitätssicherung und -bewertung herausgebildet (Rekdal 2014). Die “Anforderungen an Verfügbarkeit von Dokumenten und Transparenz der Begutachtungen” der Open-Access-Bewegung haben die Frage aufgebracht, “ob möglicherweise Veränderungen der Review-Praktiken notwendig sind, um exzellente Wissenschaft zu identifizieren und vor allem zu fördern” (:5 Neidhardt 2006). Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die Berücksichtigung neuer Metriken für die Bewertung wissenschaftlicher Qualität eine Antwort auf die Herausforderungen in dem etablierten Messsystem von wissenschaftlicher Qualität und Publikationsquantität sein können.

Bestand die klassische Wirkungsmessung von Wissenschaft in der Ermittlung der Anzahl von Zitationen, ermöglichen die veränderten Bedingungen von wissenschaftlicher Kommunikation im Rahmen der Digitalisierung alternative Erhebungsmöglichkeiten der Wirkung formeller wissenschaftlicher Kommunikation und damit auch für die Erlangung wissenschaftlicher Qualität und Reputation. In den letzten Jahren wurde es viel einfacher, Fälle von Plagiaten und wissenschaftlichem Fehlverhalten zu identifizieren und auch andere Arten akademischer Abkürzungen zu entdecken und zu sehen, wie erschreckend häufig sie auftreten (Rekdal 2014).

Ergänzend zu den etablierten zitationsbasierten Metriken spielen zunehmend detailliertere Analysen von nutzungsbasierten Metriken und Metriken auf Basis von Social-Media-Indikatoren (Peters 2015) bei der Bewertung von wissenschaftlicher Kommunikation eine Rolle. Die Befürworter solcher alternativer Metriken erhoffen sich von diesen neuen Verfahren eine unmittelbare, umfassendere und detailliertere Wirkungsmessung wissenschaftlicher Kommunikation und eine gerechtere Verteilung von wissenschaftlicher Reputation (Peters 2015) (Offenheit und wissens...) (American Society for Cell Biology 2013).

Wissenschaftliches Kapital

Die Wissenschaft ist ein soziales Feld, dessen Strukturen und Praktiken das bestimmen, was in dem Kommunikations- und Publikationssystem als Wissenschaft und als wissenschaftliches Ergebnis gilt (Mikl-Horke 2010). Im Rahmen der Betrachtung von Steuerungs- und Reputationsmethoden für die Wissenschaft ist der Begriff “wissenschaftliches Kapital” von herausragender Bedeutung (Barlösius 2008). Wissenschaftliches Kapital kann als eine Ausprägung des kulturellen Kapitals und als symbolisches beziehungsweise non-monetäres Kapital (Irmer 2011) (Hagner 2015) (Bourdieu 1988) verstanden werden.

Pierre Bourdieu sieht in der Wissenschaft ein soziales Feld und beschreibt es als angetrieben von dem ständigen Machtkampf um die Erlangung und Erhaltung von symbolischem Kapital (Bourdieu 1988). Dieser von Bourdieu beschriebene Homo academicus ist durch Selbstdisziplin, eine sehr ausgeprägte Neugier und die Fähigkeit, Forschung und Lehre zu betreiben, charakterisiert (Bourdieu 1988). Das symbolische Kapital als Triebkraft seines Handelns wird in diesem Zusammenhang von der Soziologin Mikl-Horke als Besitz an symbolischen Gütern beschrieben, “der besonders in einer Gesellschaft, die auf die Kooperation aller angewiesen ist, sehr kostbar ist” (Mikl-Horke 2010). Eine genauere Betrachtung dieses wissenschaftlichen Kapitals ist für das Verständnis der Motivation von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zu publizieren und zu kommunizieren und es ist für die Herausarbeitung der Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation demnach unabdingbar.

Die Gewährung wissenschaftlichen Kapitals basiert heute auf der Kooperation zwischen publizierenden Wissenschaftlern und Verlagen (Herb 2006). Die Wissenschaftler befinden sich in einer Abhängigkeit von den Verlagen. Diese Abhängigkeit wird auch als “Faustischer Pakt” bezeichnet und hinterfragt (Hagner 2015) (Parks 2002). Den Pakt sind Wissenschaftler notgedrungen eingegangen, “um den Preis, dass Barrieren zwischen Autoren und Lesern aufgebaut wurden” (Hagner 2015). “Wissenschaftliches Kapital” kann in diesem Zusammenhang als “Ergebnis einer Investition (...), die sich auszahlen muss” (Herb 2006) definiert werden. "Diejenigen, die diese Berechtigungsscheine in der Hand halten, verteidigen ihr ’Kapital’ und ihre ’Profite’, indem sie diejenigen Institutionen verteidigen, die ihnen dieses ’Kapital’ garantieren. (Bourdieu 2005)

Der Soziologe Bourdieu unterscheidet zwei Typen wissenschaftlichen Kapitals (Bourdieu 1998). Das Kapital, das auf der politischen und institutionellen Macht beruht und das andere, das andere, das aus der rein wissenschaftlichen Anerkennung resultiert (Mikl-Horke 2010). Das institutionelle wissenschaftliche Kapital weist die “Macht und die Erwartung zu, auf Institutionen und Organisationen der Wissenschaft einzuwirken und über die Produktionsmittel der Wissenschaft zu disponieren” (:257 Barlösius 2008). Es ist disziplinunabhängig und fachübergreifend. Das reine wissenschaftliche Kapital muss disziplinspezifisch erarbeitet werden und wird durch die Publikation von Inhalten in den in der jeweiligen Fachdisziplin hoch angesehenen Zeitschriften, bei besonderen Verlagen oder durch die Arbeit in reputierlichen wissenschaftlichen Einrichtungen erlangt (:257 Barlösius 2008).

Zitationsindexe sind Indikatoren für das wissenschaftliche Kapital, das durch Anerkennung entsteht (Bourdieu 1998). Die wissenschaftliche Reputation, die aus dem wissenschaftlichen Kapital resultiert, basiert auf der Liste der Publikationen in hoch gerankten Journalen und angesehenen Verlagen (Herb 2010). Diese Bewertung ist klar symbolischer Natur und basiert “auf der Anerkennung und dem Kredit (...), den die Gesamtheit der Wettbewerber innerhalb des wissenschaftlichen Feldes gewähren” (Bourdieu 1998) (Barlösius 2008) (Herb 2010).

Das wissenschaftliche Kapital ist dabei zunehmend der Kapitalisierung von Wissenschaft ausgesetzt, bei der um den Einfluss der Ökonomie und den “wissenschaftswidrigen Verwertungsdruck” (:12 Neidhardt 2006) gerungen wird. Als ein Indikator dafür ist die Kopplung des wissenschaftlichen Kapitals an die output-orientierten Anreizsysteme zu verstehen. Diese Fokussierung auf die “Kenngrößen führt dazu, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Anreiz haben, sich weniger als Homo academicus, sondern eher als Homo strategicus zu verhalten und sich auf die gut messbaren Aufgabenbestandteile zu konzentrieren” (Frost 2014). Ein Beispiel ist die zunehmende Relevanz des Performanzindikators “Drittmittel” (Fabrizio 2008) (Jansen 2007), bei dem neben der Sicherung der Qualität von Forschung und Lehre zunehmend direkte finanzielle und administrative Kontrolle eine Rolle spielt (Barlösius 2008). Dem Drittmitteleinkommen wird als Indikator für Forschungsleistung eine hohe Bedeutung zugemessen (Jansen 2007). Daraus entsteht die Tendenz, dass nicht nur die Erwartungen an die Bewertung von Wissenschaft sehr ambitioniert sind, sondern auch, dass die Interessen privater und öffentlicher Drittmittel-Auftraggeber in den Vordergrund rücken und die Unabhängigkeit von Wissenschaft und Forschung gefährden.

Ähnliches ist im Rahmen der stetigen Ökonomisierung des internationalen Universitätsbetriebes (Brembs 2015) und bei den leistungsbezogenen Mittelzuweisungen an die Universitäten zu beobachten (:12 Neidhardt 2006). Vor allem die Verknüpfung von wissenschaftlicher Reputation mit der damit einhergehenden Verteilung von Mitteln und Stellen stellt eine neuartige Herausforderung an das Wissenschaftssystem dar, dessen Währung ursprünglich nicht Geld war (Hanekop 2006) (:15 Buss 2001).

Die Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Kapital im Rahmen der Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation kann auch deshalb als wichtig erachtet werden, weil diese bisher nur begrenzt der wissenschaftlichen Logik folgt und eher auf einer “feldunabhängigen Logik der Akkumulation von Kapital” basiert (Herb 2006). Mit der Zunahme an output-orientierten Anreizsystemen im deutschen Wissenschaftssystem (Osterloh 2008) und einem Ungleichgewicht in der Kooperation zwischen wissenschaftlicher Kommunikation und wissenschaftlichem Kapital wird diese Entwicklung bei der weiteren Betrachtung der Motivationsfaktoren für Veränderungsprozesse in der wissenschaftlichen Kommunikation eine wichtige Rolle spielen.

Wissenschaftliches Ethos

Das wissenschaftliche Ethos hat die Funktion der Wissenschaft, “eine soziale und politische Legitimationsbasis zu verschaffen” (Descher 2012). Generell stellt die Verfügbarmachung von Forschungsergebnissen einen integralen Bestandteil des wissenschaftlichen Ethos dar (Fangerau 2014) (:67 Winterhager 2014). Um die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an das wissenschaftliche Ethos zu binden, ist dieses durch “den sozialen Prozess der gegenseitigen Kontrolle bzw. der wechselseitigen Beobachtung geprägt” (:68 Winterhager 2014). Dabei wird “die moderne Wissenschaft als Methode und Praxis der Wissensbildung […] durch ein Ethos epistemischer Rationalität geleitet” (:67 Özmen 2015). Als “selbstregulatives und nach eigenen Regeln operierendes System muss sie ihren Ethos jeder neuen Generation vermitteln” und “Verantwortungsstrukturen und Rahmenbedingungen” schaffen, “die langfristig eine verlässliche Kultur wissenschaftlicher Integrität stärken” (:7 Wissenschaftsrat 2015).

Der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton stellte diesen und weitere Grundprinzipien als normative Grundstruktur des Ethos von Wissenschaft vor (Merton 1985). Diesem Ethos liegen auch die Annahmen zugrunde, dass es Vorteile für die wissenschaftliche Gemeinschaft bringt, wenn Daten zweitverwertet werden und dass Daten ein wirtschaftliches Gemeingut sind, deren Wert durch breitere Nutzung verbessert wird (RIN 2010). Darüber hinaus sind “systematische Widerspruchsfreiheit, interne Kohärenz, Klarheit, aber auch Sparsamkeit und Eleganz, Genauigkeit und Überprüfbarkeit” weitere integrale Bestandteile des Ethos (:67 Özmen 2015). Dabei gilt es auch dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Wahrheit relativ ist und sich die Richtigkeit einer wahren Aussage nur mithilfe der genauen Bedingungen beschreiben lässt, unter denen sie wahr ist. Karl Raimund Popper attestiert der Wissenschaft demnach eine grundsätzliche “Fehlbarkeit” und leitet daraus ab, dass jedwede wissenschaftliche Erkenntnis möglichst offen für Kritik sein muss (Popper 2005).

“Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit” sind weitere Grundtugenden des modernen Wissenschaftlers (Hagner 2015). Das Ethos wird in diesem Zusammenhang als “Komplex von Werten und Normen” (Weingart 1998) beziehungsweise Verhaltensmaßregeln verstanden. Merton unterteilt die Kriterien in die Kategorien, die alle auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem anwendbar sind (Merton 1973) (Fröhlich 2009):

  • Universalismus: Die Geltungsansprüche der Wissenschaft sind allgemein und objektiv (:67 Özmen 2015). Die sozialen Merkmale eines Wissenschaftlers beziehungsweise einer Wissenschaftlerin, wie zum Beispiel Nationalität, Geschlecht, Religion, Klasse usw., dürfen nicht in die Evaluation wissenschaftlicher Ergebnisse einfließen (Weingart 1998).

  • Kommunismus (Kommunalität): Es gibt eine Pflicht zur Veröffentlichung der Ergebnisse von Wissenschaft und Forschung und sie sind als Allgemeingut zu betrachten. Die wissenschaftliche Anerkennung und das Ansehen sind das einzige damit verbundenes “Besitzrecht” (Merton 1973).

  • Uneigennützigkeit: Selbstloses Eintreten für das Wohl der Menschheit und der Wissensdurst müssen die vornehmlichen Motivatoren für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen darstellen (Weingart 1998). Wissenschaft erfordert Objektivität und Desinteresse an den Ergebnissen der eigenen Forschung (Merton 1973) unabhängig von finanziellem Erfolg und Prestige (Weingart 1998). Wissenschaft ist nicht durch persönliche Präferenzen oder eigennützige Motive und subjektive Meinungen geleitet, sondern durch reines Erkenntnisinteresse und durch Wahrheit (:67 Özmen 2015).

  • Organisierter Skeptizismus: Zweifel muss ein grundsätzliches Denkprinzip der Wissenschaft (Merton 1973) und die “von Glaubenshaltungen und Überzeugungen aufgrund empirischer und logischer Kriterien” (Weingart 1998) als Kernbestandteil des Systems verstanden werden. Zum Beispiel gilt es den “Matthew Effect” zu vermeiden. Der Matthäus-Effekt (“Wer hat, dem wird gegeben” Mt. 25,29) ist ein Phänomen auf der Makroebene der Wissenschaft (Bonitz 1998) und beschreibt den Umstand, dass Autoren oder Publikationen, die bereits eine hohe Zitationsrate vorweisen können, meist noch häufiger zitiert werden als die Autoren oder Beiträge mit einer geringeren Zitationsrate. Überproportional profitieren in diesem System also die, die besonders häufig zitiert wurden (Merton 1968) (Meier 2009).

Als Folge dieser Kriterien erkannte Merton das Urheberrecht an wissenschaftlichen Ideen und Beiträgen an, allerdings nur insofern, als dass das Urheberrecht allein auf die Ermöglichung der Anerkennung durch Kollegen und die Achtung der Priorität beschränkt bleibt (Fangerau 2014). Damit kritisiert er implizit das System der wissenschaftlichen Kommunikation.

In Folgeschriften kritisierte er darüber hinaus die neueren Konzepte und Praktiken, die “die Werte des klassischen Wissenschaftsethos korrumpieren” (Fröhlich 2009). Inwieweit die aktuelle Wissenschaftspraxis von Mertons formulierten Werten abweicht, welche neuen oder anderen Werte die wissenschaftliche Praxis mittlerweile beeinflussen und welchen Einfluss die neuen Medientechnologien darauf haben, wird an anderer Stelle der Arbeit noch einmal thematisiert.

Neben der internen wissenschaftlichen Verantwortung, die eng mit der Regel guter wissenschaftlicher Praxis und offener wissenschaftlicher Kommunikation zusammenhängt, kann eine Ergänzung dieses Zusammenhangs um eine externe Verantwortung “im Sinne der Rechenschaftspflicht für die möglichen Anwendungen und Folgen seiner Forschung” (:69 Özmen 2015). In Verbindung mit der Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation ist aber dennoch zu berücksichtigen, dass die Verteidigung der Autonomie und Freiheit der Wissenschaft “nicht mit der ganz anders gelagerten These der Autarkie der Wissenschaft verwechselt” werden darf und mit “ethischen Zwecksetzungen eine Verletzung des epistemischen Ethos sowie eine Gefährdung der Autonomie der Wissenschaft befürchtet werden” kann (:69 Özmen 2015).

Der Umstand, dass die zunehmende Berücksichtigung bibliometrischer Indikatoren anstatt der tatsächlichen Qualität der Wissenschaft im Rahmen der Steuerung von Wissenschaft zu negativen Auswirkungen auf die normative Grundstruktur des Ethos der Wissenschaft führen kann, stellt einen weiteren Anknüpfungspunkt für die Herausforderungen im aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystem dar.

Wissenschaftlicher Diskurs

“Wissenschaftliche Kommunikation vollzieht sich in Behauptungen, Erklärungen, Prognosen; sie ist nicht nur ein Informationsaustausch. Vielmehr vollzieht sich im wissenschaftlichen Diskurs der kollektive Prozess des wissenschaftlichen Begreifens. Deshalb ist die wissenschaftliche Sprache als Diskurs nicht bloß ein Medium der Kommunikation, sondern der Ort, an dem sich ein wesentlicher Teil der wissenschaftlichen Arbeit vollzieht, der kollektive Darstellungsraum der Wissenschaft.” (:95 Böhme 1978)

Neben der Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit kann auch die Erforschung wissenschaftlicher Fragestellungen als ein Teil des wissenschaftlichen Diskurses betrachtet werden. Die Verarbeitung von Forschungsergebnissen, die Anwendung und Neuinterpretation von Ergebnissen sowie das Verfassen von Gegenentwürfen und synthetischer Gesamtdarstellungen stellen Faktoren für den wissenschaftlichen Diskurs dar (Gruber 2005). Jürgen Habermas unterscheidet hier das kommunikative Handeln vom strategischen Handeln. Im dem “rationalen Diskurs” findet dabei vor allem eine Verständigung über problematische Geltungsansprüche statt (Habermas 1981). Der Beobachter entwickelt Methoden und Verfahren, um zu einer Verständigung mit seiner Zielgruppe zu kommen (:221 Luhmann 2015). Der wissenschaftliche Diskurs operiert in diesem Verständigungsprozess funktional eigenständig und alles, was in diesem Zusammenhang durch Wissenschaft kommuniziert wird, ist “entweder wahr oder unwahr” (:73 Luhmann 1998).

Michel Foucault versteht unter einem Diskurs “eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören” (Foucault 1981). Der wissenschaftliche Diskurs gründet sich demnach nur zum Teil auf die Forschung und kann auch nicht nur als “Kontaktglied zwischen dem Denken und dem Sprechen” (Foucault 2003) definiert werden. Er wird getrieben vom Willen zur Wahrheit, der sich durch “die Pädagogik, dem System der Bücher, der Verlage und Bibliotheken, den gelehrten Gesellschaften einstmals und den Laboratorien heute” ständig erneuert (Foucault 2003). Abgesichert wird der Diskurs “durch die Art und Weise, in der das Wissen in einer Gesellschaft eingesetzt wird, in der es gewertet und sortiert, verteilt und zugewiesen wird” (Foucault 2003). In der Foucault’schen Diskursanalyse wird der Diskurs als die Fähigkeit definiert, die “Beziehungen” zwischen “Institutionen, ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen, Verhaltensformen, Normsystemen, Techniken, Klassifikationstypen und Charakterisierungsweisen herzustellen” (Foucault 1981).

Im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses versuchen Menschen mit diversen “Machtprozeduren”, die “ungeordnete und wuchernde Masse aller Äußerungen” zu reglementieren und zu kontrollieren (Neymeyer 2010). Resultierend daraus entstehen Diskurse, die sich über einen gemeinsamen Gegenstand definieren. Sie gehorchen “impliziten wie expliziten Regeln”, unterliegen “spezifischen Funktionen”, nehmen bestimmte Formen an und sind von “Machtmechanismen gekennzeichnet” (Neymeyer 2010). Diese grundlegende Definition des Diskurses ist für die weitere Betrachtung der Veränderungsprozesse und die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation unabdingbar.

Die Forderungen um die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation beruhen auf der Annahme, dass sie die Grundlage dafür schaffen können, dass wissenschaftliche Diskurse besser und umfassender geführt werden als im aktuell bestehenden System. Nach der klassischen Einordnung ist damit aber nicht eine Öffnung des Diskurses außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeint, sondern nur die Senkung der Zugangsbarrieren zu wissenschaftlicher Kommunikation. Das Ziel des Ausschlusses der Öffentlichkeit aus den wissenschaftlichen Diskursen liegt darin, die Macht sowie Auswüchse des Diskurses einzugrenzen, seine Ergebnisse zu bändigen und das Wissen durch den “Willen zur Wahrheit” (:15 Foucault 1991) zu kanalisieren.

Die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation

Wie dargestellt, steht das wissenschaftliche Kommunikationssystem vor mannigfaltigen Herausforderungen. Infolge der zunehmenden Privatisierung wesentlicher Bestandteile des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses haben sich die akademischen Ziele und die Marktinteressen der privatwirtschaftlichen Anbieter immer weiter voneinander entfernt. Zum Beispiel sind im Zeitraum von 1986 bis 2012 die Ausgaben für Bibliotheksbestände in den Vereinigten Staaten um 322 Prozent gestiegen (Lewis 2011). Den Verlegern werden Betriebsgewinnmargen von über 35 Prozent (Russell 2008) (Cope 2014) sowie hohe jährliche Wachstumsraten (Eve 2013) (Wellcome Trust 2003) bescheinigt. Die drei größten Wissenschaftsverlage vereinen bereits 42 Prozent aller Journale unter sich und trotz der internationalen Finanzkrise stiegen die Umsätze ungebremst weiter. In den Jahren zwischen 2008 und 2011 stiegen die Umsätze um 11,7 Prozent und die Gewinne von 1,6 Milliarden auf 1,9 Milliarden Dollar (17 Prozent) (Cope 2014). Das entspricht einer Umsatzrendite von 35,8 Prozent. Im Vergleich dazu lagen die durchschnittlichen Umsatzrenditen im Wirtschaftszweig “Verlagswesen” bei deutschen Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern laut der Bundesbank im Jahr 2011 bei 11,6 Prozent (Deutsche Bundesbank 2014). Es sind nur wenige Beispiele bekannt, “in denen das symbolische Kapital in so außerordentlichem Maße zu ökonomischem Kapital verdinglicht worden ist” wie bei dem Geschäftsmodell des wissenschaftlichen Publizierens (Hagner 2015).

Als möglicher Ausweg aus dieser Krise wird immer wieder die Digitalisierung und Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation durch Konzepte wie Open Access und Open Science genannt (Lewis 2011). Beide Begriffe umfassen eine Vielzahl an Möglichkeiten für die Zukunft der Wissensbildung und Wissensverbreitung. Sie funktionieren als Sammelbegriffe für unterschiedliche Auffassungen, wie weit und in welcher Form Wissenschaft offener werden kann. Sie sind Bestandteil eines notwendigen Diskurses in der wissenschaftlichen Gemeinschaft (Schulze 2013). Kleinster gemeinsamer Nenner in diesem Diskurs um die unterschiedlichen Konzepte ist, “dass wissenschaftliche Forschung sich irgendwie mehr öffnen muss” (Fecher 2013).

Rainer Kuhlen definierte diesbezüglich schon 2002 drei Szenarien, wie der Zugriff auf Wissen in Zukunft organisiert werden könnte (Kuhlen 2002):

  1. Elektronische Informationen sind frei zugänglich und die Konzepte der individuellen Autorenschaft und des geistigen Eigentums werden zu Relikten aus bürgerlichen Vorinformationsgesellschaften.

  2. Wissen und Informationen sind kontrolliert und dem Markt ohne politische Gegensteuerung überlassen: Die Kommerzialisierung und Zonierung von Wissen und Information wird umfassend sein und den Alltag bestimmen.

  3. Wissen und Information werden über koexistente oder Paralleluniversen organisiert: Das Wissens als Produkt ist frei, öffentlich zugänglich und nutzbar. Es bleibt aber genug Spielraum bei der Adaption, Beratung, Veredlung oder anderen Mehrwertleistungen einer kommerziellen Informations- und Wissenswirtschaft.

Aktuell stehen die etablierten Prozesse wissenschaftlicher Kommunikation vor umfangreichen Herausforderungen. Die Zeitschriften- und Monografienkrise, der zunehmende finanzielle Druck im Rahmen der öffentlichen Finanzierung von Wissenschaft, die Veränderungen im wissenschaftlichen Kommunikationsprozess durch neue Arten und Möglichkeiten der Distribution, die steigenden Beschaffungskosten für wissenschaftliche Literatur (Offenheit und wissens...) (Müller 2010) sowie die Veränderungen in der Rezeption von Inhalten (Holub 2013) zwingen zum Umdenken in der wissenschaftlichen Kommunikationspraxis. Die anhaltende Forderung nach mehr Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationsprozess entwickelte sich zu einem konkreten Lösungsansatz für die Herausforderungen an das etablierte System.

Die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation ist eine große Chance, Veränderungen im wissenschaftlichen Qualitäts- und Reputationssystem zu erwirken. Bisher werden wissenschaftliche Erkenntnisse häufig erst nach langen intransparenten Verfahren bewertet, publiziert und nur an einen beschränkten Kreis von Rezipienten vermittelt. Diese intransparente Praxis hat einen signifikant-negativen Einfluss für Allokation von Ressourcen durch die öffentliche Hand und die Kosten, die im Rahmen öffentlich-finanzierter Forschung entstehen. Die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation würde demnach entgegen der bisherigen Praxis eine stärkere Berücksichtigung der Aspekte Aktivität der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und Qualität der Forschungsergebnisse ermöglichen (Heise 2012).

Als Auslöser für die Entwicklung von Open Access werden auch die infrastrukturellen Veränderungen angeführt, die “seit spätestens Mitte der 1990er-Jahre entscheidend Einfluss auch auf die Wissenschaftskommunikation und das wissenschaftliche Arbeiten genommen haben” (Schulze 2013). Open Access entwickelte sich vorerst primär in den naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fächern, in denen viel Aufmerksamkeit auf der Selbstarchivierung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vor der finalen Publikation (Pre-Print) in privaten, zentralen oder institutionellen Repositorien lag (Adema 2013) und bei denen die Auswirkungen der Zeitschriftenkrise am stärksten zum Tragen kam (Näder 2010). Wissenschaftliche Informationen werden seither nicht nur in “digitaler Form konsumiert, sondern auch kollaborativ und kooperativ, zeitlich versetzt, durch teilweise räumlich weit verstreute Arbeitsgruppen und Forschungsverbünde, genutzt und weiterverarbeitet” (Schulze 2013). Die Verbreitung und Akzeptanz von Open Access variiert dabei zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen erheblich (Bernius 2009).

In der Debatte über die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens und Kommunizierens besteht die Tendenz, Konzepte der offenen Wissenschaft als einen bisher beispiellosen und noch nie dagewesenen Wandel darzustellen (Näder 2010) (Björk 2010). Diese Haltung basiert auf “verschiedenen Gründungsmythen”, die auf “unterschiedliche Zielsetzungen und Lösungspfade” verweisen (:7 Hofmann 2016). Die Geschichte von Open Access ist eine Entwicklung, die unter anderem eng mit der Digitalisierung von Kommunikationsprozessen auf der einen sowie mit der Zeitschriftenkrise auf der anderen Seite verknüpft ist (:6 Hofmann 2016) (Yiotis 2005) (:286 Wein 2010). Open Access ist kein Selbstzweck, sondern ein Attribut tiefergehender Prozesse, die mit der wachsenden Bedeutung der Digitalisierung in unserer Zivilisation und den damit einhergehenden Wandlungsprozessen im Machtgefüge zusammenhängen (Hofmann 2014). Es bleibt jedoch hervorzuheben, dass es trotz vereinzelter Versuche, wissenschaftliche Informationen und Publikationen offen und frei zu kommunizieren, es schwer möglich war, Open Access im Print-Zeitalter physisch und ökonomisch über lokale Grenzen hinaus zu etablieren.

Die Forderung nach der Öffnung von Wissenschaft und Forschung ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine “politische Reaktion” oder “technische Alternative”, sondern eine “alternative Formatierungen einer wissenschaftlichen Infrastruktur im technischen, rechtlichen und zeitlichen Sinne” (Kelty 2004). Diese Infrastruktur ist schwer zu erfassen (:319 Bowker 2000) und dennoch betreffen sie “Wissenschaftler, politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit” (Scheliga 2014).

Bei der genauen Betrachtung dieser Forderungen nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation ist es deshalb zwingend erforderlich, die Konzepte von Open Access und Open Science abzugrenzen. Open Access bezieht sich auf einen möglichst uneingeschränkten Zugang zu finalen wissenschaftlichen Ergebnispublikationen für die Gesamtgesellschaft. Open Science beschreibt hingegen den umfassenden Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess inklusive aller Daten und Informationen, die bereits bei der Erstellung, Bewertung und Kommunikation der wissenschaftlichen Erkenntnisse entstanden sind.

Wissenschaftliche Kommunikation als Open-Source-Prozess

Wenn es im aktuellen öffentlichen Diskurs um die Öffnung wissenschaftlicher Informationen, Infrastruktur und Arbeiten geht, werden immer öfter Schlagworte mit dem Attribut “Open”, wie Open Access, Open Research und Open Science, verwendet (Bunz 2014) (Schulze 2013). “Offen” ist dabei nicht mit “kostenlos” gleichzusetzen (Grand 2012) und bezieht sich üblicherweise auf zwei Kernaspekte: zum einen die Offenheit des Zugangs zu Zugangs zu wissenschaftlichen Texten, Daten, Quellcodes oder Ergebnissen und zum anderen auf das Gebot der Transparenz, also die Offenlegung beziehungsweise der Zugriff auf Verfahren, Methoden und Ziele (Schulze 2013). “Offenheit” (Openness) wird im Rahmen dieser Arbeit multidimensional verwendet. Sie hat eine rechtliche, wirtschaftliche, technische, politische und kulturelle Dimension.

Im Rahmen der Forderung nach der Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation und wissenschaftlicher Publikationen werden in der Literatur immer wieder Vergleiche zur Open Source-Bewegung gezogen (Fecher 2013) (Peters 2014) (RIN 2010) (:423 Mantz 2007) (Kittler 1999). Diese Vergleiche dienen dabei beispielhaft dem Verständnis theoretischer Grundlagen im Rahmen der Öffnung von Wissenschaft und Forschung.

Open Source ist ein Begriff aus der Softwareentwicklung, der als Gegensatz zum Verfahren der Wissenssicherung (Stallman 2002) eine quelloffene Handhabe von Programmcodes beschreibt und in den 1990iger Jahren erstmals eingeführt wurde (:5 Hippel 2003). Dieser Begriff wird praktisch, auch wenn es philosophisch enorme Meinungsunterschiede gibt (:5 Hippel 2003) (:169 Stallman 2002), synonym mit “freier Software” (nicht Freeware) verwendet (Näder 2010) (:414 Mantz 2007). Dabei folgt die Open-Source-Entwicklung der Maxime, dass die Kernsteuerungsinformationen und -befehle (Quelltext) von Software öffentlich einsehbar und zugänglich sind sowie je nach gewähltem Lizenzmodell modifiziert, kopiert oder weitergegeben werden können. Der Unterschied zu Stallmans “Free Software” besteht hauptsächlich darin, dass die Open-Source-Software-Produktion nicht zwangsläufig ausschließt, das Produkt kommerziell gegen Bezahlung mit proprietären Erweiterungen zu vertreiben, während Free Software prinzipiell immer frei verbreitet werden muss (Stallman 2002).

Bei der Open-Source-Entwicklung veröffentlichen Programmierer den Code einer Software offen im Internet. Andere Programmierer haben jeweils die Möglichkeit, diesen Code so weiterzuentwickeln und anzupassen, wie es ihnen beliebt. Dadurch entsteht ein offenes Ökosystem an Software – womit nicht zwangsläufig ein fertiges Programm gemeint sein muss –, bei dem nicht mehr der Zugriff die Hürde darstellt, sondern die Adaption oder der Einsatz der vorhandenen Lösungen. Diese Entwicklungsmethode unterscheidet sich zum traditionellen Modell der Entwicklung von Software vor allem mit der Feststellung, dass Open-Source-Software das Prinzip der Exklusivität und das Prinzip des Ausschlusses des geistigen Eigentums auf den Kopf stellt. Auch wenn noch immer nicht vollständig geklärt ist, ob Open-Source-Software wirklich “schneller, besser oder günstiger” ist, hat sich Open Source in den letzten Jahren stark verbreitet (Lerner 2001) und an Bedeutung gewonnen.

Die Definition von Open Source beinhaltet festgelegte Kriterien für die Klassifizierung (Open Source Initiative 2003): Freie Weitergabe ohne zusätzliche Kosten, das Programm muss den Quellcode beinhalten und den Code offen zur Verfügung stellen, die verwendete Lizenz muss Derivate zulassen, die Unversehrtheit des Quellcodes des Autors muss garantiert werden, die Diskriminierung von Personen oder Gruppen muss ausgeschlossen sein, es darf keine Einschränkung des Einsatzfeldes geben, die Lizenz muss weitergegeben werden können und auf das Produktpaket anwendbar sein und die Lizenz darf die Weitergabe des Programmcodes zusammen mit anderer Software nicht einschränken.

Im Vergleich zum klassischen Softwareentwicklungsprozess definiert der Hamburger Wirtschaftsinformatiker Markus Nüttgens folgende charakteristische Merkmale (Nüttgens 2014):

  1. Anzahl der beteiligten Entwickler und Entwicklerinnen: Im Vergleich zu traditioneller Softwareentwicklung ist eine weitaus größere Anzahl von Entwicklern beteiligt. Es gibt keine klare Grenze zwischen Entwicklern und Anwendern, da die Hürden für eine Partizipation im Entwicklungsprozess sehr gering sind. Auch wenn ein großer Teil der Entwicklungsarbeit von Freiwilligen übernommen wird, gibt es dennoch den Trend zum Einsatz bezahlter Entwickler.

  2. Zuteilung der Arbeit: Im Open Source Programming (OSP) wird die Entwicklungsarbeit nicht länger von einer definierten Instanz zugeteilt, sondern die Teilnehmer wählen ihre Arbeitspakete selbst aus.

  3. Architektur: In der Regel orientierten sich die Teilnehmer eines OSP nicht an einer vorgegebenen System-Architektur. Die Gestaltung der Architektur geschieht dezentral und ist oftmals häufigen Richtungswechseln unterworfen.

  4. Koordination: Es gibt wenig oder keine institutionalisierten traditionellen Koordinationsmechanismen, wie z.B. Projekt- und Zeitpläne, Lasten- und Pflichtenhefte und Ähnliches.

Um die Logik, Sprache, Begriffe, Kategorien und Operationen der (neuen) Medien charakterisieren zu können, bedarf es einer Verknüpfung und tieferen Auseinandersetzung mit Informationstechnologie (:65 Manovich 2001). Die Verknüpfung der Open-Source-Entwicklungsmethode mit der Forderung nach Öffnung von Technologie, Bildung und wissenschaftlicher Kommunikation wurde unter anderem von dem Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker Friedrich Kittler manifestiert (Kittler 1999), der darin eine Chance für den anhaltenden Überlebenskampf der Universität sieht (:7 Chun 2006).

Open-Source-Entwicklungsprozesse weisen auch insofern Konvergenzen mit der Forderung nach der umfassenden Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation auf, als dass es in beiden Fällen nicht nur um den freien und offenen Zugang zum finalen Ergebnis geht, sondern um die Möglichkeit des Zugriffs im gesamten Verlauf des Erstellungsprozesses (Kelty 2004). Die Open-Source-Entwicklungsprozesse unterscheiden sich von den klassisch-traditionellen (closed-source) Softwareentwicklungsprozessen insbesondere durch die transparente Präsenz und permanente öffentliche Einsehbarkeit. Adaptiert man diese Open-Source-Prozesse auf wissenschaftliche Erkenntnisprozesse und definiert in diesem Zusammenhang wissenschaftliche Publikationen als Quellcode, ist das Konzept auf den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess mindestens teilweise übertragbar (Garcia de Figuerola 2010) (Singh 2008) (Bradley 2008) (Mantz 2007) (Dorschel 2006) (Bradley 2007) (Willinsky 2005). Dass das System der offenen Softwareentwicklung dem System der Erkenntnisgewinnung in der Wissenschaft ähnelt, beruht auch auf der Parallele, dass in der Wissenschaft neues Wissen auf der Grundlage von bereits vorhandenem und verfügbarem Wissen entsteht. Das gilt ebenso für Open-Source-Entwicklungen, bei denen Entwickler und Entwicklerinnen häufig auf Softwareteile anderer zurückgreifen.

Ähnlichkeiten bestehen ebenso bei der Motivation für die Erstellung offener Software und für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Zusammenfassend sind beide Prozesse in nachfolgend aufgelisteten Aspekten einander ähnlich:

  1. Wie bei der wissenschaftlichen Kommunikation baut die Entwicklung vieler Open-Source-Projekte auf den Inhalten, Steuerungsinformationen und Erfahrungen anderer Projekte auf. Die Projekte profitieren dabei von einem ständigen Austausch von Informationen, gegenseitiger Optimierung und Verbesserung. Wie bei Open-Source-Software streben auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach der größtmöglichen Verbreitung ihrer Inhalte

  2. “Free Software (im Sinne von Open Source), Open Access und Creative Commons sind alles Rechts- und Infrastrukturexperimente”(Kelty 2004). Open-Source-Software sollte dabei nicht mit “Shareware” verglichen werden, die zwar kostenlos verbreitet wird, aber deren Quellcode proprietär bleibt (Lerner 2001).

  3. Die Kontributoren von Open-Source-Projekten versprechen sich neue “Karrieremöglichkeiten oder eine Ego-Genugtuung” (Lerner 2001), Selbstverwirklichung oder Befriedigung der intellektuellen Neugier (Willinsky 2005), sowie gegenseitige Beurteilung und Anerkennung (non-monetäres Kapital). Das wissenschaftliche System basiert auf ähnlichen Mechanismen beim Karriere- und Reputationssystem.

  4. Parallelen ergeben sich auch auf der Nutzerseite: "Denn hier wie dort gilt es, das Spannungsfeld zwischen dem Prinzip des „offenen Zugangs“ [...] und dem Wunsch mancher Urheber, die Nutzung seines Werkes – teils aus ideellen, teils aus ökonomischen Motiven – auf bestimmte „gewünschte“ Nutzungsformen zu beschränken" (Dorschel 2006).

  5. Wie bei der wissenschaftlichen Kommunikation geht es bei der Mitarbeit an Open-Source-Projekten nicht ausschließlich um altruistische Motive (Lerner 2001) und um kollektive beziehungsweise arbeitsteilige Prozesse zur Wissensproduktion.

  6. Die Debatte um die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation kann aus technologisch-entwicklungsmethodischer Sicht mit der Debatte um kostenloser Software (Freeware) versus Open-Source-Software verglichen werden. Der Vergleich: Freeware und Open-Access-Publikationen sind zwar kostenlos verfügbar, ihr Erstellungsprozess wird jedoch nicht offen und transparent kommuniziert. Bei Open Science geht es wie bei Open Source um die Offenlegung des gesamten Erstellungsprozesses inklusive der Daten (Grand 2012) sowie auch der benutzten wissenschaftlichen Codes (Hey 2015).

  7. Auch die häufig genutzten Lizenzmodelle und Definitionen von Offenheit im Rahmen wissenschaftlicher Kommunikation haben ihren Ursprung in der Open-Source-Bewegung.

Der Vergleich der Öffnung von Wissenschaft mit der Open-Source-Bewegung wird im Rahmen dieser Arbeit als ein Ansatzpunkt erachtet, um ein mögliches Szenario aufzuzeigen, wie in Zukunft die Wissensproduktion frei und öffentlich gestaltet werden kann. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass bei der Nutzung Open Access publizierter Werke und Publikationen die Erfahrungen aus dem Bereich der Open-Source-Software dienlich sein können, wobei sich die rechtlichen Fragestellungen und Lösungsansätze auf Anbieterseite doch zum Teil erheblich unterscheiden (Dorschel 2006). Diese Einschränkung resultiert aus einer partiell differenten Interessenlage: Open-Source-Software basiert in hohem Maße auf dem Community-Gedanken und ist letztlich von altruistischen Motiven geprägt, während bei Open Access zum Teil die Ressourcenknappheit der öffentlichen Hand sowie die individuellen Renommeeinteressen des Wissenschaftlers im Vordergrund stehen (Dorschel 2006). Im Rahmen der Veränderungsprozesse und Ausweitung der Öffnung auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess muss diese Einschränkung der Vergleichbarkeit allerdings hinterfragt werden, was im weiteren Verlauf dieser Arbeit dargestellt wird.

Die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation

Während “Openness” bisher vielfach mit den Entwicklungen im Zusammenhang mit offener Software assoziiert wird, gibt es Anknüpfungspunkte von “Offenheit” als Begriff in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die schon zeitlich früher anzusetzen sind (Tkacz 2014). So sieht Christopher Kelty die ersten Anfänge bereits in den 1980er Jahren (Kelty 2008). Andrew Russell sieht die ideologischen Ursprünge von “Offenheit” als Standard schon in der Entwicklung des Telegraphs und weiteren Ingenieurleistungen seit 1860 (Russell 2014). Könneker und Lugger sehen erste Beispiele einer offenen Wissenschaft bereits im 17. Jahrhundert (Konneker 2013). Zu dieser Zeit herrschte noch keine strikte Trennung zwischen Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern und die “öffentliche[n] Demonstrationen von Experimenten mit großem Überraschungs- und Unterhaltungswert beziehen das Publikum ein” (Weingart 2005).

Das aktuell vorherrschende System der wissenschaftlichen Kommunikation hat sich seit den 1960er Jahren etabliert und funktionierte am besten, als die akademischen Ziele mit den Marktinteressen vereinbar waren. Doch die Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Kommunikation haben sich seitdem fundamental verändert (Weiner 2001). Infolge des weltweit steigenden Haushaltsdrucks der Bibliotheken und wissenschaftlichen Institutionen, des “ungewöhnlichen Geschäftsmodells” (Scholarly Publishing:...) der Wissenschaftsverlage mit immer höheren Margen (Albert 2006), der Massifizierung der Universität (Binswanger 2014), des konstanten Anstiegs des wissenschaftlichen Outputs (:23 Haustein 2012) und des Umstandes, dass private Wissenschaftsverlage durch das wissenschaftliche Reputationssystem über öffentlich finanzierte Wissenschaftlerkarrieren entscheiden (Heise 2012), befindet sich das wissenschaftliche Kommunikationssystem in einer Krise (:11 Ash 2015).

Im Rahmen der technologischen Entwicklungen bei der Digitalisierung des wissenschaftlichen Arbeitens und elektronischen Publizierens kann die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation als eine mögliche Antwort auf diese Krise verstanden werden, setzt bei der Öffnung (Open) und dem freien Zugang (Access) zu wissenschaftlichen Publikationen an und könnte perspektivisch zu einer Öffnung (Open) des Zugriffs auf den Prozess des Forschens (Science) führen. Darüber hinaus werden wissenschaftliche Ergebnisse zunehmend zum Thema massenmedialer Berichterstattung, wodurch sich der ursprüngliche “Publikumsbezug der wissenschaftlichen Kommunikation zur jeweiligen Fachgemeinschaft um den Bezug zur allgemeinen Öffentlichkeit ergänzt” (:20 Ash 2015).

Dieser Wandel im “Zeitalter der Informatik” birgt aber auch Herausforderungen, die der Philosoph Jean-François Lyotard als “Ökonomisierung des Wissens” (:14 Lyotard 1979) auch im Rahmen der zunehmenden Quantifizierbarkeit von Wissen bezeichnet. Wissen ist performativ geworden und die Produktion von Wissen erfolgt nicht mehr (nur) zum Zweck der Erweiterung des Wissens, sondern mit dem Ziel, es zu verkaufen (:156 Troy 2012). Wissenschaft wird demnach zunehmend als ein Wachstumsfaktor zu einem Funktionsbereich in die Marktwirtschaft integriert (:178 Mikl-Horke 2011). Wie im Kapitel “Wissenschaftliches Kapital” beschrieben, beruht die Produktion von wissenschaftlichem Wissen aber eben ursprünglich nicht auf den Marktmechanismen, sondern auf einem nicht-kommerziellen Anreizsystem, und wird durch symbolisches Kapital angetrieben (:157 Troy 2012).

Aus der Öffnung der Kommunikation, so wird befürchtet, entsteht die Gefahr, dass wissenschaftliches “Wissen immer weniger der Bildung dient, sondern für den Verkauf geschaffen und konsumiert wird” (Hagner 2015). Diese Gefahr beschreibt das Spannungsverhältnis, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf der einen Seite zunehmend angehalten sind, die Forschung gemeinsam mit der Industrie schnell in Produkte zu übersetzen, und auf der anderen Seite das Wissen so schnell wie möglich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verbreitet werden soll, um den wissenschaftlichen Fortschritt zu fördern sowie um die gesellschaftlichen und humanitären Ziele von Wissenschaft zu erfüllen (Harmon 2012) (Woelfle 2011). Diese Gefahr wird auch in der Debatte um die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation genannt (Kansa 2014) (Bunz 2013) (Tkacz 2012) (Mirowski 2005) und im weiteren Verlauf der Arbeit aufgegriffen. Eine weitere Herausforderung stellt die Frage dar, ob und inwieweit durch die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation massenmediale Selektionskriterien als Steuerungsmechanismen für Wissenschaft wirksam gemacht werden (:20 Ash 2015).

Diese Veränderungen in der Kommunikation von Forschung und Wissenschaft sind keine völlig neuen Phänomene, denn in gewisser Weise ist die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikationsprozesse eine Rückkehr zu der ursprünglichen Beziehung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit (Konneker 2013) (Weingart 2005).

In der gegenwärtigen Literatur kommen die Begriffe um “Offenheit” in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf unterschiedlichste Art und Weise zur Anwendung (Fecher 2013). Die Unterscheidung von “Zugang” und “Zugriff” erscheint dabei wesentlich und stellt eine der zentralen Grundlagen für die Abgrenzung der hier verwendeten unterschiedlichen “Open”-Begriffe dar:

  • Offener “Zugang” bezieht sich auf einen unbeschränkten Zugang zur finalen wissenschaftlichen Publikation. Zugang meint “das freie, unwiderrufliche und weltweite Zugangsrecht” (Max Plank Society 2003). “Unbeschränkt” meint hier vor allem das ausschließliche Lesen der finalen Ergebnispublikation, aber auch die Erstellung von Kopien sowie die Verarbeitung und Benutzung dieser (Lossau 2007) bei Nennung der Urheberschaft. Dieser Open-Access-Ansatz bezieht sich zunächst lediglich auf die Zugangsbedingungen zu den wissenschaftlichen Arbeiten (Müller 2010). Dabei bezieht sich dieser Zugang auf einen Zeitpunkt nach der Entwicklung und Veröffentlichung des bereits abgeschlossenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, zu dem die Publikation bereits eingereicht oder veröffentlicht wurde.

  • Offener “Zugriff” soll als erweiterte Nutzung der jeweiligen Wissensressourcen verstanden werden und schließt neben dem “Zugang” zur Publikation sämtliche Informationen, Daten und Quellcodes sowie die Kommunikation hinter und vor der finalen Veröffentlichung (Hey 2015) ein. Dieser Zugriff bezieht sich als Erweiterung zu den ersten Forderungen nach “Open Access” auch auf “Daten” als “Gesamtheit der binär codierten, maschinenlesbaren Inskriptionen” und “all das, was auf digitalen Datenträgern gespeichert vorliegt” (Burkhardt 2015). “Zugriff” beschränkt sich hier also nicht nur auf den reinen Zugang zu wissenschaftlicher Information im Rahmen des Publikationsprozesses, sondern schließt auch den Zugriff auf sämtliche Forschungsdaten, Methoden und wissenschaftliche Begleitinformationen, die während der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Weg zur finalen Publikation entstehen, ein und ermöglicht die Weiternutzung, Weiterverarbeitung sowie die Erstellung von Derivaten durch Dritte. Im Unterschied zum “Zugang” geht es dabei auch um einen “Zugriff” auf die Informationen, der weit vor dem Zeitpunkt der finalen Einreichung oder Publikation liegt und unmittelbar mit Beginn des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses beginnt.

Offener Zugang zur wissenschaftlichen Kommunikation: Open Access

Der offene Zugang zu wissenschaftlicher Kommunikation ist seit der Entwicklung des gedruckten Wortes eng mit der Frage nach Urheberrechten für wissenschaftliche Informationen verknüpft (Case 2000). Open Access beschreibt ein wissenschaftliches Kommunikationssystem, in dem der Zugang zu den unterschiedlichsten Formen wissenschaftlicher Publikationen, im Gegensatz zum bestehenden System, unter freien, kostenlosen Bedingungen und ohne finanzielle, gesetzliche oder technische Hürden möglich ist (Cloes 2009). Dieses System ermöglicht darüber hinaus ein “alternatives Geschäftsmodell”(Lewis 2012) für wissenschaftliche Publikationen. Das beruht auf der Maßgabe, dass die “Eigentumsrechte an den Artikeln, die bisher für die Publikation in wissenschaftlichen Journals an die jeweiligen Fachverlage abgetreten wurden, (...) nun bei den Autoren der Artikel selbst verbleiben” (Hess 2006).

“Geringere Kostenbarrieren und damit eine einfachere Verbreitung ihrer eigenen Werke” (Cloes 2009) stellen dabei die Wünsche der wissenschaftlichen Autoren und Urheber an Open Access dar. Der Einsatz (offener) Lizenzen ist dafür ein Haupteinflussfaktor. Open Access hat damit den Zweck, die durch Copyright generierten Barrieren zu überwinden und möglichst schnell und umfassend Zugriff auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu ermöglichen.

Open Access wird von Peter Suber als “digital, online, kostenlos und frei von den meisten Urheber- und Lizenzbeschränkungen” (:4 Suber 2012) eingegrenzt (Adema 2014). Open Access bedeutet den “Verzicht auf finanzielle, technische und rechtliche Hindernisse, die dazu bestimmt sind, den Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsartikeln für zahlende Kunden zu begrenzen” und dass “im Interesse der Beschleunigung der Forschung und des Austauschs von Wissen, Verlage ihre Kosten aus anderen Quellen schöpfen” (Suber 2002). Die meisten programmatischen Erklärungsversuche sehen Open Access demnach “als adäquate Selbsthilfe wissenschaftlicher Autoren und Institutionen gegen die diskurshemmenden Auswirkungen der ’Zeitschriftenkrise’” (:105 Näder 2010). In der Literatur werden unterschiedliche Auffassungen über die Bestimmung von Open Access, wie es erreicht werden kann und welchen genauen Bezugsrahmen das Attribut ”Open“ beschreibt genannt (Adema 2014) (Offenheit und wissens...). Dies ist darauf zurückzuführen, dass es keine formelle Struktur, keine offizielle Organisation und keine ernannte Führungsperson innerhalb der Open-Access-Bewegung gibt (Poynder 2011). Darüber hinaus sind die existierenden ”Definitionen“ meist interessengeleitet und führen dazu, ”Kriterien, Methoden, Ziele und Folgenabschätzungen ineinander zu verflechten" (:105 Näder 2010). Diese reichen von der bloßen „Verbesserung von Zungang zur wissenschaftlichen Journalliteratur durch die Verwendung des Internets“ (:64 Willinsky 2006) über den „freien, unmittelbaren und uneingechränkten Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen und Forschungsergebnissen in elektronischer Form“ (Müller 2010) bis hin zur generellen „Möglichkeit, wissenschaftliche Dokumente entgeltfrei nutzen zu können“ (:33 Offenheit und wissens...).

Einigkeit besteht darin, dass es der Forderung nach Open Access nicht um die Abschaffung oder die Entwertung materiellen geistigen Eigentums, aber um eine weitestmögliche Beseitigung der technischen und rechtlichen Zugangshürden zu wissenschaftlichen Erkenntnissen geht. Kaum jemand bestreitet, dass Open Access mit dem Urheberrecht, mit dem Peer-Review-System, mit Einnahmen (auch Gewinn), dem Drucken, der Erhaltung, Reputation, Qualität, mit dem wissenschaftlichen Karriere-Fortschritt, der Indexierung und anderen Merkmalen und unterstützenden Aspekten, die mit dem herkömmlichen wissenschaftlichen Publikationssystems assoziiert werden kann (Suber 2015). Die Unterstützer dieser Idee vereint das gemeinsame Ziel, “die Bedingungen zu verbessern, unter denen wissenschaftliche Arbeiten zirkulieren können” (Adema 2014). Die Propagierung der Öffnung der wissenschaftlichen Ergebnisse erstreckt sich dabei vor allem auf “Publikationen, die nicht darauf angelegt sind, Einnahmen aus Verkaufserlösen für ihre Urheber zu generieren” (Müller 2010).

Im Unterschied zu den verschiedenen Interpretationen und Wegen von “Open Access” bietet das Attribut “Open” einen vielleicht eindeutigeren Bezugsrahmen für die Beschreibung des offenen Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen. Eine der Definitionen der Bedingungen von “Open” ist die Open-Definition der Open Knowledge Foundation. Sie erhebt den Anspruch, die Prinzipien und Bedingungen für die Offenheit von Daten und Inhalten zu definieren. Diese Definition von Offenheit setzt voraus, dass Daten und Publikationen als Ganzes und für nicht mehr als angemessene Wiederherstellungskosten (vorzugsweise als Download) und in einer bequemen und modifizierbaren Form verfügbar sein sollten (Molloy 2011).

Gemäß der Open-Definition gilt der Inhalt als “Open”, der “für jeden Zweck von jedem kostenlos genutzt, modifiziert und geteilt werden” (Open Knowledge 2014) kann. Ziel dieser Definition ist es, “die Bedeutung von offen in Bezug auf Wissen” zu präzisieren. Wissen erstreckt sich in diesem Zusammenhang auf Inhalte wie Musik, Filme, Bücher, jegliche Art von Daten, ob wissenschaftlicher, historischer, geographischer oder anderer Art, sowie Regierungs- und andere Verwaltungsinformationen (Open Knowledge 2014).

Die Open-Definition wurde von der Open–Source-Definition abgeleitet und ist als synonym für “frei” oder “libre” im Rahmen der Definition für “freie kulturelle Werke” zu verstehen. Ein Werk oder Inhalt gilt nach dieser Definition als “offen”, wenn es bei der Verbreitung folgende Kriterien erfüllt (Open Knowledge 2014):

  1. Einhaltung der Prinzipien von Zugang, Verteilung, Wiederverwendung und dem Fernbleiben von technologischen Restriktionen

  2. Attribuierung, Integrität als maximale Einschränkung

  3. Unterbindung der Diskriminierung von Personen, Gruppen oder bestimmten Bereichen/Gebieten

  4. Einhaltung genannter Kriterien im Rahmen der Lizenzierung

Die Definition setzt eindeutige Kriterien, deren Erfüllung notwendig ist, um das Attribut “Open” zu verwenden. Wie bei den “three B’s” kann ein Verstoß gegen diese Kriterien nicht sanktioniert werden, aber die öffentliche Verwendung von “Open” erschweren. Kommt es zu einem Verstoß gegen diese Kriterien, wird von “Open Washing” gesprochen. Die Definition dient damit vor allem den zivilgesellschaftlichen Akteuren zur Bloßstellung von Bestrebungen ohne die gewünschte ideelle Wirkung.

Wege des Open-Access-Publizierens

In der Literatur wird Open Access in unterschiedliche Formen unterteilt (Frosio 2014) (Albert 2006) und es bestehen unterschiedliche Auffassungen über die verschiedenen Erklärungsversuche von Open Access (Frosio 2014) (Guédon 2004) (Lewis 2012). Die meisten Begriffsbestimmungen von Open Access, wie auch die Modelle, orientieren sich an den “three Bs”, den derzeit meist verwendeten Erklärungsversuchen von Open Access (Adema 2014). Am Beispiel der Budapest Open Access Initiative werden zwei Wege für Open Access dargestellt (Albert 2006):

  1. Die Etablierung “einer neuen Generation von Fachzeitschriften”, die einen kostenfreien und unmittelbaren Zugang zu den Beiträgen ermöglichen (“goldener” Weg)

  2. Die öffentlich zugängliche (Selbst-)Archivierung durch die Urheber (“grüner” Weg) (Adema 2013) (Hall 2008)

Der “grüne Weg” beschreibt ein Modell, bei dem der Autor oder die Autorin im Rahmen einer (Selbst-)Archivierung von Beiträgen in Repositorien (teilweise öffentliche Dokumentenserver) die Verfügbarkeit seiner Publikation anstrebt (Brembs 2015) (Müller 2010) (Grand 2012). Das vom Autor oder von der Autorin initial eingereichte Dokument (Manuskriptfassung) steht dabei als Pre-Print- oder Post-Print-Version auf institutionellen oder disziplinären Dokumentenservern oder privaten Homepages jedem zur Verfügung. Im Unterschied zu Post-Prints, hat bei einem Pre-Print keine Peer Review stattgefunden und der Beitrag hat somit keine externe wissenschaftliche Qualitätssicherungsmaßnahme durchlaufen. Beim “grünen Weg” hat der publizierende Verlag darüber hinaus die Möglichkeit, innerhalb einer Sperrfrist von üblicherweise 6 bis 12 Monaten den lektorierten und fertigpublizierten Beitrag unter einer eigenen Lizenz zu verkaufen. Erst nach Ablauf dieser Frist wird die finale und lektorierte Fassung des Beitrags frei und offen zur Verfügung gestellt. Es existieren je nach Verlag und Publikationsform verschiedene Möglichkeiten der Ausgestaltung dieses Publikationsweges. Diese unterschiedlichen Ausgestaltungen eint die Möglichkeit für den Autor oder die Autorin, seinen eingereichten Beitrag unmittelbar, frei und kostenlos zu veröffentlichen, und die freie und kostenlose Veröffentlichung der finalen Publikation durch den Verlag nach einer Sperrfrist (Dorschel 2006). Die vertragsrechtliche Ausgestaltung des grünen Weges ist vielfältig und reicht von einer tatsächlichen Beschränkung der Rechtseinräumung auf das für den Vertragszweck erforderliche Maß bis zu einer für Autoren und Archivaren ungünstigen “vollständigen Übertragung, gepaart mit einer schuldrechtlichen Gestattung einzelner Nutzungshandlungen nach Ablauf einer gewissen Schutzfrist” (Dorschel 2006). Der grüne Weg ist demnach als Kompromiss für einen Open Access auf Grundlage der Interessen der Verlage anzusehen (Mussell 2013).

Beim “goldene Weg” stellt der Autor oder die Autorin unmittelbar nach der Fertigstellung die finale und lektorierte Publikation über einen Verlag frei und offen zur Verfügung. Auch die Verlagsversion muss ohne Sperrfrist in einem Repositorium unmittelbar zur Verfügung gestellt werden. Der Verlag hat allerdings zusätzlich die Möglichkeit, den Beitrag kommerziell zu vertreiben und zu verkaufen, muss jedoch parallel eine freie und offene Version der Publikation zur Verfügung stellen.

Alternativ ermöglicht es der verzögerte goldene Open-Access-Weg dem Verlag, zeitverzögert für die Öffentlichkeit die finale Version der Publikation unter einer offenen Lizenz zur Verfügung zu stellen (Lewis 2012). Der Verlag hat bei diesem verzögerten Modell den Vorteil, über einen bestimmten Zeitraum die Publikation vertreiben zu können, ohne zeitgleich eine offene und freie Version anbieten zu müssen. Der Autor oder die Autorin hat im Gegensatz zum “grünen Modell” aber dennoch die Möglichkeit, diese finale Publikation vollumfassend sofort kostenfrei anzubieten.

Im Rahmen anderer Modelle, meist gemischter Modelle, wird den Autoren im Nachhinein die Möglichkeit eingeräumt, durch zusätzliche finanzielle Zahlung die Publikation offen und frei zur Verfügung zu stellen(Lewis 2012). Das hat für den Autor oder die Autorin den Nutzen, dass er von den Vorteilen bei der offenen Verbreitung von Publikationen unter den Bedingungen von Open Access profitiert. Macht der Autor oder die Autorin davon erst nach einem gewissen Zeitraum Gebrauch, generiert der Verlag neben den initialen Verkaufserlösen über diesen Weg zusätzliche Einnahmen. Diese alternativen Modelle ermöglichen es, dass parallel zu den kostenlosen und offenen elektronischen Veröffentlichungen weitere kostenpflichtige Publikationen in gedruckter oder digitaler Form erscheinen können. Eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass neben der kostenpflichtigen Version auch eine kostenfreie Version der Publikation unter den in der Open-Definition erklärten Bedingungen existiert.

Darüber hinaus findet in der Literatur die Segmentierung in gratis und libre Open Access statt (Eve 2013) (Näder 2010) (Mounce 2015). Mit gratis Open Access wird dabei die Möglichkeit bezeichnet, den Zugang zu Publikationen und Forschungsergebnissen zu erleichtern und die Kostenpflichtigkeit zu beenden. Libre Open Access bedeutet, dass weitere Barrieren, wie Urheber- und Lizenzbeschränkungen, aufgehoben werden (Adema 2014). Diese Unterteilung wird von einigen Autoren kritisiert, da durch das Hinzufügen eines weiteren Attributs die eigentlich scharfe Abgrenzung von “Close” und “Open” geschwächt wird, was sich auch auf andere Bereiche der Open-Bewegung (Open Government Data, Open Hardware, Open Educational Resources‎ u.v.m.) auswirken könnte. Diese Kritik kann auch auf die Modelle von Green und Golden Open Access ausgeweitet werden und die Differenzierung der Begriffe steht unter dem Verdacht, grundsätzlich wenig oder falsch verstanden zu werden (Mounce 2015).

Neben den dargestellten Modellen existieren weitere Veröffentlichungsmodelle für Open-Access-Publikationen. Die Einteilung in hybride, radikale und sonstige Formen von Open Access stellt dabei eine weitere entwertete Ebene der Unterteilung dar (Mounce 2015). Weitere, aber im Vergleich wenig genutzte Modelle sind hybride Modelle. Als hybrid werden diese deshalb bezeichnet, weil der Autor oder die Autorin wählen kann, ob er den Verlag für den kostenlosen Zugriff auf seine Publikation finanziert oder der Leser über das Subskriptionsmodell zahlt (Müller 2010). Dieses Modell steht aber in der Kritik, da die rechtlichen Bedingungen nur selten eine Nachnutzung oder Weiterverbreitung erlauben und die Verlage nur selten auf das exklusive Verwertungsrecht verzichten (Müller 2010). Die Publikationsformen werden als Open Access bezeichnet, genügen aber nicht den gängigen Deklarationen (BOAI 2012) oder verstoßen gegen die Open-Definition. Entspricht eine Veröffentlichung nicht der Open-Definition, wird aber vom Verlag oder der herausgebenden Institution als “Open” bezeichnet, so wird auch umgangssprachlich von “Open Washing” gesprochen. Von einer weiteren Unterteilung der Open-Access-Modelle wird deshalb und aufgrund ihrer geringen Verbreitung und Praktikabilität in dieser Arbeit abgesehen.

Der verzögerte goldene Weg und der grüne Weg beeinträchtigen das klassische Geschäftsmodell der Verlage vorerst nicht direkt. Publikationen werden wie bisher angeboten und erst nach einer bestimmten Zeit auch kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Gegensatz dazu kommt der goldene Weg, auf Grundlage unmittelbarer, freier und offener Veröffentlichungspflicht, ohne das tradierte Geschäftsmodell der Verlage aus (Lewis 2012).

Allerdings werden für Publikationen, die unter den Bedingungen von Open Access veröffentlicht werden, durch die Verlage meist vorab Veröffentlichungsgebühren oder Speicherkosten von den Autoren und Autorinnen erhoben (Jubb 2011). Diese sogenannten Article Processing Charges (APC) oder Deposit Rates werden damit gerechtfertigt, dass bei dieser Publikationsform weder auf den Peer-Review-Prozess noch auf die Möglichkeiten, über Vertriebsmaßnahmen zusätzlichen Umsatz zu generieren, Urheber zu schützen oder andere Stärken der traditionellen Publikationsformen verzichtet wird (Albert 2006) (Bargheer 2009) und das Kosten für Ablage und Langzeitarchivierung entstehen (Jubb 2011).

Somit ändert das Open-Access-Geschäftsmodell die Erlösstruktur der Verlage von nachgelagerten, verkaufsorientierten Einnahmen hin zu Vorabeinnahmen für die Erstellung und den Vertrieb der Publikationen. Strukturell steht Open Access für Verlage damit vorerst in keinem Widerspruch zur Bewahrung der wissenschaftlichen Qualität oder den Vorteilen des klassischen Publikationssystems (Suber 2002). Verlage nutzen zwar Open-Access-Optionen, wollen damit aber die etablierten Verhältnisse möglichst fortschreiben und halten am Subskriptionsmodell weiter fest (Schmidt 2007).

Open-Access-Kanäle und Publikationsformate

In diesem Abschnitt wird auf unterschiedliche Open-Access-Kanäle und -Publikationsformate eingegangen. Es wird unterschieden in: Open-Access-Aggregatoren, Open-Access-Repositorien, Open-Access-Journale, Open-Access-Bücher und -Monografien. Diese Kanäle und Formate verkörpern die unterschiedlichen Publikationsformen der wissenschaftlichen Kommunikation oder konkrete Herausforderungen in Bezug auf die Distribution und Archivierung im Rahmen der neuen Möglichkeiten offenen und freien Publizierens.

Da es eine enge Verknüpfung zwischen Repositorien und der Entwicklung der Open-Access-Bewegung gibt (Adema 2013) (Offhaus 2012), soll in diesem Kapitel auf die Rolle der Repositorien als spezifischer Kanal für die Verbreitung von Publikationen eingegangen werden. Repositorien sind verwaltete Orte zur Aufbewahrung geordneter Dokumente. Institutionelle Repositorien gelten als ein Instrument für wissenschaftliche Einrichtungen oder eine Gruppe von Einrichtungen, um Publikationen für einen institutionell meist abgegrenzten Bereich frei zugänglich zu machen (Dobratz 2007) (Baggs 2006). Über die Hälfte der forschungsorientierten deutschen Universitäten betreiben ein solches institutionelles Repositorium (Schmidt 2009).

Institutionelle Repositorien haben erhebliche Vorteile für die Institutionen, wenn sie in die ganzheitlichen Rahmenbedingungen der Universität integriert sind (Steele 2006). Repositorien können neben der Kernaufgabe der Archivierung und Verbreitung von Publikationen auch für die Lernumgebungen, den Forschungsservice und die Marketingaktivitäten einer Universität eine wichtige Rolle spielen. Sie ermöglichen zum Beispiel die Dokumentation des universitären Outputs und verbessern den institutionellen Austausch (Steele 2006). Ökonomisch rentieren sie sich vor allem dann, wenn Skaleneffekte eintreten und Forschungseinrichtungen in Verbünden agieren (Blythe 2005). Neben den institutionellen sind auch fachliche oder andere Arten von Repositorien eng mit der Open-Access-Bewegung verknüpft. Repositorien stehen für die digitale Speicherung von Dokumenten und zunehmend auch von Daten zur Verfügung. Sie entwickeln sich von “bloßen Repositorien für Literatur in Richtung digitaler Forschungsportale und -umgebungen”, die “verschiedenste Materialien integrieren und damit nutzbar und zitierfähig machen” (:10 Schmidt 2009). Digitale Repositorien bieten Mehrwertdienste, insbesondere die Erhebung von Nutzungsstatistiken, Zitationsanalysen und webometrischen Daten (Jahn 2011) (Mayr 2005). Über diese Repositorien wird der Zugang zu den unterschiedlichen Modellen und Publikationswegen von Open-Access-Publikationen ermöglicht (Suber 2015).

Kritische Betrachtungen von Open Access

Open Access ist nicht unumstritten. Kritik an Open Access kommt vor allem von den “etablierten Wissenschaftsverlagen, aber auch von Autoren, die um Einnahmen aus Autorenverträgen” (:24 Schirmbacher 2007) und die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit fürchten. Neben der Kritik am ökonomischen Modell sowie der Angst vor dem Verlust vom Recht am geistigen Eigentum (citation not found: Heidelbeger_Appell_2009) der Angst vor Einschränkung von Freiheit in Forschung, Lehre und Forschungsheterogenität (Szczesny 2014) wird sogar befürchtet, dass Open Access es “tatsächlich in den Händen” hat, ganze Publikationsformen wie “dem geisteswissenschaftlichen Buch ein Ende zu bereiten” (:6 Hirschi 2015).

Aus der Perspektive der Leser und Leserinnen gibt es demgegenüber wenig Kritik am Konzept von Open Access (:287 Wein 2010) (Weishaupt 2009). Sie bezieht sich, wenn überhaupt, vorwiegend auf die Befürchtungen aus den Konsequenzen der Öffnung für die Wissenschaft und Forschung sowie der Verknüpfung der Öffnung mit der Digitalisierung. Dabei werden vor allem die sinkende Forschungsheterogenität (Hirschi 2015), die eventuell steigende Einflussnahme durch die “Steuerzahler”, die Gefahr der Medialisierung der Wissenschaft (Weingart 2005) sowie die Konsequenzen einer Unterwanderung der Steuerungsmechanismen von Wissenschaft und Forschung genannt. Als theoretische Gefahr wird diesbezüglich beispielhaft die Gefahr der Außerkraftsetzung des Wahrheitsmonopols der Wissenschaft durch das Aufmerksamkeitsmonopol der Medien genannt (Weingart 2005) sowie die Angst des Verlustes der Möglichkeit der analogen Informationsversorgung durch “konzentriertes Lesen in einem Lesesaal” (:4 Winkler-Nees 2011).

Seitens der Autoren und Autorinnen besteht bisher eine vergleichsweise geringe Akzeptanz für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und wenig Interesse an Open-Access-Publikationen. Es existieren noch immer “viele Vorbehalte und Missverständnisse” (Suber 2002). Diese fehlende Akzeptanz für Open Access in der wissenschaftlichen Gemeinschaft stellt die größten Herausforderungen für die Etablierung offener Kommunikation in der Wissenschaft und Forschung dar (Weishaupt 2009). Die Vorurteile betreffen insbesondere die Verschiebung des Leser/Bibliotheken-Bezahl-Systems zum Autoren-Bezahl-System zur Refinanzierung des Publikationsprozesses (European Commission 2006) (Chibnik 2015). Die meisten Autoren und Autorinnen vermuten, dass sie selbst im Rahmen des Systemwandels zukünftig für die Veröffentlichung der Texte zahlen müssen, um die freie und offene Zugänglichkeit zu gewährleisten (Mussell 2013), und das, obwohl schon bei konventionellen (nicht Open Access) Veröffentlichungen oft genug die Druckkosten selbst aufgebracht werden müssen (Weishaupt 2009). Darüber hinaus ermöglicht dieses Modell im Rahmen der Verschiebung der Erlösquelle von der Bibliothek zum Autor oder der Autorin die zunehmende Entwicklung von “falschen” Open-Access-Journalen und -Publikationen durch betrügerische Verleger (Predatory Publishers) (Beall 2015), die eine ernsthafte Bedrohung für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation im Rahmen der Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation darstellen (Beall 2012).

Eine weitere Hürde für die Akzeptanz bilden Herausforderungen bei der Sicherung der “Authentizität und Integrität der Texte” (Weishaupt 2009) (:191 Fehling 2014), bei der Langzeitarchivierung (Hagner 2015) (Eve 2013) und der Einbettung offener Kommunikation in das wissenschaftliche Reputationssystem (Weishaupt 2009) (Suber 2002) (Adema 2014). Darüber hinaus gerät das bisher von den Verlagen organisierte Bewertungssystem zunehmend ins Wanken, wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen anfangen, einfach ihre Publikationen frei und offen im Internet zu veröffentlichen und “die Auszeichnung, eine Veröffentlichung in einem sogenannten renommierten wissenschaftlichen Journal zu platzieren, nichts mehr gelten soll” (:24 Schirmbacher 2007).

Die Vertriebsarten, die auf einem Modell beruhen, bei dem der Autor beziehungsweise die Autorin die Kosten für die Publikation trägt, wird auch als “Sozialismus für die Reichen” (Cope 2014) bezeichnet. Denn das Modell nährt die Befürchtung, dass zum einen der beim tradierten Publikationssystem kritisierte Matthäus-Effekt wieder in Kraft tritt und nur gut ausgestattete und damit meist bereits renommierte Universitäten, Institutionen oder Lehrstühle in der Lage sind, die Ressourcen aufzubringen, um Publikationen zu veröffentlichen. Dieser Effekt verstärkt die Vermutung, dass in sozial schwächeren Umgebungen auch unter Open Access die Wissensproduktion und -verbreitung weiter behindert und die erhoffte Schaffung gleicher Bedingungen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem ausbleiben werden.

Zusammenfassend bezieht sich die Kritik vornehmlich auf die Gefahren in einem System, in dem die Öffnung erzwungen wird oder die wissenschaftliche Gemeinschaft ohne Einbeziehung in die Ausgestaltung dazu verpflichtet wird. Der Umstand, dass die wissenschaftlichen Akteure selbst entscheiden können, welchen Weg sie wählen, wird dabei bisher nur unzureichend berücksichtigt und kommuniziert. In diesem Zusammenhang werden im Folgenden exemplarisch zwei Bereiche der Kritik genauer dargestellt, um einen tieferen Einblick in die Themen und Akteure der Debatten um die Kritik an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation zu ermöglichen: erstens die Kritik am ökonomischen Modell und zweitens die Kritik an der Einschränkung von Freiheit in Forschung, Lehre sowie von Forschungsdiversität.

1. Kritik am ökonomischen Modell

Ein Kritikpunkt am Open-Access-Modell bezieht sich vor allem auf das Kostenargument und die ursprüngliche Hoffnung, dass die technologischen Treiber gesteuert und organisiert von der Forschungs-Community selbst, anstatt durch Fachverlage, die durchschnittlichen Kosten für einen publizierten Artikel signifikant senken könnten. So stellte sich die Frage, ob “aus der Sicht des individuellen Nutzenkalküls von Wissenschaftlern, Verlagen und weiteren Einrichtungen wie Bibliotheken als auch aus Sicht gesamtwirtschaftlicher Wohlfahrtsüberlegungen (...) der Markt der Wissenschaftskommunikation nicht effizienter organisiert werden könnte” (Hess 2006). In einigen Beiträgen wurden schon sehr früh Kostensenkungen zwischen 50 und bis zu 90 Prozent (Hilf 2004) (:64 Willinsky 2006) prognostiziert.

Folgende Punkte weckten zunächst die Hoffnung, das System leistungsfähiger zu machen und “von seinen durch den Papierdruck auferlegten Fesseln” zu befreien (Hilf 2004):

  • langer Zeitverzug vom Einreichen eines Manuskriptes bis zum finalen Bereitstellen des Wissens,

  • komplizierter Vertriebsweg vom Verlag über Grossisten zu Bibliotheken,

  • hohe Kosten (über 3.000 Euro für die gesamte Verlagsarbeit je Artikel) mit den daraus folgenden horrenden Zeitschriftenpreisen,

  • und daraus folgend wenige, ungleich in der Welt verteilte Leser und Leserinnen (digital divide),

  • unvollständige Information (aus Platzmangel), was Nachnutzungen und das Nachprüfen erschwert und somit auch Fälschungen erleichtert,

  • nur anonymes Referieren vor der Veröffentlichung, was den Missbrauch erleichtert.

Verlage, die Open Access publizieren, stehen dabei allerdings unter einer besonderen und neuen Herausforderung, mit diesem Modell nachhaltig zu operieren, und passen deshalb ihre Preise von Zeit zu Zeit an. “Auffällig ist jedoch, dass gerade die großen erfolgreichen Projekte wie BioMed Central und Public Library of Science nach ihrer Einführung am Markt deutlichen Gebrauch von Preissteigerungen gemacht haben” (:181 Schmidt 2007). Diese Entwicklung hält, wenn auch verlangsamt, weiter an. Unter diesem Kostenaspekt wird befürchtet, dass sich subskriptionsbasierte und Open-Access-Verlage nicht fundamental unterscheiden (:182 Schmidt 2007). Diese Betrachtung basiert auf der Annahme, dass die Gesamtpublikationskosten unter den Forderungen von Open Access für Institutionen mit relativ hohem Publikationsoutput höher sein könnten als die eingesparten Gebühren für die Subskriptionen von Publikationen nach dem aktuellen Modell (Müller-Langer 2010).

Neben der Refinanzierung über Modelle, im Rahmen derer die Autoren vorab die Kosten für die Veröffentlichung übernehmen, werden in der Literatur auch andere Möglichkeiten genannt. Erstens die Refinanzierung über Werbung, die sich allerdings nur für einige Disziplinen (Björk 2004) eignet und die Gefahr der Medialisierung von Wissenschaft birgt. Zweitens die Finanzierung über hybride Modelle, bei denen Open-Access-Texte mit Texten nach dem klassischen Erlösmodell gemixt werden und die Autoren gegen zusätzliche Zahlung den Text unter den Bedingungen von Open Access “freikaufen” können (Björk 2012). Oder drittens Modelle basierend auf dem Wirtschaftsmodell von Versicherungen, bei dem wissenschaftliche Institutionen ex ante für die Publikation aller mit ihr assoziierten Autoren bezahlen (:63 Müller-Langer 2010).

Auch wenn die ersten Open-Access-Verlage wie PLOS ONE seit 2010 ohne Verlust operieren (Jerram 2010), sind die meisten Modelle (vor allem im Vergleich zu den Non-Open-Verlagen) bisher nur mäßig erfolgreich (Björk 2012). Nach der ersten Dekade von Experimenten rund um die Refinanzierung von Open Access bleibt die Kritik an der Nachhaltigkeit von Open Access in Bezug auf das ökonomische Modell bestehen. Somit bleibt die Frage nach der Refinanzierung weiterhin von zentraler Bedeutung für die weitere Verbreitung von Open Access.

2. Gefahr der Einschränkung von Freiheit in Forschung, Lehre und Forschungsdiversität

Würden Forschungsförderer eine Erstveröffentlichung als Open Access (goldener Weg) verlangen, so wäre zweifelsohne der Schutzbereich der positiven Publikationsfreiheit und damit ein integraler Bestandteil der Wissenschaftsfreiheit berührt (:191 Fehling 2014) (Peukert 2013). Eine generelle Veröffentlichungspflicht nach den Bedingungen von Open Access würde allerdings auch klar der negativen Publikationsfreiheit im Sinne der Freiheit, Forschungsergebnisse nicht zu publizieren, widersprechen (:192 Fehling 2014), wobei die Schutzwürdigkeit dieser Freiheit sowie die verfassungsrechtlich Zulässigkeit einer Open-Access-Erstveröffentlichungspflicht auch hinterfragt werden können (:192 Fehling 2014) (Peukert 2013).

Darüber hinaus wird vermutet, dass die umfassende Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation weitreichende Konsequenzen auf das wie und was geforscht wird hat (Szczesny 2014) (Weingart 2005). Ein Großteil der Wissenschaft wird durch Steuergelder finanziert. Trotz der Autonomie kann nicht gänzlich ausgeschlossen kann, dass politische Interessen die Steuerungsmechanismen von Wissenschaft und Forschungsförderung trotz unabhängiger Forschungsförderungsstrukturen beeinflussen können. In Deutschland wird die Trennung von politischen und forscherischen Interessen bei der öffentlichen Finanzierung von Forschung durch die Unabhängigkeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sichergestellt. Ziel dieser Trennung ist es, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unabhängig von unmittelbaren politischen Interessen und Verwertungskriterien forschen können. Als privatrechtlicher Verein sieht sich die DFG als “wissenschaftliche Selbstverwaltung” und steht für “Autonomie gegenüber der Politik” (Deutsche Forschungsgemeinschaft 07.07.2011). Dennoch kann, so die Befürchtung, nicht sichergestellt werden, dass eine umfassende Einbeziehung und Information der Gesamtöffentlichkeit keinen Einfluss auf die Mittelvergabe hätte (Weingart 2005).

Der Mediziner und Wissenschaftshistoriker Michael Hagner formuliert diesbezüglich seine Befürchtung in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung wie folgt: “Open Access als Traum der Verwaltungen”. Er wie auch andere beschreiben die Befürchtung, dass die Wissenschaft bei der generellen Verpflichtung zur offenen elektronischen Veröffentlichung von Forschungsergebnissen für Wissenschaftler durch Universitäten auf eine vollends verwaltete Forschung hinauslaufen würde (Hagner 2009). Andere antizipieren einen weiteren Aspekt der Gefährdung von Wissenschaft und Forschung, weil Grundlagenforschung sowie andere komplexe oder explorative Forschungsbereiche in Zukunft weniger Berücksichtigung finden würden, wenn die Öffnung der wissenschaftlichen Forschungsprozesse unter rein kommerziellen Aspekten weiter vorangetrieben würde (Szczesny 2014). Folglich sind die Normen von Offenheit schon immer von entscheidender Bedeutung bei der Aufrechterhaltung der systemischen Wirksamkeit der modernen wissenschaftlichen Forschung, andererseits sind sie auch sehr anfällig für die Legitimation des Rückzugs der staatlichen Unterstützung, Finanzierung und den öffentlichen Schutz zur Sicherung der freien Rahmenbedingungen (David 1998).

Um Debatten, Aspekte und Prognosen bezüglich der Implikationen und Konsequenzen von Open Access zu evaluieren, wird in diesem Teil der Arbeit auf Grundlage von konkreten Beispielen die Kritik an der Öffnung von Wissenschaft und der (forschungs-)politischen, rechtlichen und freiheitlichen Entwicklungen ergänzend dargestellt.

Als ein konkretes Beispiel für die “Kontroversen um die Zukunft des Buches, um Autorenschaft und geistiges Eigentum, die Rolle von Verlagen und die für Leser und Leserinnen kostenlose Bereitstellung aller wissenschaftlichen Literatur” (Hagner 2015), die Einschränkung der Wissenschafts- und Publikationsfreiheit soll der “Heidelberger Appell” für Publikationsfreiheit und die Wahrung von Urheberrechten dienen. Am 22. März 2009 wurde auf der Webseite der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” der Artikel “Geistiges Eigentum: Autor darf Freiheit über sein Werk nicht verlieren” (Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.03.2009) veröffentlicht. Vorangegangen war eine öffentlich ausgetragene Diskussion zwischen dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Roland Reuß und weiteren Wissenschaftlern in einem Spezial der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: “Die Debatte über Open Access”. Im Anhang zu diesem Artikel fand sich ein öffentlicher Aufruf, auch “Heidelberger Appell” genannt.

Der Appell richtete sich vor allem an “die Bundesregierung und die Regierungen der Länder, das bestehende Urheberrecht, die Publikationsfreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre entschlossen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen” (Institut für Textkritik 2009). Die Autoren und Autorinnen forderten, unter anderem in Bezug auf die Google Buchsuche (Google Books), die Politik, Öffentlichkeit und Kreative auf, sich für die “Wahrung der Urheberrechte” und "gegen eine angebliche „Enteignung“ der Autoren durch das Vorgehen von Google einerseits, wie auch durch das Publikationsmodell Open Access andererseits" (Cloes 2009) zu engagieren.

Die Autoren und Autorinnen des Appells unterscheiden zwei Ebenen: International kritisieren sie “die nach deutschem Recht illegale Veröffentlichung urheberrechtlich geschützter Werke geistigen Eigentums auf Plattformen wie Google Books und YouTube” sowie die Entwendung dieser “ohne strafrechtliche Konsequenzen”. Im nationalen Rahmen, so prangern die Autoren weiter an, werden diese “Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären” durch die “Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen (Mitglieder: Wissenschaftsrat, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Leibniz-Gesellschaft, Max-Planck-Institute u.a.)” sogar unterstützt (Institut für Textkritik 2009).

Die Kritik der Autoren und Autorinnen des Heidelberger Apells an Open Access bezieht sich, laut einer Untersuchung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, im Wesentlichen auf die folgenden Aspekte (Cloes 2009):

  1. 1. Erzwungene Vertriebswege: “Eine Forschung, der man diktieren könnte, wo ihre Ergebnisse publiziert werden sollen, sei nicht mehr frei.” Die Verpflichtung auf eine “bestimmte Publikationsform (...) dient nicht der Verbesserung der wissenschaftlichen Information” (Institut für Textkritik 2009).

  2. Subventionierung von Vertriebswegen, Gefährdung von Fachzeitschriftenverlagen (Institut für Textkritik 2009)

Der Appell “hat eine außergewöhnlich heftige Diskussion über die urheberrechtliche Problematik im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen im Internet ausgelöst. Viele Parlamentarier und Politiker sind für das Thema sensibilisiert” worden (Cloes 2009). In Bezug auf Open Access widerlegt der Wissenschaftliche Dienst die Befürchtungen der Autoren des Heidelberger Apells. Dem Kritikpunkt der “Erzwungenen Vertriebswege” widerspricht der Wissenschaftliche Dienst mit einem Verweis auf Gudrun Gersmann, weil “auch (Anmerkung: unter Open Access) eine Veröffentlichung bei einem Verlag mit einfachem Nutzungsrecht weiterhin möglich sei”. In Bezug auf das Modell und das Abhängigkeitsverhältnis halten die wissenschaftlichen Autoren des Bundestags Reuß entgegen, dass es im bisherigen System “zwischen Autor und Fachzeitschriftverlag oft ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zu Lasten des Autors gibt” und Wissenschaftler “oftmals alle Rechte an ihren Beiträgen abtreten” (Cloes 2009) müssen. “Der Befürchtung im Heidelberger Appell, das Publikationsmodell Open Access gefährde Fachzeitschriftenverlage wird entgegengehalten, dass die digitale Plattform auf lange Sicht auch ein Ausweg aus der Zeitschriftenkrise sein könnte” (Cloes 2009). Abschließend konstatiert der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags, dass die “Kritik an Open Access kaum nachvollzogen werden” kann und “die hier gemachten Vorwürfe” “eher auf die traditionellen Vertriebswege zu treffen, als auf das neue Publikationsmodell” (Cloes 2009).

Obwohl der Heidelberger Apell unter dem Verdacht stand, eine “eine an Informationsdefiziten und Fehlinterpretationen reiche Kampagne” (Schmidt 2009) darzustellen, scheint ein Teil der Kritik in mindestens zwei Punkten berechtigt zu sein: erstens, dass man seitens der Forschungsförderer nicht besonders bemüht war (Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.03.2009), sich “ein genaues Bild von den Nebenwirkungen (Anmerkung: von Open Access)” (Reuß 2009) zu verschaffen, und zweitens, dass die Sicherung von Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Anpassung der Steuerungsmechanismen bei den Bestrebungen zur Öffnung von Wissenschaft und Forschung nur ungenügend berücksichtigt wurde (Hagner 2015).

Die Kritik am urheberrechtlichen Aspekt der Google Buchsuche (auch Google Books), einem privatwirtschaftlichen Dienst der Firma Google, der retrospektiv Bücher digitalisiert und deren Inhalt öffentlich im Internet zur Verfügung stellt, soll in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden, da es sich dabei zwar um einen Aspekt der Digitalisierung von Büchern, nicht aber um die Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation nach den Kriterien der in dieser Arbeit gewählten Deklarationen handelt und die Google Buchsuche keinen Bezug zur Open-Access-Bewegung aufweist (Hagner 2015). Dennoch sei auf den Umstand verwiesen, dass die Fixierung auf das Urheberrecht einem idealisierten Verständnis des wissenschaftlichen Verlagswesens entspringt und von den wirklichen Gefahren für die Buchkultur ablenkt (:6 Hirschi 2015).

Offener Zugriff auf wissenschaftliche Kommunikation: Open Science

Trotz aufsehenerregender öffentlicher Debatten und der Kritik an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation führten die Digitalisierung des wissenschaftlichen Alltags und die zunehmende digitale Vernetzung der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu Weiterentwicklungen der Idee von der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und zur Inanspruchnahme der schnellen und digitalen Informationsversorgung durch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (Winkler-Nees 2011). Mit dem Anstieg der Übertragungsgeschwindigkeiten im Internet, neuen Speichertechniken und dem Aufkommen neuer kollaborativer Arbeitsweisen und Handlungsoptionen in der Wissenschaft entwickelten sich neue Gegebenheiten für den Austausch wissenschaftlicher Informationen. Die flächendeckende Verfügbarkeit von Breitbandzugängen an Universitäten Anfang der 2000er Jahre, und später auch in Privathaushalten, machte es möglich, nicht nur die formelle wissenschaftliche Kommunikation, sondern auch die informelle Kommunikation und wissenschaftliche Daten zu teilen. Das führte zu einer theoretischen Ausweitung des möglichen Umfangs digital verfügbarer wissenschaftlicher Kommunikation, die Möglichkeit diese über das Internet anderen Forschern und Forscherinnen zur Verfügung zu stellen und ist konsekutiv zu der Forderung nach einer weiteren Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems.

Open Science knüpft an die Entwicklung der Ideen der Open-Access-Bewegung an (Garcia de Figuerola 2010). Beschränkte sich die Idee von Open Access vorerst auf den offenen Zugang zur finalen wissenschaftlichen Publikation, wird das Ziel von Open Science im Folgenden darüber definiert, wie der gesamte wissenschaftliche Erkenntnisprozess der Allgemeinheit offen zur Verfügung gestellt werden kann (Grand 2012). Open Science kann folglich zum einen als Folge der neuen Möglichkeiten für kollaboratives Arbeiten im Rahmen der Digitalisierung und neuer Kommunikationstechniken und zum anderen als Schritt hin zu einer “geistigen Allmende” (Näder 2010) verstanden werden.

Unter dem Begriff “Open Science” oder “Offene Wissenschaft” verbirgt sich die Forderung, die technischen Entwicklungen zu nutzen, um wissenschaftliche Erkenntnisse aller Art im Rahmen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses schnellstmöglich offen zu verbreiten und für andere nutzbar zu machen (Stafford 2010). Open Science beschränkt sich nicht nur auf den Zugang zur wissenschaftlichen Publikation am Ende des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses (Open Access) und auf die daraus resultierenden Veränderungen wissenschaftlicher Kommunikationsprozesse im Rahmen von Publikationen, sondern auf den möglichst umfassenden Zugriff auf sämtliche Daten und Informationen, die während des gesamten Prozesses anfallen. Aus technischer Sicht ist damit jeder Aspekt der wissenschaftlichen Arbeit gemeint, der digital auf einem Desktop-Computer stattfindet und somit auch öffentlich über das Web potenziell verfügbar gemacht werden kann (Mietchen 2012).

Offene Wissenschaft kann demnach als Sammelbegriff einer Vielzahl an Aktivitäten und Mechanismen der kumulativen Wissensproduktion verstanden werden (Mukherjee 2009) und erstreckt sich dabei über den gesamten wissenschaftlichen Forschungsprozess (Scheliga 2014): vom offenen Zugang zu Publikationen wissenschaftlicher Forschung (Open Access) bis zu dem ganzheitlichen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess. Die diesbezügliche Evolution des Konzepts von Open Access führt zu einem direkten und breiten Weg, Wissenschaft an möglichst jedem Schritt des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses zu kommunizieren und zu transferieren. Unter diesem Gesichtspunkt kann Open Science als eine Weiterentwicklung von Open Access bezeichnet werden. Diese Partikularaktivitäten sollen in der Theorie dazu beitragen, dass sämtliche Inhalte mit Beginn, während und nach der Wissensproduktion durch andere innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft bei Beibehaltung des Datenschutzes und der Privatsphäre möglichst uneingeschränkt weiterverwendet werden können. Das Konzept von Open Science resultiert aus der zunehmenden Anwendung von digitalen Diensten und Applikationen sowie des sozialen Webs auf die Arbeit von Wissenschaftlern und umfasst die “Zugänglichkeit des gesamten Forschungsprozesses, vom Sammeln der Daten an, über die Begutachtung hin zur fertigen Publikation” (Brembs 2015).

Wie Open Access hat die Bewegung für Open Science ihre Dynamik der zunehmenden Verbreitung des Internets Anfang der 1990er Jahren zu verdanken (Lievrouw 2010) sowie der neuen Möglichkeiten des kollaborativen Arbeitens sowie des Teilens von Daten und Informationen über das globale Netzwerk (Meyer 2013). Diese technologischen Entwicklungen ermöglichen jedoch nicht nur das kollaborative Arbeiten zwischen Wissenschaftlern in aller Welt, sondern schaffen auch die Möglichkeit, die ausgetauschten Informationen nicht nur unter Wissenschaftlern zu teilen, sondern auch die Verbreitung wissenschaftlicher Informationen in der Gesamtgesellschaft. Befürworter von Open Science sehen hier eine Möglichkeit, die gesamten wissenschaftlichen Prozesse von der Idee bis zur Abschlusspublikation transparenter, effizienter, nachvollziehbarer und offener zu gestalten (Woelfle 2011) und diese weltweit auch in unterentwickelten Regionen zu verbreiten (Yiotis 2005). Die Vision einer offenen Wissenschaft steht dabei der Verschlüsselungs- und Patentwut zur Wahrung der Geschlossenheit der wissenschaftlichen Informationen und eines möglichen kommerziellen Vorteils durch Wissenschaft im Rahmen öffentlich finanzierter Forschung entgegen und führte zu einer Debatte über die Verfügbarkeit der wissenschaftlichen Arbeit und die Entlohnung der “Erfinder” im wissenschaftlichen System.

Diese Entwicklung kann als Reaktion auf die Forderung nach offenem Zugriff auf Wissenschaft und Forschung dazu führen, “dass sich die Bedeutung von Forschungsergebnissen zukünftig nicht mehr auf sogenannte klassische wissenschaftliche Publikationen (im Format von Einleitung – Methoden – Ergebnisse – Diskussion), sondern die globale Echtzeitpublikation von Originaldaten stützen wird” (Stengel 2013). Open Science basiert folglich auf der ureigenen wissenschaftlichen Anforderung, dass die Ausübung von wissenschaftlichen Tätigkeiten auf eine Art und Weise erfolgt, die es anderen ermöglicht zu den Forschungsbemühungen beizutragen, zusammenzuarbeiten und auf alle Daten, Ergebnisse und Protokolle in allen Phasen des Forschungsprozesses frei zuzugreifen (RIN 2010). Der gesamte Forschungsprozess sollte demnach so transparent und so zugänglich wie möglich gestaltet werden (Scheliga 2014).

Anhand der folgenden Einteilung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses werden die Charakteristika erläutert und dargestellt, um darzulegen, was die Öffnung von Wissenschaft im Sinne von Open Science beinhaltet. Zur Verdeutlichung des Prozesses der Wissensschaffung wird in der vorliegenden Arbeit eine Einteilung in fünf Phasen vorgenommen:

  1. Fragestellung und Planung

  2. Ausführung

  3. Verarbeitung und Analyse

  4. Auswertungsverfahren

  5. Verwendung und Kommunikation der Ergebnisse

Die Forderung nach Öffnung des gesamten Prozesses der Wissensschaffung begründet sich dabei nicht (nur) durch die technologische Entwicklung und die Herausforderungen im bestehenden wissenschaftlichen Kommunikationssystem, sondern basiert auf den folgenden weiterführenden Annahmen:

  1. Der offene Zugang zum gesamten Wissenschaftsprozess erhöht die Möglichkeiten der Validierung und Reproduzierbarkeit der gesamten Forschung(-skette) (Nosek 2015) (Aleksic 2014) (Krumholz 2014) (Hey 2015) und die Entwicklung neuer Qualitätskriterien. (Enhanced-Validation/Reputation-Argument)

  2. Im Rahmen des Teilens (z.B. von Rohdaten) erhöht sich die Effizienz und Verwendbarkeit durch die in der Forschung und Wissenschaft entstandenen Informationen (Fecher 2015). (Shared-Science-Argument)

  3. Im klassischen wissenschaftlichen Kommunikationssystem gibt es keine Anreize negative, widerlegende oder nicht-erfolgreiche wissenschaftliche Ergebnisse zu veröffentlichen. Eine vollumfängliche Öffnung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses könnte dazu beitragen, dass Wissenschaft ihrem Anspruch an Falsifizierbarkeit gerecht wird und auch diese Daten offen zur Verfügung stellt. (Negative-Science/Falsifiability-Argument)

  4. In Ergänzung zu den bestehenden Mechanismen, bei denen Vertrauen unter Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit gegenüber der Wissenschaft besteht (Weingart 2005), bietet die vollständige Veröffentlichung der Informationen, die von offener Wissenschaft ausgeht, Ersatz für oder Ergänzung zu älteren Vertrauenssystemen, zum Nutzen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und der Gesamtgesellschaft (Grand 2012). (Trust-Technology-Argument)

Besonders deutlich werden diese Herausforderungen im Bereich der medizinischen Forschung. Es gibt viele Beispiele in denen nachgewiesen wurde, dass maximal die Hälfte von klinischen Forschungsstudien veröffentlicht werden (:86 Chalmers 2009) und die Möglichkeiten für Reproduzierbarkeit der veröffentlichten Studien durch den unvollständigen oder fehlerhaften Umgang mit Methoden und Daten stark begrenzt sind (Dechartres 2015) (Chan 2014). Diese selektive Veröffentlichung verzerrt den medizinischen Fortschritt und mögliche Erkenntnisse und hemmt den Fluss von Informationen, der wichtig ist, um die Entscheidungsfindung durch die Patienten und ihre Ärzte zu unterstützen (Ross 2013). Werden Ergebnisse nicht veröffentlicht, beeinträchtigt das auch andere Forschung, da auch negative Ergebnisse einen Beitrag zum Falsifikationsprozess liefern. Die Möglichkeit zur Replikation stellt einen wesentlichen Teil der wissenschaftlichen Arbeit, Qualitätskontrolle, Selbstkorrektur und Methode dar (Nosek 2015). Im bestehenden System ist Reproduzierbarkeit jedoch ein häufig vernachlässigter Faktor, da die Neuheit einer Erkenntnis im wissenschaftlichen Kommunikationssystem bisher höher bewertet wird als deren Reproduzierbarkeit (Nosek 2015).

Die Kultur der Forschung braucht diesen Grad an Offenheit in der wissenschaftlichen Kommunikation sowie den Zugang zu Daten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, um im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess erfolgreich zu sein (Fecher 2015) (Krumholz 2014) (Patlak 2010).

Bestrebung der Öffnung des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses sollte es dementsprechend sein, erfolgreiche Wege zu finden, um Informationen, Daten und benutzte Programmcodes unter Berücksichtigung der Interessen aller Beteiligten möglichst umfangreich im besten Interesse der Gesellschaft zu teilen (Näder 2010) (Ross 2013) (Hey 2015). Offene Wissenschaft hat das Potenzial, durch Transparenz und die Möglichkeit zur Öffnung des Zugriffs auf wissenschaftliche Informationen und Daten einen notwendigen Beitrag zum Vertrauen der Menschen in Wissenschaft und das Vertrauen von Wissenschaft in Menschen zu leisten (Grand 2012).

Open Science: Modelle, Formate und Kanäle

Open Science vereint als Sammelbegriff viele Modelle, Formate und Kanäle. Ein maßgeblicher Katalysator für Open Science waren die technologische Entwicklung und die neuen Möglichkeiten für Wissenschaft aus methodologischer Sicht und für die Dissemination von Forschungsinformationen (Garcia de Figuerola 2010). Ermöglichte das Internet zunächst die einfache Darstellung von Inhalten in einem globalen Netzwerk, führte die Entwicklung des sozialen Webs zu der Möglichkeit eines umfassenden Austauschs in nahezu Echtzeit und zu einer offenen Kommunikation in Wissenschaft und Forschung. Weder die einfache Darstellung von Inhalten in einem globalen Netzwerk noch die Möglichkeit des direkten und offenen Austauschs zwischen Wissenschaftlern waren im analogen Zeitalter realisierbar. Die Frage nach einem freien und umfassenden Zugriff auf wissenschaftliche Information stellte sich infolgedessen erst gar nicht (Schirmbacher 2007).

Open Science umfasst alle Charakteristika des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Exemplarisch werden nachfolgend Möglichkeiten und Perspektiven der Öffnung dieses Prozesses dargestellt:

  • Veröffentlichung von Daten in Repositorien: Diese Repositorien ermöglichen die Ablage und die Verbreitung wissenschaftlicher Daten, die im Rahmen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses anfallen. Dabei können hier nicht nur die Daten abgelegt werden, die im Rahmen der endgültigen Publikation genutzt wurden, sondern auch die, die im Vorfeld erhoben worden sind, oder auch die, die negative Ergebnisse beinhalten. Diese Repositorien können in begutachtete und nicht-begutachtete Repositorien unterteilt werden.

  • Offene Erstellung von Forschungsanträgen: Forschungsförderung ermöglicht die Einwerbung und Allokation von Ressourcen für ein wissenschaftliches Vorhaben. Die öffentliche Erstellung eines solchen Antrags birgt zwar die Gefahr der Kopie durch andere, ermöglicht aber die Einbeziehung externen Wissens und dadurch auch die Möglichkeit einer erfolgversprechenderen Antragsgestaltung. Eventuelle Herausforderungen können so früh erkannt werden und die Möglichkeit der positiven Begutachtung steigt. Zudem schafft diese Art der Beantragung mehr Transparenz bei der Mittelvergabe sowie möglicherweise ein größeres (fach-)öffentliches Interesse an dem Projekt.

  • Arbeit mit offenen Laborbüchern: Dies ist eine Möglichkeit für die offene Ablage von Informationen und die Dokumentation rund um die wissenschaftliche Arbeit. Ziel ist es, ein möglichst umfassendes Bild von der Materie und den eingesetzten Methoden, Applikationen und Zwischenergebnissen frühestmöglich und so umfangreich wie ausführbar zu dokumentieren. Das verbessert die Voraussetzungen für die Replizierbarkeit des Vorhabens (:119 Mayring 1999) und ermöglicht es gegebenenfalls auch, Fehler früh zu erkennen.

  • Erweitertes offenes Publizieren: Neben dem offenen Publizieren von fertigen Texten (Open Access) ist es grundsätzlich realisierbar, die digitalen Publikationen auch mit den Daten anzureichern. Leser und Leserinnen der Literatur haben in dem Fall nicht nur die Möglichkeit eines Zugangs zum wissenschaftlichen Text, sondern könnten beim Lesen auch auf die Daten der Ergebnisse der Publikation zugreifen. Diese Transparenz erhöht das Vertrauen in die wissenschaftlichen Erkenntnisse der jeweiligen Arbeit (Nosek 2015).

  • Offene Überprüfung und Qualitätssicherung: Die technischen Entwicklungen sowie die daraus resultierenden Möglichkeiten des globalen Austauschs und der Verfügbarkeit von Informationen ermöglichen neue Verfahren der Qualitätssicherung sowie neue Mechanismen zur Überprüfung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Durch die möglichst umfassende Verfügbarkeit der Daten und Informationen, die im Rahmen des jeweiligen Erkenntnisprozesses erarbeitet wurden, sind auch neue Formen der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse durch Dritte möglich. Andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hätten somit die Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Erkenntnisse umfassend zu prüfen und in ihren eigenen Forschungsvorhaben auf umfassende Erkenntnisse zurückzugreifen oder darauf aufzubauen.

Kritik an Open Science

Während viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Offenheit in der Forschung als wertvoll erachten, sind nur wenige tatsächlich bereit, die zusätzliche Zeit und Mühe dafür zu investieren und potenzielle nicht abgrenzbare Risiken einzugehen, Forschung offen und uneingeschränkt zugänglich zu machen (Scheliga 2014) (Tenopir 2011) (Procter 2010). In vorhergehenden Studien waren es vor allem jüngere Forscher und Forscherinnen, die kein spezielles Interesse hatten, ihre Daten umfassend zu veröffentlichen (Tenopir 2011). Forscher und Forscherinnen, die offene Wissenschaft praktizieren wollen, werden mit einer Reihe von Hindernissen konfrontiert (Scheliga 2014):

  1. Individuelle Hindernisse: Angst vor Trittbrettfahrern, gefürchteter Mehraufwand an Zeit und Mühe, die Herausforderungen bei der Nutzung der digitalen Dienste, fehlender Anstoß, die Angst, negative Ergebnisse zu veröffentlichen, die Herausforderung, den Datenschutz sicherzustellen und die Abneigung den Code zu teilen

  2. Systemische Hindernisse: Evaluationskriterien behindern Offenheit, kulturelle und institutionelle Einschränkungen, ineffektive (politische) Richtlinien, Mangel an Standards für das Teilen von Forschungsmaterialien, Mangel an rechtlicher Klarheit, finanzielle Aspekte der Offenheit

Betrachtet man wie Scheliga und Friesike das Phänomen Open Science anhand des Konzepts des sozialen Dilemmas, wird deutlich, dass das, was im kollektiven Interesse der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist, nicht unbedingt im Interesse des einzelnen Wissenschaftlers steht. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft besteht dabei ein Spannungsverhältnis zwischen dem zu tun, was das Beste für die Gemeinschaft ist, gegenüber dem, was am besten für den einzelnen Wissenschaftler ist (Ekins 2014) (Patlak 2010) (Wein 2010). “Wenn alle Wissenschaftler ihr Wissen nur in den Situationen teilen, in denen sie erwarten, dass sie selbst davon profitieren, ist der gemeinsame Wissenspool fragmentiert und alle Wissenschaftler stehen schlechter da” (Scheliga 2014).

Kritisch wird auch angemerkt, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die vorläufige Ergebnisse veröffentlichen, ein unkalkulierbares Risiko eingehen, dass andere die Arbeit kopieren und die Anerkennung dafür erlangen oder die Ergebnisse sogar patentieren lassen (Peters 2014). In einigen Disziplinen wäre eine an die Echtzeit angelehnte Veröffentlichung der Laborbücher oder Ergebnisse gar kontraproduktiv für den Erkenntnisprozess, in anderen Disziplinen sogar technisch oder rechtlich überhaupt nicht möglich.

Neben diesen ganz pragmatischen Aspekten gibt es auch ein institutionelles Dilemma der Balance zwischen dem prinzipiell offenen Zugang zu Wissen und der Einschränkung des Zugangs. Die Trennung von Nicht-Wissenschaft und Wissenschaft wird als wichtig erachtet, um die systemische Distanz zu wahren, die Spezialisten vorab von Laien trennt und die eine Grenze darstellt, “die nicht beliebig überschreitbar ist” (Weingart 2005). Würde diese Grenze aufgehoben werden, so die Befürchtung, müsste die Wissenschaft das mit dem “Preis des Verlusts ihrer besonderen Leistungsfähigkeit” und mit einer Medialisierung der Wissenschaft bezahlen (Weingart 2005). Weitere Forschungsvorhaben müssten sich mit der Frage beschäftigen, ob und inwieweit diese Befürchtung gerechtfertigt ist oder gar widerlegt werden kann.

Herausforderungen in der wissenschaftlichen Kommunikation

Im Folgenden werden wesentliche Herausforderungen im bestehenden System wissenschaftlicher Kommunikation in Ergänzung zu den Grundlagen dargestellt. In einem weiteren Schritt werden die Erkenntnisse zusammengefasst sowie die Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung von Wissenschaft identifiziert, extrapoliert und in der Gesamtbetrachtung der Arbeit zusammengeführt und strukturiert dargestellt. Zur Analyse und Darstellung der Herausforderungen wird aus ausgewählten Texten das Spektrum der unterschiedlichen Debatten rund um den Themenkomplex der Kommunikation in Wissenschaft und Forschung herausgearbeitet, die Debatten verdichtet und für die Befragung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Fachbereiche zusammengefasst.

Herausforderungen im bestehenden System wissenschaftlicher Kommunikation

Diese Kanalisierung des Wissens im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation und die Wirksamkeit, wie auch Zweckmäßigkeit dieses wissenschaftlichen Kommunikationssystems sind seit Jahrzehnten Bestandteil von Debatten in der Literatur (Handbuch Wissenschaft...) in denen diese immer wieder hinterfragt und als begrenzt geeignet bezeichnet werden (Hornbostel 1997) (Hicks 1996) (Havemann 2002) (Warnke 2012) (Brembs 2013). Wie im Grundlagenkapitel dargestellt, sind die Debatten zwischen den Akteuren und ihre Fließrichtungen sehr vielfältig. Die folgende stukturierte Einteilung in verschiedene Bereiche der Kritik und Darstellung dieser dient der Einordung der Herausforderungen und zur Eingrenzung der Debatten um das aktuelle System der wissenschaftlichen Kommunikation. Sie werden im Verlauf der Arbeit bei der Betrachtung von Hindernissen und Katalysatoren sowie im Rahmen der Befragung an späterer Stelle erneut aufgegriffen.

Die Herausforderungen im bestehenden System formeller wissenschaftlicher Kommunikation beziehen sich vor allem auf neun Bereiche:

  1. Leistungsbewertung wissenschaftlicher Arbeit

  2. Geschwindigkeit im Kommunikationsprozess

  3. Wahrung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung

  4. Effizienz

  5. Fehlerresistenz und Qualitätssicherung

  6. Verbreitung und Zugänglichkeit

  7. Digitalisierung

  8. Möglichkeiten der Überprüfbarkeit des Wissens/der wissenschaftlichen Güte

  9. Verhinderung von Missbrauch und wissenschaftliches Fehlverhalten

Leistungsbewertung wissenschaftlicher Arbeit

Die Verlage haben in den letzten Dekaden mit den wissenschaftlichen Journalen und Monografien ein zentrales Steuerungs- und Bewertungssystem in der Wissenschaft etablieren können. In diesem System werden die Grundprinzipien der Wissenschaft für die verlegerischen Verwertungsinteressen (aus)genutzt und das, obwohl diese “wissenschaftlichen Grundprinzipien und Normen eigentlich ökonomischen Verwertungsinteressen zu widersprechen scheinen” (Hanekop 2006). Darüber agieren die Forscherinnen und Forscher in einem Umfeld, in dem sie in vielen Fällen wenig oder keine Verantwortung für den Einkauf der wissenschaftlichen Informationen haben, die er oder sie im Rahmen der Veröffentlichung “verschenkt” (Steele 2006).

Die Einführung der quantitativer Bewertungsindikatoren wie das Zitationsregister und die Impact Faktoren, sowie die Definition der Kernzeitschriften, führte zu einer weitgehenden Erstarrung des wissenschaftliche Zeitschriftenmarktes und gleichzeitig zu einem Anstieg der Kapazität der kommerziellen Verlagen, sowie deren Gewinnmargen (Frosio 2014). Die Steuerungsmechanismen werden über die Messbarkeit mittels Methoden direkt oder indirekt ausgeübt. Dabei stehen insbesondere die Methoden, die auf der quantitativen Grundlage der Zitationsraten wissenschaftlicher Publikationen gemessen werden in der Kritik (Brembs 2013a) (Dong 2005) und auch andere Indikatoren für die Messung von Forschungsleistungen sind hoch umstritten (Hornbostel 1997) (Hicks 1996) (Havemann 2002) (Warnke 2012). Die Verfahren, um die Wirkung von Wissenschaft und damit auch die Reputation von Wissenschaftlern zu messen, beruhen auf einer “fragwürdigen wissenschaftlichen Grundlage” (:10 Osterloh 2008). Darüber hinaus sind weder “importance noch impact noch quality (...) direkt messbar” und man kann sich ihnen nur “nähern” (:188 Hornbostel 1997). Das führt unter anderem dazu, dass der jährlich aus der “Zahl der Zitationen auf die Beiträge einer Zeitschrift ermittelte” (:26 Weishaupt 2009) Impact Factor nicht als perfektes Werkzeug betrachtet werden kann, um die Qualität der Artikel zu messen (Garfield 1999) und “selbst die grundlegendsten wissenschaftlichen Standards verletzt” (Brembs 2013a). Trotzdem wird er zur Bewertung von Wissenschaft genutzt, denn es gibt nichts Besseres und er hat den Vorteil, dass er allein durch seine lange Existenz eine gute Technik für die wissenschaftliche Bewertung darstellt (Garfield 1999) (Weishaupt 2009).

Die Kritik am Impact Factor lässt sich laut der Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin Karin Weishaupt am Beispiel des “Thomson Reuters Journal Citation Factors” in sechs Punkten zusammenfassen (Weishaupt 2009):

  1. Der Impact Factor bezieht sich immer auf die gesamte Zeitschrift und hat somit keine Aussagekraft über die “Rezeption oder Qualität des einzelnen Artikels” (Weishaupt 2009).

  2. Der Impact Factor berücksichtigt nur die Zeitschriften, die im eigenen Index gelistet sind und enthält weder Monografien, Tagungsbeiträge, sonstige Beiträge oder Internetquellen.

  3. Durch Selbstzitierungen sind Manipulationen möglich.

  4. Es werden nur Zitate aus den letzten beiden Jahren berücksichtigt und je nach Fachgebiet ist es von Vorteil wenn im eigenen Gebiet die Verwertungszyklen kürzer sind.

  5. Publikationen, die nicht in englischer Sprache verfasst sind, weisen überwiegend eine geringere Sichtbarkeit und Popularität auf, da englische Journale überproportional vertreten sind.

  6. Spezialisierte Zeitschriften sind ebenfalls systematisch benachteiligt gegenüber Journalen großer Fach-Communities oder Journalen mit Übersichtsartikeln.

Der neue Managerialismus an Universitäten setzt dabei auf die quantitative Leistungsmessung und die wissenschaftlichen Kommunikation wird zunehmend anhand quantitativer bibliometrischer Methoden evaluiert (:40 Frost 2014). Seit der Entwicklung des Science Citation Index (SCI) sowie des Aufkommens systematischer Wissenschaftsevaluation in Form von Rankings wird das zunehmend von Autoren, Wissenschaftlern, Lesern, Verlagen und Herausgebern für die Evaluation der Wirkung der Kommunikation akzeptiert und adoptiert (:2 Haustein 2012). Diese rein quantitative Betrachtungen können eine Tendenz zu Fehlanreizen darstellen (Wissenschaftsrat 2015) die dazu führt, dass zunehmend messbarer Output ein wichtigeres Ziel für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen darstellt, als die eigentliche Kreation und Produktion von originellen und innovativen Wissen nach den Kriterien der guten wissenschaftlichen Praxis (:41 Frost 2014).

Hier offenbart sich ein “Generaldilemma wettbewerblicher Wissenschaft” (:37 Wissenschaftsrat 2015). Die Idee, dass Wettbewerb in der Wissenschaft zu mehr Qualität führt steht dem Überdruck und der Beschleunigung im System gegenüber, “was Qualitätsverluste und eine Gefährdung wissenschaftlicher Integrität zufolge haben kann” (:37 Wissenschaftsrat 2015). In der praktischen Auslegung der Entwicklungen von Universitäten wird in diesem Zusammenhang auch von der Entmythologisierung der Humboldt’schen “Einheit von Forschung und Lehre” gesprochen (Binswanger 2014) (:299 Schimank 2001) (:343 Krücken 2001) und es ist nicht zu verleugnen, dass in der Wissenschaft zunehmend ein Zusammenhang zwischen ökonomischer Effizienz, Kontrollmechanismen und Öffentlichkeit herrscht (:27 Reinhart 2006) (Foucault 1977) (Meier 2009). Diese hat jedoch nicht erst mit dem steigenden Kosten- und Effizienzdruck, der Frage nach der Verwertbarkeit von Wissenschaft und Forschung sowie der Modernisierung der Steuerungsmechanismen stattgefunden, sondern schon viel früher wurde die Ausrichtung der Universität auf die Verwertbarkeit wissenschaftlichen Wissens kritisiert (Huber 2005). Die Idee der Einheit von Forschung und Lehre auf Grundlage eines völligen Verzichts auf Differenzierung (Kittler 2004), lässt sich somit grundsätzlich nur in Ausnahmefällen realisieren (Schimank 2001). Als realistische Lesart kann im vorherrschenden System nur eine situative Differenzierung stattfinden, bei der die Mittel der Grundausstattung nicht nach beiden Aufgaben separiert sind (Schimank 2001).

Dennoch ist die Lesart der Humboldt’schen Idee noch immer hegemonialer Rahmen der aktuellen Hochschulreformen (Huber 2005). Das Recht auf Freiheit von Lehre und Forschung und die Humboldt’sche Idee der Universität wird und wurde immer für die Erhaltung des “organisationellen Status Quo”, die Absicherung der “Institution Universität” und die Wahrung der “Staatsunabhängigkeit” angebracht (Huber 2005). Diese Autonomie der Wissenschaft und Forschung gilt auch heute als “hohes Gut, das es gegen externe Anforderungen zu verteidigen gilt” (Kaldewey 2010). Auch im Zusammenhang mit den Veränderungen der wissenschaftlichen Kommunikation sowie die Konsequenzen der Veränderung auf die Steuerung von Wissenschaft ist auf diese Ausprägungen zu achten, “will man diese Entkopplung entweder befördern oder verhindern” (:57 Meier 2009).

Bisher bleibt festzuhalten, dass die im aktuellen wissenschaftlichen System genutzten Indikatoren die komplexe Realität der Leistungsbewertung in der Wissenschaft nicht abbilden können und sie eine eigene Realität konstruieren (:188 Hornbostel 1997). Versteht man Wissenschaft als soziales System, so stellen Reputation sowie “die Stabilisierung eines guten Rufes” und nicht die Wahrheit der Beobachtungen und Erklärungen “nicht selten auch eingestandenes vorrangiges Ziel wissenschaftlicher Tätigkeit” dar (:237 Soziologische Aufkl{\...). Wie gering der Wirkungsgrad und die Methoden zur Messung “zur Reproduktion des traditionellen wissenschaftlichen Diskurses ausfallen, wird von dem Moment an klar, an dem ein neues Kommunikationsmedium wie das Internet als Alternative zur Verfügung steht” (Rost 1998).

Geschwindigkeit im Kommunikationsprozess

Einen weiterer Aspekt der Debatte betrifft die Kritik an der Geschwindigkeit zwischen der Fertigstellung einer wissenschaftlichen Arbeit durch den Autoren, der Einreichung zur Veröffentlichung und der finalen Veröffentlichung der Ergebnisse. Trotz der Beschleunigung der Prozesse bei der Qualitätssicherung und Bewertung wissenschaftlicher Arbeiten durch die Digitalisierung der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, Gutachtern und Verlagen kann es mehrere Jahre dauern, bevor ein Text veröffentlicht wird (Curry 07.09.2015) (Nosek 2012) (Smith 2006). Diese Verzögerung beruht unter anderem auf folgenden Umständen:

  1. Gutachter/innen können aufgrund der Ausführung dieser Funktion als Nebentätigkeit meist Termine nicht einhalten (Bär 2009).

  2. Es gibt weder Anreiz- noch Sanktionsmöglichkeiten für Gutachter und Gutachterinnen.

  3. Die wissenschaftlichen Zeitschriften erscheinen größtenteils noch immer als Periodika und wissenschaftlichen Bücher orientieren sich am Druck. Sie sind damit für einen bestimmten Zeitraum der Veröffentlichung terminiert.

Eine Möglichkeit, die wissenschaftlichen Inhalte schneller zugänglich zu machen, ohne den sehr zeitaufwändigen Begutachtungsprozess strukturell oder inhaltlich zu verändern, ist die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Arbeit als digitalen Pre-Print, sowie eine umfangreichere Kommunikation des Erkenntnisprozesses vor der finalen Veröffentlichung. Von dieser Möglichkeit machen immer mehr Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gebrauch (Curry 07.09.2015). Eine weitere Möglichkeit stellt die offene Begutachtung (Open Peer Commentary) dar, bei der ein Text anonymisiert (vorab) veröffentlicht und kommuniziert, sowie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft kollaborativ bewertet wird (Müller 01.01.2009) (Smith 2006). Dabei darf der Wunsch nach einer erhöhten Geschwindigkeit nicht über den Wunsch nach einem ausgewogenen Qualitätssicherungsprozess gestellt werden (Beall 2012).

Eigenschaften und Ausprägungen von OPC-Verfahren mit entsprechenden Beispielen

Eigenschaften und Ausprägungen von OPC-Verfahren mit entsprechenden Beispielen

Insgesamt behindert die Trägheit des tradierten Systems der wissenschaftlichen Kommunikation den wissenschaftlichen Fortschritt und wird den Möglichkeiten für die digitale Informationsversorgung nicht gerecht. Dabei ist die schnelle und umfassende Verbreitung von wissenschaftlichen Informationen und Daten im Rahmen des kumulativ orientieren wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses von grundlegender Bedeutung. Forscher und Forscherinnen würden in vielfacher Hinsicht davon profitieren, wenn sie gegenseitig schneller auf die Ergebnisse ihrer Arbeit zugreifen könnten (Nosek 2012) (Winkler-Nees 2011).

Wahrung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung

Die freie Verbreitung von Informationen und offene Diskussion ist ein wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Prozesses (Edsall 1976). Das Recht auf Wissenschaftsfreiheit ist ein “Erbe der deutschen Achtundvierzigerrevolution (Kempny 2013). Neben der Freiheit der Lehre bildet die Freiheit der Forschung den zweiten Pfeiler der Wissenschaftsfreiheit (:46 Thurnherr 2014) (Meier 2009). Die Forschungsfreiheit ist in Deutschland grundrechtlich nach Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz (GG) geschützt und ist auch europäisches Verfassungsgut (Kempny 2013). Sie ist eine ”Freiheit schlechthin, nicht Freiheit zu bestimmten Zielen oder Zwecken" (:1530 Böckenförde 1974) und ihr Schutzbereich umfasst auch die Bewertung der Forschungsergebnisse sowie ihre Verbreitung (:429 Pfeiffer 2013).

Die Wissenschaft unterliegt mannigfaltigen externen Einflüssen, operiert aber dennoch autonom (Luhmann 1998). So greifen “andere Funktionssysteme [...] in die Wissenschaft zwar ein, wenn sie in Erfüllung ihrer eigenen Funktionen operieren und ihren eigenen Codes folgen. Aber sie können, jedenfalls unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft, nicht selbst festlegen, was wahr und was unwahr ist” (:293 Luhmann 1998). Dabei ist die vorgabenfreie Erarbeitung und Veröffentlichung neuer Erkenntnisse die Grundlage für wissenschaftlichen Fortschritt. “Die Autonomie der Wissenschaft wird nach außen durch die Abhängigkeit der Universität vom Staat und universitätsintern durch die Einheit von Wissenschaft und Forschung gesichert” (Huber 2005). Diese Wahrung ist im Artikel 5 Absatz 3 GG als garantiertes Grundrecht wie folgt festgehalten: “Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei” (Deutscher Bundestag 2015).

Dieses Recht ist nicht nur ein Grundrecht auf wissenschaftliche Meinungsfreiheit, sondern auch eine rechtliche Garantie. “Jeder, der in Wissenschaft, Forschung und Lehre tätig ist, hat – vorbehaltlich der Treuepflicht gemäß Art. 5 Absatz 3 Satz 2 GG – ein Recht auf Abwehr jeder staatlichen Einwirkung auf den Prozess der Gewinnung und Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse” (Bundesverfassungsgericht 29.05.1973). Das garantiert einerseits die Einrichtung wissenschaftlicher Hochschulen mit Anspruch auf Selbstverwaltung, die staatliche Finanzierung und die Absicherung ihrer Arbeit, andererseits richtet es sich als “Abwehrrecht auf die Abwehr von Eingriffen in die wissenschaftliche Betätigung” gegen staatliche Eingriffe (Mayen 1992) (Spindler 2006). Jede Form der wissenschaftlichen Betätigung ist durch dieses Abwehrrecht geschützt. Dazu zählen laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts “vor allem die auf wissenschaftlichen Eigengesetzlichkeiten beruhenden Prozesse, Verhaltensweisen und Entscheidungen bei dem Auffinden von Erkenntnissen, ihrer Deutung und Weitergabe” (Bundesverfassungsgericht 29.05.1973).

Christopher Kelty bedient sich bei der grundlegenden Einordnung von Freiheit des Konzepts der positiven und negativen Freiheit (Kelty 2014). Die positive Freiheit definiert dabei die Freiheit, die es aktiv erlaubt etwas zu tun. Die negative Freiheit beschreibt demgegenüber die Freiheit von bestimmten (meist unerwünschten) Einflüssen. Damit eignet sich dieses Konzept von Freiheit als ein analytisches Werkzeug für die Erforschung der Auswirkungen von neuen Technologien (Kelty 2014). Das betrifft auch die freie Entscheidung über die Art und Weise der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen (positive Publikationsfreiheit) (Fangerau 2014) (:190 Fehling 2014) oder eben die Freiheit der Nicht-Veröffentlichung von Inhalten (negative Publikationsfreiheit).

Somit steht es allen an öffentlichen Forschungseinrichtungen tätigen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen frei, “zu entscheiden, ob und in welcher Form sie ihre dort erbrachten wissenschaftlichen Leistungen veröffentlichen” (Schmidt 2009). Auch die Wahl zwischen einer Veröffentlichung in einem kostenpflichtigen Journal oder in einem Open-Access-Journal fällt damit unter die positive Publikationsfreiheit (:190 Fehling 2014). Diese Publikationsfreiheit im Rahmen der individuellen Wissenschaftsfreiheit ist zwar im aktuellen System des wissenschaftlichen Austauschs nicht direkt gefährdet, wird aber durch indirekte Faktoren und Anreize stark eingeschränkt (Binswanger 2014). So fördert das System insbesondere die Publikationsformen und -kanäle, die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft der jeweiligen Fachdisziplin als etabliert und als förderungsfähig betrachtet werden. Neue Formen und Kanäle hingegen werden nur selten im Rahmen der formellen Kommunikation berücksichtigt. Für sie ist es besonders schwer im bestehenden Reputationssystem Fuß zu fassen.

Wissenschaftliche Freiheit bezieht sich demnach auf der einen Seite auf die selbstbestimmte und unabhängige Wahl der Themen, Methodik, die freie Wahl Verbreitungs- und Publikationskanal sowie des Zeitpunkts und betrifft die Selbstorganisation bei der Durchführung und Steuerung der wissenschaftlichen Arbeit (:190 Fehling 2014). Auf der anderen Seite beschreibt sie die Freiheit von inhaltlichen und methodischen Richtlinien und Vorgaben (:140 Götting 2015). Diese beiden Garantien beziehen sich in abgeleiteter Form auch auf die unterschiedlichen Organisationen und Institutionen von Wissenschaft. Wer “diese Freiheit der Wissenschaft beschneidet, behindert das Bemühen um Wahrheit und damit den Zweck der Wissenschaft selbst” (:69 Özmen 2015).

In Hinblick auf die wissenschaftliche Publikation kann festgehalten werden, dass Hochschullehrer nicht von der Hochschule oder anderen staatlichen Institutionen gezwungen werden können, über einen bestimmten Weg oder Kanal zu veröffentlichen (Spindler 2006) (Dorschel 2006). Eine Ausnahme stellen nur die privatfinanzierten Drittmittelprojekte dar, da sich der Hochschullehrer hier nicht auf die Wissenschaftsfreiheit als Abwehrrecht gegen den Staat berufen kann (Spindler 2006). Wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen “müssen ihrer Hochschule die Nutzungsrechte an ihrer Publikation einräumen”, es sein denn, sie haben sie nicht nach Weisung des Lehrstuhl- oder Institutsleiters erarbeitet oder es handelt sich um eine Dissertation oder Habilitation (Spindler 2006). Ein direkter staatlicher Eingriff im Rahmen einer Richtlinie zum Publikationszwang über einen bestimmten Weg scheint demnach mit der Wissenschafts- und Publikationsfreiheit nicht vereinbar.

Dennoch kann der Staat Anreizsysteme oder Rahmenbedingungen schaffen, die die Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikations- und Publikationssystems befördern. In der rechtlichen Auseinandersetzung mit dem Thema zielen die diskutierten Ansätze meist darauf ab, “den Autor eines öffentlich finanzierten wissenschaftlichen Werkes zu zwingen, die Allgemeinheit in gewissem Umfang an diesem partizipieren zu lassen und den Verlagen die Möglichkeit zu nehmen, durch einseitige Vertragsgestaltungen eine solche (kostenlose) Partizipation zu verhindern” (Dorschel 2006).

Im bestehenden System kann auch eine Art Nötigung zur Veröffentlichung auf dem tradierten Weg vermutet werden, die den Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin indirekt in seiner/ihrer Freiheit einschränken, den Publikationsweg, den er oder sie für richtig halten, frei zu wählen. Die Forderung der International Association of STM Publishers, “Autoren sollten in einem gesunden, unverzerrten freien Markt frei wählen können, wo sie publizieren” (International Association of STM Publishers 2007), zeigt deutlich diesen Bias in der Argumentation im Rahmen des bestehenden Systems.

Diese grundsätzliche Darstellung, dass die Wissenschaft als Prozess der Wissensbildung und Wissensvermittlung in Deutschland durch das Grundgesetz abgesichert ist, zeigt, dass Freiheit von Wissenschaft und Forschung eine Bedingung für die Wahrheitssuche der Wissenschaft ist (Özmen 2015). Neben diesem rechtlichen Schutz sichern das wissenschaftliche Ethos und die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses, auf die im Verlauf der Arbeit eingegangen wurde, die Autonomie und die Unabhängigkeit der Wissenschaft von politischen und gesellschaftlichen Interessenslagen (:67 Özmen 2015): “Politik gehört nicht in den Hörsaal” (:494 Weber 2002). Weitere Anknüpfungspunkte zur Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation im Spannungsfeld der Freiheit von Wissenschaft und Forschung stellen in diesem Zusammenhang die Dual-Use-Problematik und der Umgang mit Datenschutz dar (Fritsch 2015).

Kosten und Effizienz

An dem Kosten-Nutzen-Verhältnis des aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystems und auch an dem praktizierten Peer-Review-Prozess (Smith 2006) gibt es seit Jahren detaillierte und grundsätzliche Zweifel (Brembs 2013). Für die Veröffentlichungen einzelner Texte ergeben sich je nach Schätzungen unterschiedlich hohe Kosten. Berechnungen des Wissenschaftsjournalisten Richard Van Noorden ergaben Kosten von 4.871 Dollar pro veröffentlichtem Text im tradierten Print- und Online-Subskriptionsmodell ohne freien Zugang, von 3.509 Dollar bei der reinen Online-Veröffentlichung im Subskriptionsmodell ohne freien Zugang und von 2.289 Dollar unter den Bedingungen von Open Access (van Noorden 2013). Wissenschaftliches Wissen kann für das wissenschaftliche System allerdings nur dann als umfassend effizient betrachtet werden, wenn das neue Wissen frei und offen für andere Forscher und Forscherinnen zur Verfügung steht. Im analogen System war dies aufgrund der Bindung des Wissens an das Speichermedium Druckerzeugnis nur durch hohe Kosten für die Erstellung, den Vertrieb, die Sicherung und Verbreitung möglich.

Mit Beginn der Verbreitung elektronischer Publikationen kam es zu einer Umkehr des Bring- zum Holprinzip bei der Verbreitung wissenschaftlicher Publikationen. Die Erwartungen an die neuen Kanäle richten sich vor allem darauf, mit elektronischen Publikationen die Publikations- und Vertriebszyklen kostengünstiger und effizienter zu machen (Brüggemann-Klein 1995). Die Vermutung Ende der 1990er Jahre: “Einsparungen in Zeit, Raum und Kosten werden erheblich sein, wenn zunehmend Schreib- und Publikationstätigkeiten in den elektronischen Raum verlegt werden” (Roberts 1999). Doch nach mehreren Dekaden der Verfügbarkeit dieser “elektronischen Räume” hat sich herausgestellt, dass es sich beim wissenschaftlichen Kommunikationssystem um ein “sozial ineffizientes” System (:47 Müller-Langer 2010) handelt, bei dem die Publikations- und Vertriebszyklen weder kostengünstiger noch merklich effizienter geworden sind.

Obwohl die zunehmende Verbreitung digitaler Systeme im wissenschaftlichen Alltag die Möglichkeit eröffnet hat, nicht nur Publikationen schnell und umfassend zu veröffentlichen, sondern auch Daten und Informationen hinter Publikationen zu veröffentlichen, stehen Publikationen und Daten selten für die digitale Informationsversorgung offen für die Gesamtgesellschaft zur Verfügung. Dennoch wird eine Effizienzsteigerung durch die Möglichkeit der Zweitnutzung und Weiterverwendung von Daten, die während des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses entstehen, vermutet (RIN 2010).

Der restriktive und geschlossene Umgang mit Publikationen, Daten und wissenschaftlichen Informationen im aktuelle System verhindert nicht nur die wissenschaftsinterne, sonder auch die gesamtgesellschaftliche Nutzung der neuen Möglichkeiten für kollaborative Arbeit und den umfassenden Zugriff auf zusätzliche Forschungsergebnisse, bessere Bildung, neue Möglichkeiten und Nutzungsszenarien und eine umfassendere Aufzeichnung, Evaluation und Darstellung von Wissen.

Weder die Kosten für das System der wissenschaftlichen Kommunikation noch die Effizienz im Rahmen der Produktion von neuem Wissen aus bestehendem Wissen werden im gegenwärtigen Kommunikationspraktiken optimal genutzt. Die Auswirkungen dieser Ineffizienz führen zu einem erhöhtem (Zeit)Aufwand seitens der am Kommunikationssystem beteiligten Akteure und zur Verschwendung von Ressourcen (Nosek 2012).

Fehlerresistenz und Qualitätssicherung

Damit der Erkenntnisfortschritt im Kommunikationsprozess gelingt braucht es Verlässlichkeit bei der Vermeidung von Fehlern im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (Bargheer 2015). Trotz des aufwändigen wissenschaftlichen Qualitätssicherungssystems kommt es immer wieder zu Fehlern und falschen Aussagen bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse (Brembs 2015) (Lüscher 2014) (Smith 2006). Die Gründe für diese Fehler sind vielfältig und erstrecken sich von Nachlässigkeit über Fahrlässigkeit bis hin zu Vorsatz.

In der Literatur werden unter anderem folgende Faktoren als Herausforderungen für die Absicherung der Fehlerresistenz genannt:

  1. Geschlossene Begutachtungsverfahren ermöglichen nur eine kleinen Anzahl an Gutachtern wissenschaftliche Inhalte auf Fehler zu prüfen (Smith 2006)

  2. Nichtverfügbare Methoden und Daten hinter den Publikationen behindern die Qualitätssicherung und Reproduzierbarkeit von Wissen (Nosek 2015) (:9 Gruber 2005) (:119 Mayring 1999)

  3. Nicht dokumentierte und veröffentlichte Kommunikation während des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, macht es unmöglich Fehler bereits bei der Erstellung der Publikation sichtbar und transparent nachvollziehbar zu machen (Nosek 2015)

Die Fehlerresistenz des wissenschaftlichen Kommunikationssystems ist demnach durch seine Geschlossenheit beeinträchtigt. Hier gibt es einen weiteren Anknüpfungspunkt zu Open-Source-Bewegung im Rahmen der Softwareentwicklung, bei der die Öffnung des Quellcodes von Software eine Möglichkeit der Sicherung der gewünschten Funktionstüchtigkeit und Sicherheit darstellt (:7 Hoepman 2007). Darüber hinaus werden durch die Öffnung auch langfristig die Fehler einseh-, reproduzier- und nachverfolgbar (Nosek 2015), die durch Nachlässigkeit oder Fahrlässigkeit aber auch durch Vorsatz entstanden sind. Das ermöglicht eine bisher nicht mögliche Berücksichtigung durch andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im kummulativen Prozess der Generierung von neuem Wissen und stellt einen neuen Ansatz zum Erkenntnisgewinnung dar, der im geschlossenen Kommunikationssystem nicht möglich ist.

Wenn die Quelldokumente und Daten auch zum Zeitpunkt der Erstellung offengelegt sind, können interessierten Akteure die Informationen auf Fehler testen und gegebenenfalls Fehler schnell und umfassend bereinigen (:10 Gruber 2005) (Curry 07.09.2015). Dadurch ist nicht nur eine Erhöhung der Qualität von wissenschaftlichen Inhalten sondern auch eine Erhöhung der Fehlerresistenz bei Abschluss des jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses zu erwarten.

Verbreitung und Zugänglichkeit

Ebenso, wie die Frage nach der optimalen Geschwindigkeit des aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystems, stellt sich die Frage nach der optimalen Verbreitung und der möglichst freien Zugänglichkeit (:10 Gruber 2005) wissenschaftlicher Informationen. Während die Geschwindigkeit auf die zeitliche Komponente von der Herstellung bis zum Vertrieb des Wissens abzielt, geht es bei der Frage nach der Verbreitung um die Verfügbarkeit des Wissens für eine möglichst große Rezipientengruppe. Es gibt erhebliche Zweifel daran, dass es sich bei dem aktuellen System um ein System mit optimalen Voraussetzungen für eine möglichst hohe Verbreitung von neuem Wissen an die Gesamtgesellschaft (Curry 07.09.2015) oder nur innerhalb einer bestimmten Gruppe handelt.

Noch heute ist das gedruckte Werk neben dem persönlichen Austausch auf Konferenzen oder Kongressen (Winkler-Nees 2011) für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine der maßgeblichen Informationsquellen. Analoge Publikationen und Verbreitungswege sind allerdings beim ortsübergreifenden Austausch stark beschränkt. Und selbst bei der Verbreitung der Informationen die bereits digitalisiert worden sind, oder bereits bei Erstellung digital vorlagen werden sie im aktuellen System noch immer häufig durch Zugangsbarrieren wie Bezahlschranken gehemmt und damit die Zirkulation von Wissen eingeschränkt.

Die Herausforderung im aktuellen System besteht zum Einen aus der Bereitstellung der wissenschaftlichen Informationen über die unterschiedlichen Kommunikationskanäle hinweg und zum anderen in der langfristigen Sicherung und Bereitstellung dieser Informationen. Der digitale Transformationsprozess stellt in diesem Zusammenhang eine weitere Herausforderung und einen Ausweg zugleich dar, denn obwohl die Verarbeitung digitaler Daten heute ein wesentlicher Bestandteil der allermeisten wissenschaftlichen Vorhaben ist (Winkler-Nees 2011), müssen die Informationen meist auf dem gedruckten und digitalen Speichermedium vorgehalten werden. Auch die vornehmlich durch Verlage praktizierte reine Digitalisierung des analogen Subskriptionsmodells für den Zugriff auf wissenschaftliche Inhalte (Hanekop 2014) (BOAI 2012) stellt eine Barriere für den Zugang zu den Informationen auch außerhalb der wissenschaftlichen Institutionen dar, da digitalisiertes Wissen weiterhin auf den Ort des analogen Wissens beschränkt bleibt.

Digitalisierung

Wie im Kapitel “Wissenschaftliche Kommunikation” beschrieben, ist die Verarbeitung digitaler Daten heute ein wesentlicher Bestandteil der meisten wissenschaftlichen Vorhaben. Obwohl die wissenschaftliche Arbeit und die wissenschaftliche Kommunikation überwiegend an digitalen Geräten stattfinden, wird noch immer für den Druck produziert. Während Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen schon seit dem Ende des letzten Jahrhunderts überwiegend mit Hilfe von Textsystemen schreiben (Brüggemann-Klein 1995) (Björk 2004) haben Verlage erst mit großer Verzögerung auf die elektronische Produktion von Wissen reagiert.

Auch die wissenschaftlichen Rohdaten und Informationen werden bei Abschluss des Erkenntnisprozesses (Publikation der Ergebnisse) umkodiert um analog publiziert zu werden und auch die rein digitalen Versionen der Publikationen entstehen überwiegend noch immer aus Informationen die für die analoge Publikation kodiert worden sind. In diesem Prozess kann ein Großteil der erzeugten Daten nicht weiter genutzt werden und viele der Informationen gehen verloren, beziehungsweise stehen nur selten für die Nachnutzung zur Verfügung.

Auch im Rahmen des Vertriebs beschränkt sich die Digitalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation bisher in vielen Fällen noch immer darauf, dass die analog gedruckten und bewährten Journale, sowie andere Publikationsformen der großen wissenschaftlichen Verlage mit nahezu unverändertem Geschäftsmodell digital verbreitet werden (Hanekop 2014) (:179 Fehling 2014). Die digitale Distribution wird in diesem Zusammenhang als weiterer Kanal nach dem Drucken der Informationen verstanden.

Die Möglichkeiten, die die Digitalisierung für die wissenschaftliche Informationsversorgung bietet, sind damit bei Weitem nicht ausgeschöpft. Es stehen zwar zunehmend nicht nur digitalisierte Informationen ehemals analoger Veröffentlichungen orts- und zeitunabhängig zur Verfügung, sondern auch wissenschaftliche Sammlungen. Ebenso wird den Metadaten oder Digitalisaten relevanter Objekte ein großes Potenzial für die Wissenschaft zugesprochen (Winkler-Nees 2011). Die Anzahl dieser Daten ist aktuell jedoch noch stark begrenzt.

Die Herausforderungen im bestehenden System formeller wissenschaftlicher Kommunikation bezieht sich bei der Digitalisierung vor allem auf die ungenutzten Potenziale einer umfassenderen Verbreitung und Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Diese werden im aktuellen System bei der Veröffentlichung nur selten genutzt und das derzeitige System der wissenschaftlichen Veröffentlichungen arbeitet noch immer gegen die maximale Verbreitung der wissenschaftlicher Informationen und Daten hinter den eigentlichen Publikationen (Molloy 2011).

Überprüfbarkeit der wissenschaftlichen Güte: Objektivität, Reliabilität und Validität

Wissenschaftliches Wissen zeichnet sich gegenüber anderen Formen des Wissens dadurch aus dass es Prüfprozeduren gibt, mit denen das spezifisch wissenschaftliche Wissen geprüft wird (Luhmann 1998). Bisher wurde durch die formelle Publikation festgeschrieben, was nach den Kriterien des jeweiligen Fachs beziehungsweise der jeweiligen Disziplin als geprüftes Wissen gelten kann (:11 Ash 2015). Hier werden beispielhaft die Herausforderungen an die Prüfbarkeit der Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität im wissenschaftlichen Kommunikationssystem dargestellt.

Unabhängigkeit (Objektivität) in der Wissenschaft gilt für die Sammlung, Aufzeichnung, Analyse, Interpretation, gemeinsame Nutzung und Speicherung von Daten, sowie andere wichtige Verfahren in der Wissenschaft, wie zum Beispiel die Veröffentlichungspraxis und Peer-Review (Resnik 2005). “Ohne Zorn und auch ohne persönliche Präferenzen sind die wissenschaftlichen Gegenstände sachlich und neutral zu behandeln” (:9 Gruber 2005). Die Kenntnis von Eigenschaften der Autoren durch die Gutachter stellt eine der größten Herausforderungen für die Wahrung der Objektivität und Unabhängigkeit im wissenschaftlichen Qualitätssicherungsprozess dar. Aber auch bei anderen Formen der wissenschaftlichen Bewertung können Unabhängigkeit und Objektivität nicht immer uneingeschränkt gewährleistet werden. In der Literatur finden sich Beiträge, die mehrheitlich zu dem Ergebnis kommen, dass die Objektivität und Unabhängigkeit im bestehenden System nur schwer bis nicht gesichert werden können (Binswanger 2014).

Resnik beschreibt diesbezüglich folgende Herausforderungen an das bestehende geschlossenen System der wissenschaftlichen Kommunikation und an die Wahrung der Objektivität und an das selbstkorrigierende System der Wissenschaft (Resnik 2005):

  1. Präzision der wissenschaftlichen Arbeit

  2. Ehrlichkeit bei der Datenerhebung und Darstellung der Ergebnisse

  3. Vermeidung von Fehlverhalten

  4. Vermeidung von Fehlern und Selbsttäuschung

  5. Offenlegung Interessenskonflikte

  6. Offenheit bezüglich Daten, Ideen, Theorien und Ergebnissen

  7. bewusstes Datenmanagement und Dokumentation

Die Zuverlässigkeit (Reliabilität) des Kommunikationssystems kann anhand dessen geprüft werden, ob die Einreichung einer Arbeit über unterschiedliche Wege den selben Erfolg hat beziehungsweise, wie stark Zufallsfaktoren den Erfolg der Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse beeinflussen. Hier bestehen im aktuellen System wenig Möglichkeiten der Überprüfung. Die Verbreitung der Informationstechnologien ermöglicht zwar ein umfassenderes Monitoring der Aktivitäten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, eindeutige Sicherheit kann jedoch nicht gewährleistet werden.

Im Gegenteil, die umfassende Replizierbarkeit und Zuverlässigkeit von Ergebnissen kann aktuell kritisiert und angezweifelt werden (Lüscher 2014). Das liegt zum einen an den Herausforderungen im Zusammenhang mit der meist nicht praktizierten Veröffentlichung von (Roh-)Daten, zum anderen an der Verwendung von geschlossenen Systemen und Formaten sowie fehlender Transparenz im Rahmen der genutzten Methoden und Verfahren. Die Transparenz muss dabei nicht zwangsläufig ein Widerspruch zur Notwendigkeit von Unabhängigkeit und Objektivität verstanden werden, da offene Verfahren auch anonym stattfinden können. Als weitere kritische Faktoren für die Wahrung der Zuverlässigkeit im Kommunikationssystem werden in der Literatur unter anderem Lücken im Qualitätssicherungsprozess (siehe auch “Fehlerresistenz”) (Bär 2009) und der zunehmende zeitliche Druck im Rahmen der Qualitätssicherung (Lüscher 2014) genannt.

Die Herausforderungen an die Überprüfbarkeit der Gültigkeit (Validität) der für den Druck bestimmten wissenschaftlichen Arbeiten und deren Ergebnisse schließen nahtlos an die anderen genannten Kriterien der Güte an. Im Unterschied zur Zuverlässigkeit ermöglicht die Überprüfung der Validität die Eignung der eingesetzten Meßverfahren zur Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellungen und Zielsetzungen. Auch hier sind die Möglichkeiten bei gedruckten Publikationen durch den fehlenden Zugang zu Daten und Informationen, die während des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses entstehen bisher eingeschränkt.

Verhinderung von Missbrauch und wissenschaftliches Fehlverhalten

Neben der Notwendigkeit für eine umfassenden Überprüfbarkeit des Wissens, stellen die ethischen Grundsätze in der wissenschaftlichen Debatte von Beginn an eine Besonderheit dar. Vertrauen, das Interesse aller Akteure an optimaler Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern, Ehrlichkeit und der Ausschluss von Interessenskonflikten sind Grundpfeiler im wissenschaftlichen Forschungs- und Kommunikationsprozess (Bargheer 2015) (Wissenschaftsrat 2015). “Betrug ist dabei zwingend an die Absicht zu täuschen gebunden” (Lüscher 2014).

Es muss das Anliegen jedes Forschers sein, “die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu suchen und zu berichten” (Lüscher 2014). Drüber hinaus gilt: “Ohne Vertrauen in die Ehrlichkeit von Forschern gäbe es keine Wissenschaft mehr” (:18 Hagner 2015). Vertrauen und Redlichkeit bilden die Grundlage der Wissenschaft (Bargheer 2015) auch wenn diese auf einer “delikaten Struktur weitgehend ungeschriebenen Regeln” (Grand 2012) beruhen.

Auch wenn die Wissenschaft “eine besondere ethische Verantwortung” hat, sind Formen von “Fehlverhalten, Betrugsfälle und Nachlässigkeiten, die in anderen Lebensbereichen geschehen können, auch in der Wissenschaft möglich” (Wissenschaftsrat 2015). Diesem wissenschaftlichem Ethos stehen die Beispiele gegenüber, bei denen bewusster Missbrauch durch Akteure des Kommunikationssystems zu Verwirklichung partikularer Interessen oder konkreten Einfluss auf wirtschaftliche Aspekte geführt haben (Lüscher 2014) (Binswanger 2014) (Beall 2012).

Margo Bargheer und Birgit Schmidt klassifizieren wissenschaftliches Fehlverhalten wie folgt (Bargheer 2015):

  1. Unlauterer Umgang mit Ergebnissen (z.B. erfundene Ergebnisse)

  2. Unlauteres Forschungsverhalten (z.B. Unzulässige Forschungsmethoden)

  3. Fehlverhalten im Datenmanagement (z.B. Zurückhalten von Daten wider besseres Wissen )

  4. Fehlverhalten im Publikationsprozess (z.B. unangemessene Partitionierung von Ergebnissen, “Salamitaktik” (Binswanger 2014))

  5. Soziales Fehlverhalten (z.B. Sabotage oder Behinderung der Arbeit anderer)

  6. Administratives Fehlverhalten (z.B. Verstoß gegen Verwendungsrichtlinien)

Gegen ein solches Fehlverhalten im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation wurden die internationalen Leitlinien “Principles of Transparency and Best Practice in Scholarly Publishing” (Redhead 2013) veröffentlicht, “sie sollen die Qualitätsstandards im Publikationswesen und zugleich die Filterfunktion der initiierenden Mitgliedsorganisationen stärken” (Bargheer 2015). Bisher kommen die wenigen vorhandenen Studien zu dem Ergebnis, dass abgelehnte Manuskripte, sofern sie andernorts veröffentlicht wurden, deutlich weniger zitiert wurden (:208 Hornbostel 1997). Mit Blick auf die neuen Möglichkeiten der ergänzenden Veröffentlichung von Meta-Informationen und Daten zusätzlich zur finalen Publikation ist zu vermuten, dass die Möglichkeiten zur Sicherung der Qualität im bestehenden System optimiert werden können, so zum Beispiel im Bereich der Replizierbarkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen. Hier bestünde durch eine offene, möglichst umfassende Bereitstellung der wissenschaftlichen Kommunikation viel Potenzial für die Verbesserung der Mechanismen zur Selbstkorrektur (Nosek 2015) sowie für die Verhinderung von Missbrauch und wissenschaftlichem Fehlverhalten.

Auch wenn noch nie zuvor über Betrug in der Wissenschaft so intensiv berichtet worden ist (Brembs 2015) wie in den letzten Jahren, ist es “keineswegs ausgemacht, dass die Intensität der Berichterstattung allein auf die tatsächlich gestiegene Inzidenz von Betrug” (Weingart 2005), sondern eher auf den Anstieg medialer Beobachtung zurückzuführen ist. Dennoch stehen die intransparenten Verfahren und die bisher mangelhafte Veröffentlichung von Supplementen und (Roh-)Daten der Verhinderung von Missbrauch und wissenschaftlichem Fehlverhalten entgegen. Demnach ist zu vermuten, dass die Bereitschaft der Forschenden, positive wie negative Daten zu teilen, zurückgezogene Artikel sichtbar zu machen und den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess zu öffnen, helfen können, die notwendigen effektiven Mechanismen zur Verfolgung wissenschaftlichen Fehlverhaltens (:14 Wissenschaftsrat 2015) (Chan 2014) (:86 Chalmers 2009) zu installieren und die bestehenden Mechanismen zur Selbstkorrektur zu stärken.

Ableitungen: Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

Viele der unterschiedlichen Erklärungsansätze für die Forderung nach einem Wandel der wissenschaftlichen Kommunikation hin zur Öffnung der Wissenschaft gehen von Annahmen aus, nach denen ein direkter Zusammenhang von technischen Entwicklungen und (wissenschafts-)politischen und kulturellen Bewegungen angenommen wird. Diese Perspektive ist in ihren Wegen und Kanälen sehr fragmentiert und beschränkt sich in ihrer Klarheit bisher ausschließlich auf das gemeinsame Ziel, den Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen offener zu gestalten und weniger auf die Öffnung des gesamten Prozesses sowie den daraus resultierenden Konsequenzen für das gesamte Wissenschaftssystem zu achten.

Die theoretische Auseinandersetzung zwischen der Geschlossenheit des wissenschaftlichen Diskurses auf der einen und den Treibern und Bremsern im realen wissenschaftlichen Prozess auf der anderen Seite wird in der Literatur bisher nur ungenügend berücksichtigt. Insbesondere wird die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Reputation, der Motivation, das etablierte System zu unterstützen, und der Geschlossenheit des Wissensproduktionsprozesses nur selten erörtert. Die Debatten über die Veränderungen des wissenschaftlichen Publikationswesens werden von beiden Seiten mit teilweise “heftiger Polemik” (:12 Näder 2010) geführt und bedienen sich bei den unterschiedlichsten Ansätzen von Stevan Harnad (Harnad 1995) über die von Richard Stallman (Stallman 2002) bis hin zu denen von Roland Reuß (Reuß 2009). Eine weitere Unzugänglichkeit besteht darin, dass “die Deliberation und die Verbreitung von Wissen ein stabiles Set von Infrastrukturen braucht” (Kelty 2004), nach denen man heute noch immer vergeblich sucht. Das Potenzial bei der Verwendung digitaler Technologien und der Wille, Wissenschaft offen zu teilen, ist nicht annährend ausgeschöpft und es “besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Idee der offenen Wissenschaft und wissenschaftliche Realität” (Scheliga 2014). Dabei ist die (geistes-)wissenschaftliche Alltagspraxis “längst von digitalen Recherche- und Kommunikationsformen durchsetzt” (Hagner 2015).

Openness kann als “schwimmender Signifikant (...) ohne eindeutige Definition, adaptierbar von unterschiedlichen politischen Ideologien” verstanden werden (Adema 2014). Der Begriff Open Access wird in der neoliberalen Rhetorik als effizientes Wettbewerbsmodell, verbunden mit den Ideen von Transparenz und Effizienz von Unternehmen und Regierung, eingesetzt (Tkacz 2012). Darüber hinaus muss die Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation auch im Rahmen des Versuchs betrachtet werden, einen Marktkmodus als dominante Governanceform der Gesellschaft auch in der Wissenschaft zu verankern (:152 Troy 2012). Über diesen Ansatz wird mittels Openness der wissenschaftlichen Prozess outputorientierter und seine Ergebnisse effektiver zu Gunsten des Marktes gestaltet, überwacht und gesteuert (Adema 2010). Dabei stehen diese neoliberalen Ansätze den Idealen der Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Prozesses gegenüber, “denn die Position funktioniert nur dann ökonomisch effizient, wenn innovatives technisches Wissen nicht nur patentrechtlich sondern auch marktmäßig gehandelt wird” (:179 Troy 2012).

Diese Entwicklung bedroht zudem das System der Universität als Produzent, Archivar und bei der Distribution von Wissen. Die Öffnung von Wissenschaft und Forschung kann demnach als Möglichkeit dafür genutzt werden, dass die Universität selbst wieder zu dem (primären) Ort der Wissensproduktion, -speicherung und -vermittlung wird, der sie einmal gewesen ist (Kittler 2004). Um diese Veränderungen voranzutreiben, werden in der Literatur zwei Herangehensweisen für die Etablierung von Offenheit in Wissenschaft und Forschung unterschieden (Schulze 2013): Bei dem „Top-down“-Ansatz werden durch „Förderstrategien, Vorgaben und Empfehlungen“ (:34 Schulze 2013) oder durch die Bereitstellung zusätzlicher Mittel im Rahmen der Forschungsförderung konkrete Anreize für die offene Veröffentlichung und die Publikation von Forschungsergebnissen geschaffen. Eine weitere Möglichkeit der “Top-Down”-Etablierung von Offenheit in Wissenschaft und Forschung stellen Empfehlungen dar, bei denen Institutionen, Organisationen oder Gruppen nicht bindende Empfehlungen aussprechen, anhand derer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen überzeugt werden sollen, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse offen zu veröffentlichen. Sind weder Anreize noch Empfehlungen als Top-Down-Ansatz erfolgreich, können bindende Vorgaben etabliert werden, um eine Verhaltensänderung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu erzwingen. Im Gegensatz zur Strategie von „oben“ gibt es auch Bestrebungen, die von einzelnen Wissenschaftlern, Wissenschaftlerinnen, Gruppen ausgehen oder „durch Graswurzelprojekte und den Einsatz von Evangelisten“ (:34 Schulze 2013) initiiert werden. Sie sind überwiegend informell und zielen auf die Verbreitung von Verhaltensänderungen oder die Etablierung von Richtlinien ab. Bottum-up-Projekte kommen aus dem wissenschaftlichen Alltag und erfahren überwiegend keine politische oder monetäre Incentivierung für die Öffnung von Wissenschaft und Forschung. Der Einsatz von Evangelisten basiert auf der Idee einer konkreten Stelle oder Position, um eine Änderung zu begleiten oder einen Multiplikator innerhalb und außerhalb von Institutionen oder Organisationen zu etablieren, der das gewünschte Ziel pro aktiv kommuniziert und verbreitet. Evangelisten können helfen, die Befindlichkeiten und Vorbehalte auszutarieren und die teils diffusen, teils realen Ängste bezüglich der Entwicklung von Offenheit und Transparenz der Wissenschaft innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu beseitigen.

Ergänzend dazu sehen die Rechtwissenschaftler Götting und Lauber-Rönsberg vier konkrete, rechtliche und faktische Maßnahmen zur Förderung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation (:138 Götting 2015):

  1. Verpflichtungen durch das Hochschulrecht, zum Beispiel eine rechtliche Verpflichtung steuerfinanzierte wissenschaftliche Werke unter einer offenen Lizenz zu veröffentlichen

  2. Maßnahmen der Hochschulen, zum Beispiel durch institutionelle Selbstverpflichtungen oder finanzielle und andere faktische Anreizsysteme

  3. Maßnahmen der öffentlichen Forschungsförderung, zum Beispiel Verpflichtung im Rahmen der Drittmittelfinanzierung von Forschungsvorhaben oder direkte Förderungsinstrumente für den Aufbau oder die Refinanzierung offener Publikationen

  4. Urheberrechtliche Maßnahmen, zum Beispiel Vorhaben steuerfinanzierte wissenschaftliche Werke vom urheberrechtlichen Schutz auszunehmen oder Schrankenregelungen beziehungsweise Zwangslizenzen für öffentlich-finanzierte Werke einzuführen

Im Folgenden werden die Katalysatoren und die Hindernisse für die Etablierung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation den Indikatoren für die Reputationsverteilung im aktuellen wissenschaftlichen System gegenübergestellt. Diese Ausarbeitung zielt auf die Beantwortung der Forschungsfragen ab und stellt eine Grundlage für eine Befragung der wissenschaftlichen Akteure im Publikations- und Kommunikationssystem dar.

Katalysatoren für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

In den analysierten wissenschaftlichen Beiträgen zu Open Access und Open Science wurden die mehrheitlich positiven Auswirkungen der Forderungen nach Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationssystem, aber auch antizipierte negative Effekte der Öffnung auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem dargestellt. Grundlage für die Darstellung der Vorteile war die umfassende Erarbeitung der Herausforderungen und Unzulänglichkeiten im bestehenden wissenschaftlichen Kommunikationssystem (Offenheit und wissens...).

Grundsätzlich steht und fällt der Erfolg bei der Etablierung von Verhaltensänderungen damit, ob sich der jeweiligen Zielgruppe ein unmittelbarer Mehrwert und Nutzen erschließen wird (Schulze 2013). Bisher scheint dieser eher gering zu sein, denn rechtlich steht es bereits nach der heutigen Rechtslage Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern frei, “sich für eine Erstveröffentlichung ihrer Werke im Wege des Open Access zu entscheiden” (:146 Götting 2015), auch wenn konkrete Möglichkeiten und Grenzen von Open-Access-Publikationsverpflichtungen noch immer wesentlich durch die urheberrechtlichen Rahmenbedingungen beeinflusst werden (:211 Fehling 2014).

Für die weiterführende Gruppierung der Argumente für die Öffnung von Wissen wurde die folgende Kategorisierung vorgenommen. Sie beschreibt die grundlegenden Katalysatoren und Argumente für die Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems:

  1. Transition: Die Nutzung der neuen Möglichkeiten für eine offene Wissensverbreitung neben den konventionellen Wegen der nicht-elektronischen Publikationen (Hall 2008) (Max Plank Society 2003). Voraussetzung ist die Aufbereitung des Wissens als strukturierte Daten zur Wissensweiterverwendung und -verarbeitung über alle Kanäle.

  2. Speed and Circulation: Offene Publikationsverfahren bieten die Chance wissenschaftliche Inhalte schneller und umfassender der wissenschaftlichen Community zur Verfügung zu stellen (Müller 2010) (RIN 2010) (Hall 2008) (European Commission 2006). Wenn das Wissen schneller zur Verfügung steht, kann es auch schneller zirkulieren und effizienter genutzt werden (Woelfle 2011). In den tradierten Verfahren wird die Wissensverbreitung künstlich durch Embargos und ineffiziente Validierungs- und Qualitätssicherungssysteme zurückgehalten. Die Digitalisierung und Verbreitung über elektronische Kanäle stellt einen Vorteil für die Wissensverbreitung und -verwertung dar. Eine offene Veröffentlichung erreicht potenziell eine größere Leserschaft als es bei Subskriptionsmodellen der Fall ist (Cope 2014).

  3. Higher Impact and Citation: Die uneingeschränkte und globale Verfügbarkeit der offenen wissenschaftlichen Informationen führt zu einem wesentlich höheren Verbreitungsgrad und Einfluss von Wissenschaft (Davis 2011) (Müller 2010) (Baggs 2006) (Willinsky 2006) (Kurtz 2005). Der Verbreitungsgrad kann einen positiven Einfluss auf die Zitierhäufigkeit haben (Müller 2010) (European Commission 2006) (Hajjem 2005). Die Zitationsrate wissenschaftlicher Publikationen, die nach den Kriterien von Offenheit veröffentlicht werden ist damit potenziell höher (Bernius 2009). Diese Kausalität wird “access-citation effect”(Davis 2011) genannt und ist durch bedeutsame Untersuchungen bestätigt worden (Lawrence 2001) (Economics and Usage o...) (Hajjem 2005) (Eysenbach 2006) (Antelman 2004). Dennoch gibt es Gründe diesen Effekt genau zu hinterfragen und im Detail mögliche Abschwächungseffekte zu berücksichtigen (Davis 2011).

  4. Tax-Payer: Die Kosten des traditionellen Publikationsverfahrens werden im Wesentlichen durch die öffentliche Hand getragen (Müller 2010). Dem Steuerzahler ist die konventionelle wissenschaftliche Kommunikation jedoch nur selten unentgeltlich zugänglich, obwohl er de facto im Rahmen öffentlich geförderter Forschungsprogramme die Forschung bereits (mit-)finanziert hat (Suber 2003) (Resnik 2005) (Baggs 2006) (Woelfle 2011) (Beverungen 2012) (Adema 2014). Da die Mittel nach intransparenten Kriterien verteilt werden ist im aktuellen Kommunikationssystem unklar, ob wissenschaftliche Kommunikation nach dem bestmöglichen Einsatz der monetären Ressourcen für Wissenschaft und Forschung abläuft (Glasziou 2014) (Altman 1994). Die Europäische Union und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommen in diesem Zusammenhang zu dem Ergebnis, dass der volkswirtschaftliche Nutzen von Open Access die Kosten signifikant übersteigen wird (Cloes 2009) (Organisation for Economic Cooperation Development 2015) (Council of the European Union 2007).

  5. Economic Promotion: Bisher profitieren Wirtschaftsunternehmen nur unzureichend von staatlich finanzierter wissenschaftlicher Kommunikation. Eine schnellere, kommerziell verwertbare und umfassendere Bereitstellung wissenschaftlicher Inhalte kann einen Beitrag zur non-monetären Wirtschaftsförderung und Innovation leisten (The European Commission 2015) (Organisation for Economic Cooperation Development 2015) (Heise 2012) (Organisation for Economic Cooperation Development 2004). Im Rahmen der offenen und schnelleren Verbreitung wissenschaftlicher Informationen sind darüberhinaus auch neue Geschäftsmodelle denkbar.

  6. Digital Divide: Der offene Zugang zu Wissenschaft eröffnet neue Chancen sowohl für die Überwindung sozialer, nationaler und globaler Wissenskluften, als auch zwischen bildungsferneren und -affineren Bevölkerungsteilen und -schichten der Welt (BOAI 2012). Darüber hinaus ist der Mehrwert und die Chance von wissenschaftlichen Informationen für die schulische Bildung und für die Bewegung der offenen Bildungsmaterialien bisher ebenfalls noch nicht vollumfänglich ausgeschöpft (Heise 2013).

  7. Validation, Quality and Reputation: Offenheit in Wissenschaft und Forschung ermöglicht die Entwicklung neuer Verfahren, die die Aktivität und Qualität eines Forschers oder einer Forscherin umfassender, transparenter und demokratischer messbar und kommunizierbar machen, als es im bestehenden Reputations- und Förderungssystem möglich ist (Grand 2012). (Chalmers 2009). Da Wissenschaft “per Definition die Bemühung um integre Information ist” (Umstätter 2007) wird vermutet dass Wissenschaftsevaluation durch den offenen Zugang und die daraus resultierenden Möglichkeiten der Verifizierung von Wissen effizienter wird (Nosek 2015). Die Falsifikation ist nur dann umfassend und einfach möglich, wenn der Aufwand für die Falsifikation gering beziehungsweise der Zugriff auf die wissenschaftlichen Informationen überhaupt gegeben (Umstätter 2007) und offen ist (Peters 2014). “Offenheit verhindert, dass Wissenschaft dogmatisch, unkritisch und voreingenommen wird” (Resnik 2005).

  8. Information Paradox: Überwindung des bestehenden Informationsparadoxons bei der Verbreitung und Vermarktung wissenschaftlicher Inhalte. Hierbei handelt es sich um die Herausforderung im Rahmen kommerzieller Be- und Verwertung wissenschaftlicher Informationen, ohne zu viel über Inhalt und Qualität auszusagen. Eine im Rahmen von Offenheit angestrebte Entkommerzialisierung des Zugangs zu Wissen würde dieses Informationsparadoxon aufheben.

  9. Science Communication Crisis: Durch die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikations- und Reputationsprozesse entsteht die Möglichkeit, der vorherrschenden Zeitschriften- und Monografienkrise durch neue Geschäftsmodelle zu begegnen (Müller 2010) (Näder 2010).

  10. Interdiscipline and International Exchange/Collaboration: Die Globalisierung führt auch in der Wissenschaft zunehmend zu internationalem Austausch und zur transnationalen Zusammenarbeit von Wissenschaftlern (Waltman 2011). Das gilt nicht nur für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Bezug auf die lokale Verortung, sondern auch für die Interdisziplinarität der Forschungsvorhaben. Die Öffnung der Wissenschaft ermöglicht auch fachfremden Wissenschaftlern Zugriff auf Publikationen und damit auf Wissensressourcen für die eigenen Arbeiten.

  11. Sustainable Access and Archiving: Nur Offenheit im Sinne von Verwertbarkeit ermöglicht es, in dezentralen Strukturen wie der des Internets alle Informationen nachhaltig und unabhängig voneinander zu speichern. Im Falle von Natur- oder anderen Katastrophen ermöglicht die digitale Ablage auf mehreren Kontinenten eine Präservierung von Wissen unabhängig von lokalen Gegebenheiten oder Bedingungen.

  12. Dataquality: Die Veröffentlichung und das offene Teilen der Daten hinter den wissenschaftlichen Publikationen kann zu einer umfassenden Erhöhung der Datenqualität und -integrität von wissenschaftlichen Erkenntnissen führen. Es wird vermutet, dass bei der Weiterverwendung durch Dritte mögliche Fehler schneller identifiziert werden und die offene Bereitstellung zu mehr Disziplin bei der Dokumentation der Datenbereitsteller führt. Ähnliche Erfahrungen wurden bereits im Bereich der Veröffentlichung von Daten der Verwaltung und bei der Entwicklungszusammenarbeit gemacht (Heise 2014).

Hindernisse für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

Differenzierte Ansätze für den Umgang mit den Fragestellungen rund um die Öffnungsprozesse von Wissenschaft und Forschung sind wichtig, um einen “weniger ideologisch-aufgeregten Umgang mit dem Sujet” (:13 Näder 2010) bei der Ausarbeitung der Arbeit zu erreichen. Im Folgenden werden die Prozesse dargestellt, die entweder zu einer Verlangsamung der Entwicklung führen oder sie in einigen Teilbereichen sogar ganz zum Erliegen bringen können. Dabei soll explizit keine Position für oder gegen die Veränderung des bestehenden Publikationssystems bezogen werden.

Grundsätzlich lassen sich bei der Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation strukturelle Hindernisse und individuelle Hindernisse unterscheiden (Scheliga 2014). Strukturelle Hindernisse beziehen sich dabei auf generelle Herausforderungen bei der Etablierung einer Verhaltensänderung im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Fehlende Anreizsysteme für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene

  • Führungs- und Planlosigkeit der Bewegung für Offenheit in Wissenschaft und Forschung

  • Mangelhafte Infrastrukturen und nicht-disponible Applikationen für die Durchführung offener wissenschaftlicher Kommunikation

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den wissenschaftlichen Akteuren des Kommunikationssystems. Im Folgenden werden, auch wenn es sich lohnt das Augenmerk auf “diejenigen Vorteile zu legen, von denen Wissenschaftler selbst profitieren können” (Müller 2010), die individuellen Hindernisse für die Öffnung von Wissenschaft und Forschung betrachtet. Folgende individuelle Hindernisse bei und Argumente gegen die Öffnung der wissenschaftlichen Prozesse und Publikationen wurden identifiziert:

  1. Quality: Der erste Hindernisbereich umschreibt die Befürchtung, dass die Qualität von offener wissenschaftlicher Kommunikation unter schlechter oder nicht vorhandener wissenschaftlicher Überprüfungsmechanismen leidet (Chibnik 2015) (Beall 2012). Dabei wird argumentiert, dass ein durch Autorengebühren finanziertes Publikationsmodell keinen klaren Anreiz für Ablehnung bieten könnte (:257 Jubb 2011).

  2. Renommee: Die Möglichkeit zur Erlangung von wissenschaftlicher Reputation ist ein grundlegender Motivationsfaktor für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die Ergebnisse ihrer Arbeit zu veröffentlichen. Eine Veröffentlichung hat nur dann Einfluss auf die Reputation, wenn sie im Rahmen von renommierten Publikationskanälen stattfindet. Offene Publikationsplattformen und Journale können aufgrund des kurzen Zeitraums ihres Bestehens und aufgrund von Vorbehalten dieses Renommee nur selten vorweisen. Die Renommeefrage stellt eine der größten Hürden für die offene wissenschaftliche Kommunikation dar (Weishaupt 2009) (Woelfle 2011).

  3. Archiving- and Sustainability: Den grundsätzlichen Vorteilen des elektronischen Publizierens stehen Probleme und Zweifel an der langfristigen Verfügbarkeit und Langzeitarchivierung (Weishaupt 2009) gegenüber. Einige Autoren und Autorinnen kritisieren, dass die Sicherstellung der Langzeitarchivierung und die langfristige Auffindbarkeit sowie die Bereitstellung der Dokumente bisher nicht vollumfänglich durch digitale Strukturen gewährleistet werden kann (Umstätter 2007) (Gersmann 2007).

  4. Authenticity- or Integrity: Ein weiteres Problem stellt die Sicherung der Authentizität der offen publizierten wissenschaftlichen Informationen dar (Umstätter 2007) (Weishaupt 2009) (Grand 2012). Weil elektronische Dokumente oft innerhalb weniger Tage oder Wochen in mehreren Versionen zugänglich sind, wird befürchtet, dass Texte und Arbeiten im Zeitablauf inhaltlich nicht mehr unverändert ihrem Autor beziehungsweise ihrer Autorin zuzuordnen sind. Das gilt, “solange sie nicht in Digitalen Bibliotheken mit gesicherter Authentizität abgeliefert” werden (Umstätter 2007).

  5. Rightsmanagement: Eine generelle Verpflichtung für Mitarbeiter staatlich finanzierter Forschungsinstitutionen, alle Texte und Daten elektronisch frei und offen zu publizieren, wird von einigen Autoren und Autorinnen kritisch hinterfragt (Peukert 2013). In dem 2009 veröffentlichten “Heidelberger Appell” (Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.03.2009) kritisieren zahlreiche Autoren, Wissenschaftler, Verleger und Publizisten, dass das “verfassungsmäßig verbürgte Grundrecht von Urhebern auf freie und selbstbestimmte Publikation” ... “derzeit massiven Angriffen ausgesetzt und nachhaltig bedroht” ist. Weiter sehen die Unterzeichner “weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären” (Institut für Textkritik 2009). Rechtliche Bedenken und die Befürchtung vor kostspieligen juristischen Fehltritten stellen einen weiteren Vorbehalt gegen die offene Veröffentlichung von Forschung und Forschungsergebnissen dar (Weishaupt 2009).

  6. (Re-)Financing: Die unklare Refinanzierung der Kosten, die im Rahmen der offenen wissenschaftlichen Kommunikation vermutet wird, wird als weiteres Kernargument gegen das offene Publizieren von Arbeiten und Daten angeführt (Chibnik 2015). Die Befürchtung ist, dass die umfassende Öffnung des wissenschaftlichen Systems überhaupt nicht finanziert werden kann, konnte bisher nicht ganz ausgeräumt werden (Weishaupt 2009).

  7. Ressource Allocation: Von der fachlichen Anerkennung hängen auch der Zugang zu Forschungsressourcen ab (:14 Buss 2001). Dieses Hindernis bezieht sich demnach auf die Annahme, dass den Herausforderungen bei der Vergabe von Fördermitteln und bei den reputationsbildenden Maßnahmen im offenen System nicht ausreichend Rechnung getragen werden kann. Das Argument beruht auf der Befürchtung, dass die Öffnung des wissenschaftlichen Prozesses einen einseitig-negativen Einfluss auf Mittel- und Reputationsvergabe hat (Grand 2012), sie ausschließlich zugunsten populärer Forschung stattfindet und sie zu einer Aushöhlung der wissenschaftlichen Fächer- und Facettenvielfalt führt.

  8. Open-Caring: Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen befürchten durch den Zwang zur umfassenden Bereitstellung ihrer Publikationen und gegebenenfalls sogar der Quelldaten sowie des genutzten Softwarecodes einen nicht unwesentlichen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand (:27 Ash 2015) (Mennes 2013) (Grand 2012). Der nötige Aufwand, den die umfassende Öffnung der wissenschaftlichen Daten im Alltag des Wissenschaftlers mit sich bringen würde, ist bisher kaum evaluiert (Osterloh 2008).

  9. Scientific-Freedom/Loss of Idea-Diversity: Dieses Argument betrifft zwei Ebenen: Die Sorge, dass durch Offenheit und Transparenz sowie Forschungsförderung und Öffentlichkeit die bestehenden Steuerungsmechanismen der Wissenschaft ausgehebelt werden und infolgedessen nur die wissenschaftlichen Projekte gefördert und unterstützt werden, die von der Allgemeinheit verstanden werden. Diese Befürchtung ruht auf der Annahme, dass die Gewinnung von Wissen in der Grundlagenforschung ein “öffentliches Gut” darstellt, “dessen Wert von der Öffentlichkeit nur schwer beurteilt werden kann” (Osterloh 2008). Darüber hinaus wird in der Literatur die Befürchtung geäußert, dass durch die Öffnung die Freiheit von Forschung und Lehre im Sinne der Publikations- und Veröffentlichungsfreiheit gefährdet sein wird (Jochum 06.04.2009). Damit ist die Wahl des Publikationsmediums gemeint, die bei den Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen liegen sollte (Ash 2015). Infolgedessen wird an vielen Stellen die Befürchtung geäußert, dass im Rahmen zunehmender Kollaboration über digitale Kanäle sowie durch die Effizienz der elektronischen Suche die Diversität von wissenschaftlichen Meinungen und Projekten zu einem gleichen oder ähnlichen Thema eingeschränkt werden könnte (Evans 2008). Diese Betrachtung ist wiederum nicht unumstritten (Larivière 2009).

  10. Misinterpretation: Eine weitere Sorge, die den Öffnungsprozess bremst, ist die Angst der wissenschaftlichen Community vor Fehlinterpretationen (Grand 2012) sowie vor dem Verlust der Kontrolle über die Informationssteuerung (Gibbons 1994). Dabei steht vor allem die Befürchtung im Vordergrund, dass die frei verfügbaren veröffentlichten Arbeiten genutzt werden, um die Arbeit der Wissenschaft zu diskreditieren oder sie gezielt zur Falschinformation der Öffentlichkeit zu nutzen.

  11. Transparent-Research-Intentions: Die Forderung nach Offenlegung des gesamten Forschungsprozesses beinhaltet auch die Forderung nach “Transparenz der Interaktion zwischen Sponsoren (insbesondere kommerzielle Förderer wie die Pharma- und Medizinprodukteindustrie) und Auftragnehmern” (Stengel 2013)

Die erarbeiteten Hindernisse für die Verbreitung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation werden im Verlauf der Arbeit im experimentellen Teil im Rahmen der Befragung aufgegriffen. Die möglichen Irritationspotenziale durch die Ausweitung des Zugangs zu oder Zugriffs auf wissenschaftliche Kommunikation sowie die Kritik an digitalen Medien werden nur in Zusammenhang mit den Forschungsfragen berücksichtigt.

Indikatoren für die Reputationsverteilung im wissenschaftlichen Kommunikationssystem

Um die Anreize für das Verhalten der wissenschaftlichen Akteure im Kommunikationssystem besser zu verstehen werden im Folgenden die Indikatoren für die Reputationsverteilung herausgearbeitet. Die Publikation von Erkenntnissen ist in diesem Rahmen nur einer von vielen Indikatoren für die Reputationsverteilung ist (Hirschauer 2004). Im Gegensatz zu den Modellen, die eine Verpflichtung von oben für ein bestimmtes Verhalten beinhalten und die wissenschaftliche Selbstständigkeit beeinflussen könnten, werden hier vor allem die Indikatoren betrachtet, die Anreize für ein bestimmtes Verhalten darstellen.

Aus der Literatur wurden folgender Indikatoren für die Verteilung von Reputation herausgearbeitet. Die vorgenommene Kategorisierung ist dabei an Heidemarie Hanekop (Hanekop 2008) und die Befragung durch das SOFI 2007 (Hanekop 2007) angelehnt:

  1. Anzahl der wissenschaftlichen Aufsätze / Beiträge: Die Anzahl der Texte, die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im Rahmen ihrer Tätigkeit publizieren ist ein wesentlicher Faktor der Bewertung wissenschaftlicher Reputation (Warnke 2012) (Clapham 2005) (Soziologische Aufkl{\...). Zum Beispiel erhöht die Anzahl an Texten die Chance, durch die andere Mitglieder der wissenschaftlichen Community zitiert zu werden und damit die Möglichkeit auf die Erlangung von Reputation. Durch den zunehmenden Wettbewerb in der Wissenschaft muss sich der einzelne Wissenschaftler entscheiden, “zu publizieren oder im wissenschaftlichen System zu scheitern” (Süss 2006). Dadurch entsteht im wissenschaftlichen Kommunikationssystem ein konstanter Publikationsdruck, bei dem die Relevanz der publizierten Ergebnisse nicht immer im Vordergrund steht (Hamilton 1990). Die Anzahl der veröffentlichten Artikel hat einen Einfluss auf die Vergabe von Ressourcen und finanzieller Mittel für weitere Forschung an Institutionen und Individuen (Warnke 2012) (Hamilton 1990).

  2. Relevanz der publizierten Ergebnisse: Die Relevanz der publizierten Ergebnisse ist für das Wissenschaftssystem ein wesentlicher Katalysator für den Prozess der Wissensgewinnung. Relevante Erkenntnisse sind die Grundlage für die Produktion von neuem Wissen und damit Grundlage für den gesellschaftlichen Auftrag des Wissenschaftssystems (Hanekop 2008). Die Relevanz der publizierten Ergebnisse, so wird postuliert, übt einen direkten Einfluss auf die wissenschaftliche Reputation aus.

  3. Anzahl Monografien: Die Anzahl der veröffentlichten Monografien ist ein wesentlicher Reputationsfaktor. Das gilt für die Disziplinen, in denen diese Publikationsform wichtig ist, die Geistes- und Sozialwissenschaften. In den anderen wissenschaftlichen Fachrichtungen spielt die Anzahl der Veröffentlichungen von Artikeln in wissenschaftlichen Journalen eine wichtige Rolle.

  4. Drittmittelprojekte: Drittmittel sind, so der deutsche Wissenschaftsrat, “solche Mittel, die zur Förderung der Forschung und Entwicklung sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Lehre zusätzlich zum regulären Hochschulhaushalt (Grundausstattung) von öffentlichen oder privaten Stellen eingeworben werden” (Wissenschaftsrat 11.03.1993). Die Drittmitteleinwerbung hat sich in Deutschland als “meist gebrauchter Maßstab der Messung von Forschungsqualität durchgesetzt” (Münch 2006). Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Finanzierung der Forschung über Drittmittel einher (Neidhardt 2010) (Jansen 2007) (Handbuch Wissenschaft...). Durch die zunehmende Knappheit öffentlicher Ressourcen für Wissenschaft und Forschung, ist die Akquise von Drittmitteln zu einem kritisch zu betrachtenden Kernziel geworden (Jansen 2007). Das führt zu der Vermutung, dass zunehmend direkte finanzielle und administrative Kontrolle der Forschung eine Rolle spielen (Barlösius 2008). Dabei ist die Frage relevant, ob die Publikationen, die im Rahmen der Drittmittelfinanzierung als wissenschaftliche Erkenntnisse veröffentlicht werden und ob der Antrag um Drittmitteleinwerbung selbst, “zum Erkenntnisfortschritt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft beiträgt” (Münch 2006). Die wissenschaftliche Community befürchtet durch die zunehmende Relevanz der Anzahl von Drittmittelprojekten bei der Erlangung von wissenschaftlicher Reputation eine Einschränkung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung.

  5. Patente: Im Gegensatz zu Urheberrechten, werden Patente nur auf Antrag und nach Prüfung staatlich erteilt (:152 Troy 2012). Es handelt sich dabei um ein “vom Staat verliehene Schutzrecht für eine technische Erfindung, welches dem Patentinhaber für eine bestimmte Zeit die ausschließliche wirtschaftliche Nutzung der Erfindung vorbehält” (Greif 2003). Diese Kommodifizierung von Wissen in Form von Patenten ist dabei exemplarisch für die Privatisierung von Wissen (:152 Troy 2012). Die Anzahl dieser Schutzrechte im Hochschulbereich nimmt seit den 1970er konstant zu (:168 Troy 2012). (Schmoch 2003) (Fabrizio 2008). Vor allem in den technischen Fachdisziplinen wird eine Patentschrift “als funktionales Äquivalent zur wissenschaftlichen Publikation begriffen” und bewertet (Mersch 2014). Die deutsche Hochschulrektorenkonferenz hält fasst die Rolle des Patentwesen an den Hochschulen wie folgt zusammen: “Patente leisten einen Beitrag zur Förderung der Wissenschaft, die Grundlagen des Patentwesens sind daher dem wissenschaftlichen Nachwuchs über entsprechende Lehrangebote zu vermitteln” (Greif 2003). Die Befürchtung, dass Patente einen negativen Effekt auf die Erstellung und Veröffentlichung fundamentaler Forschungsergebnisse haben, konnte nicht abschließend bestätigt werden (Fabrizio 2008).

  6. Vorträge: Vorträge dienen der Verbreitung der Forschungserkenntnisse, sowie Zwischenständen und ermöglichen das Vermitteln des Wissens an andere (Rassenhövel 2010). Vorträge stellen eine informelle und schnelle Form für die Verbreitung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse dar. Die in einem Vortrag vermittelten Inhalten müssen nicht immer genauer belegt werden und die kommunizierten Inhalte lassen sich gegebenenfalls später schriftlich konkretisieren oder korrigieren (Haberle 2002). Vorträge bieten die Möglichkeit bereits vor der eigentlichen Publikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen Anregungen und Reaktionen einzuholen.

  7. Anwendungsrelevanz bzw. Verwertbarkeit: Ein vergleichsweise neuer Indikator für die Reputation von Hochschulen und außeruniversitärer Forschungsinstitute ist die Anwendungsrelevanz der Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung (Handbuch Wissenschaft...). Sie tritt neben die akademischen Mechanismen der Qualitäts- und Leistungskontrolle (:8 Buss 2001) und bezieht sich auf einen Outputfaktor, der primär auf den konkreten Einsatz der gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und auf die Verwertbarkeit wirtschaftlicher Produkte oder Patente und weniger auf die eigentliche wissenschaftliche Veröffentlichung abzielt.

  8. Netzwerke und Kontakte: Netzwerke beschreiben formelle und informelle Verbundsysteme zwischen Wissenschaftlern. Sie erlauben den schnellen Austausch und können Grundlage für Aktivitäten zur Steigerung der wissenschaftlichen Reputation darstellen. Diese Aktivitäten umfassen zum Beispiel gemeinsame Publikationsvorhaben und den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse. Kontakte und Netzwerke schaffen soziale Beziehungen, die für eine erfolgreiche Integration an der Hochschule und der Fachcommunity sorgen, Zugang zu wissenschaftlicher Kommunikation ermöglichen und somit einen Einfluss auf die Anerkennung eines Wissenschaftler oder einer Wissenschaftlerin haben können.

  9. Öffentliche Aufmerksamkeit: Die öffentliche Aufmerksamkeit stellt zum einen eine Möglichkeit des Wissenstransfers außerhalb der wissenschaftlichen (Fach-)Community dar, zum anderen ermöglicht sie die Einflussnahme auf die politische Relevanz wissenschaftlicher Forschungsthemen. Die Veröffentlichung wissenschaftlicher Informationen zu einem bestimmten Thema des öffentlichen Interesses stellt eine Möglichkeit dar, dieses Thema öffentlichkeitswirksam zu katalysieren. Öffentliche Aufmerksamkeit im Rahmen wissenschaftlicher Tätigkeit stellt eine kritisch zu hinterfragende Möglichkeit für die alternative Ressourcengewinnung dar.

  10. Politische Relevanz: Die wissenschaftliche Tätigkeit mit politischer Relevanz stellt eine weitere Möglichkeit dar, wissenschaftliche Inhalte außerhalb der Wissenschaft anwendbar zu machen und führt zu Anerkennung der wissenschaftlichen Arbeit. Daraus ergeben sich allerdings grundsätzliche “Verständigungsprobleme und Interessenkonflikte”, da “Wissenschaft und Politik aufgrund unterschiedlicher Rationalitäten handeln, einander aber zugleich brauchen” (Mayntz 1996). Während es im Wissenschaftssystem “um Erwerb und Erhalt von Wissen” geht, zielt die Politik auf “Erwerb und Erhalt von Macht” (Mayntz 1996) ab. Dennoch wirkt Wissenschaft durch wissenschaftliche Beratung auf Politik und Politik beeinflusst Wissenschaft durch Wissenschaftspolitik (:10 Brown 2014). Die daraus resultierenden Interessenkonflikte können jedoch die Legitimität der Wissenschaft beeinträchtigen (Weingart 2005) (:494 Weber 2002) und gegebenenfalls zu “gegenseitigen Enttäuschungen” führen, vor allem in der “forschungspolitischen Beziehung” (Mayntz 1996).

  11. Renommee der Forschungseinrichtung: Das Renommee einer Forschungseinrichtung ist die Wahrnehmung der Einrichtung innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen (Fach-)Community. Sie hat für Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin eine besondere Bedeutung (Wissensproduktion und...). Sie basiert auf dem Konzept der “Ansteckung” (Soziologische Aufkl{\...). Diese Ansteckung kann dazu führen, dass renommierte Professoren den Ruf einer Fakultät und eine renommierte Fakultät auch den Ruf von Professoren aufbessern können. Übertragen auf das wissenschaftliche Publizieren profitiert ein Autor oder eine Autorin bei der “Ansteckung” von dem Renommee einer Einrichtung, wenn er durch die Publikationsorgane der renommierten Institution veröffentlicht (Lutz 2012) (Buss 2001).

  12. Renommee von Herausgebern oder Mitautoren: Der Herausgeber organisiert den Begutachtungsprozess und sichert bestimmte Qualitätskriterien mit seiner Reputation und seinem Namen (Müller 01.01.2009). Auch hier kommt es im Rahmen des symbolischen wissenschaftlichen Kapitals zu einer Übertragung der Reputation der Herausgeber oder Mitautoren auf die anderen veröffentlichenden Autoren.

  13. Personelle und materielle Ausstattung: Die materielle Ausstattung beschreibt die Rahmenbedingungen, in der ein Wissenschaftler arbeitet. Diese Rahmenbedingungen haben eine herausragende Bedeutung bei der Entscheidung über einen Wirkungsort von Wissenschaftlern (Wissensproduktion und...). Insbesondere die materielle und personelle Ausstattung sind bei traditionellen Berufungsverfahren deutscher Professorinnen und Professoren von besonderem Belang (Himpele 2011), da sie die Arbeitsfähigkeit und die Anerkennung beeinflussen (Buss 2001). Wie die materielle Ausstattung gilt auch die personelle Ausstattung als ein reputationsstiftendes Merkmal für Wissenschaftler und die Institution, an denen sie arbeiten (Wissensproduktion und...). Bei der Ausstattung handelt es sich um einen bilateralen Indikator, der zum einen aus der Bewertung der wissenschaftlichen Arbeit (im Rahmen der Forschungsförderung) resultiert (Herb 2008) und zum anderen Reputation innerhalb der Community schafft (Wissensproduktion und...).

  14. Gutachtertätigkeit und Herausgeberschaft: Gutachter werden zum Beispiel in Peer-Review-Verfahren Autoren des entsprechenden Fachgebietes zugeordnet und entscheiden über die Veröffentlichung des Textes (Frey 2005). Bei manchen Publikationen wird ein Text mehrmals abgelehnt und eine weitere Überarbeitung durch den Autoren oder die Autorin eingefordert, bevor der Artikel final akzeptiert und daraufhin publiziert wird (Frey 2005). In diesem Zusammenhang wirkt sich die Reputation der mit diesem Verfahren betrauten Gutachter auch auf das Image des Verlages aus und umgekehrt. Die Gutachtertätigkeit ist aber nicht nur Kernbestandteil des wissenschaftlichen Qualitätssicherungs- und interdependenten Reputationssystems, sondern stellt auch einen informellen Weg der Kommunikation dar. Er ermöglicht den Gutachtern die Vorabsichtung neuester wissenschaftlicher Informationen und Erkenntnisse. Ähnlich wie die Gutachtertätigkeit ist auch die Herausgeberschaft fester Bestandteil des interdependenten wissenschaftlichen Reputationssystems (Frey 2005): Herausgeber profitieren von den publizierten Inhalten und Erkenntnissen der Autoren, Autoren von der Reputation Herausgebern und der Verlag von beiden.

  15. Funktion: Die jeweilige Funktion oder die (universitäre) Stellenbezeichnung ist ein weiterer Faktor für wissenschaftliche Reputation. Zum wissenschaftlichen Personal zählen Professoren, Juniorprofessoren, wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter, sowie Lehrkräfte (Erhardt 2011). Eine Weiterentwicklung und der “Aufstieg” in der wissenschaftlichen Hierarchie zielt auf das akademische Streben nach einer Professur (Klecha 2008).

  16. Awards und Preise: Preise sind ein weitere Indikator für das wissenschaftliche Belohnungs- und Bewertungssystem. “Die Praxis der Award-Verleihung beruht auf dem Konzept, dass Ressourcen von unabhängigen Dritten auf Qualität geprüft und (...) zertifiziert werden” (Bargheer 2002). Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die Preise oder Awards gewinnen, erfahren Anerkennung. Diese Anerkennungen können jedoch nicht automatisch als “Garant für wissenschaftsrelevante Qualität” (Bargheer 2002) verstanden werden. Die Ehrung mit einem Preis weckt andererseits gegebenenfalls Erwartungen und führt zu dem Anspruch eines stetigen Nachschubs an Anerkennung für den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin.